Sicherheit und kleine Dinge für den Erfolg

Szene aus dem Frühjahr: Claudio Pizarro holt weit aus zum Schussversuch, VfB-Verteidiger Matthieu Delpierre stellt sich ihm entgegen. Werder und der VfB trennten sich 2:2.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Wenn doch nur immer Europa League wäre, werden sie sich gerade im Ländle wünschen. Dort begegnen einem stetig spannende Kontrahenten, beispielsweise aus Dänemark, der Schweiz oder Spanien. Dort hat der noch verlustpunktfreie VfB Stuttgart bereits nach dem vierten Spieltag die Gruppe H bewältigt, weil er just am späten Donnerstagabend auch die Auswärtspartie beim FC Getafe souverän, ja ehrlicherweise sogar im „Schongang“ (kicker.de) mit 3:0 für sich entschied.

 

VfB zwischen Europa-League-Lust und Bundesliga-Frust

 

Unter Christian Gross noch Co, am 13. Oktober zum VfB-Trainer befördert: Jens Keller.

Am Sonntag, 07.11.2010, um 17.30 Uhr jedoch wartet wiederum der bislang so unangenehme Alltag. Dann ist kein europäischer Spitzenreiter Gastgeber von Werder Bremen, sondern der dringlich um Punkte und einen nachhaltigen Aufwärtstrend erpichte Tabellensechzehnte der Bundesliga. „Sie stehen vor der Situation, sich aus dem unteren Bereich wieder heranarbeiten zu müssen“, folgerte Werders Cheftrainer Thomas Schaaf passend. Auf das Wochenende vorausblickend war die Gewichtung der Stuttgarter Aufmerksamkeit deshalb von vornherein eindeutig festgelegt. „Wir sollen die Bundesliga gar nicht aus den Köpfen bekommen. Das muss immer im Hinterkopf sein. Wir müssen uns über Sonntag Gedanken machen“, hatte VfB-Trainer Jens Keller seiner Mannschaft noch vor der internationalen Aufgabe im Madrider Vorort mit auf den Weg gegeben.

 

Das Perfekte an der nicht risikolosen Herangehensweise: Trotz minimalstem Aufwand und großflächig geschonten Stammpersonalien wie etwa Cacau oder den früh ausgetauschten Matthieu Delpierre und Serdar Tasci sowie den erst später eingewechselten Christian Gentner und Timo Gebhart, realisierten die Stuttgarter größtmögliche Erträge in Form des Weiterkommens und gehörig getanktem Selbstvertrauen. Als wenn die verzwickte Konstellation aus Erfolg (Europa League) und Negativerlebnissen (Bundesliga) nicht schon paradox genug wäre, blieb der Verein auch im Herbst 2010 mal wieder nicht von der eigenen Vergangenheit verschont.

Nationalspieler im Duell: Per Mertesacker und Cacau.

Denn Jens Keller hat sein Amt erst seit dem 13. Oktober inne, da die Gemütslagen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt auf extremste Weise mittlerweile ständige Begleiter der VfB-Mannschaft zu sein scheinen.

 

Auf himmelhoch jauchzend folgte zu Tode betrübt: Wieder kostete es einen Trainerjob

 

Trotz jeweils grandioser Aufholjagden kosteten anschließend wieder deprimierende erste Saisonphasen in beinah periodischen Gleichnissen Meistertrainer Armin Veh 2008, seinem Nachfolger Markus Babbel 2009 und ebenso dessen Nachfolger Christian Gross vor nicht einmal vier Wochen die Arbeitsplätze. Ausschlaggebend für die jüngste Freistellung des Schweizers zeichnete sich „eine der schwersten Krisen unserer Bundesliga-Geschichte“, als die sie VfB-Präsident Erwin Staudt drastisch kategorisierte. Mit sechs Niederlagen in sieben Spielen war das Team in die Liga gestartet.

 

„Wir müssen uns von der Qualität des Kaders her vor der Konkurrenz nicht verstecken“, meint Jens Keller vollkommen berechtigt. Hoffnungsvolle Jungkönner, oft aus dem eigenen Leistungszentrum, treffen hier zuhauf auf gereifte internationale Klasse und Erfahrung. Nur mit der Umsetzung - zumindest in der Bundesliga - stockt es noch gewaltig. Zwar bewahrte der Dreierpack Martin Harniks vor einer durchaus möglichen Pokal-Blamage in Chemnitz, doch nur drei Tage später konnte auch der ehemalige Werderaner nichts an der 0:2-Niederlage in Wolfsburgs ändern. „Eine Mannschaft voller Problemfälle“ lautete daraufhin das scharf kritische Urteil der ‚Stuttgarter Zeitung‘.

 

Timo Gebhart (l.) und Ciprian Marica (r.) bedanken sich bei Martin Harnik für seinen Dreierpack im Pokal.

Allofs: „Neuer Ansporn, aus der Situation herauszukommen“

 

Öffentliche Klagelieder sind auch in Bremen derzeit keine Seltenheit. „Natürlich erleben wir keine Situation, die uns glücklich stimmen sollte“, sagt Geschäftsführer Klaus Allofs, „die Unzufriedenheit ist nachvollziehbar, wenn man in der Champions League seine gesetzten Ziele nicht erreicht, im Pokal unglücklich ausscheidet“ und der Liga-Aufwärtstrend jäh vom 1. FC Nürnberg gestoppt wurde. Was noch lange nicht heißt, dass die Grün-Weißen sich damit abfinden und Versteck im fußballerischen Schmollwinkel suchen. Im Gegenteil.

 

„Aktuell sind wir ein ganzes Stück davon entfernt, aber entscheidend ist: Unsere Mannschaft hat Potenzial - und wir haben große Hoffnung, dass sie es auch wieder ausschöpft. Die Dinge sind nicht vorbestimmt und die Konkurrenz in der Liga ist groß“, doch daraus erwächst nur der „neue Ansporn, um aus dieser Situation herauszukommen“, verdeutlicht Allofs. Den Pfad der Tugend präzisiert Cheftrainer Thomas Schaaf: „Gegen Enschede hat die Mannschaft sehr intensiv gearbeitet, Willen gezeigt, gute Ansätze, gute Phasen gehabt. Wir müssen uns gegenseitig Sicherheit geben, einander helfen und über die kleinen Dinge zum Erfolg kommen.“

 

von Maximilian Hendel