"Ich gehe nicht den einfachen Weg"

Interview mit Jerome Gondorf -Teil II

Kann sich vorstellen, nach der Karriere ein Sabbatjahr einzulegen: Jerome Gondorf (Foto: WERDER.DE).
Interview
Montag, 29.01.2018 // 17:12 Uhr

Das Interview führte Yannik Cischinsky

Gleich zweimal war Jerome Gondorf am Samstag ganz nah dran. Fast hätte er gegen die Hertha sein zweites Bundesligator für Werder gemacht, wäre da nicht der Pfosten gewesen. Dabei ist sein erster Treffer in München gerade mal eine weitere Woche her. Es läuft gut bei dem 29-Jährigen. WERDER.DE hat sich mit ihm zum Interview getroffen. Bei dem ausführlichen Gespräch ging es auch um die aktuelle sportliche Situation.

Im zweiten Teil des Interviews spricht Gondorf über den Konkurrenzkampf im Mittelfeld, die Zusammenarbeit mit Coach Florian Kohfeldt, Zukunftspläne und die Rollercoaster-Typen Bargfrede und Jóhannsson.

Sport-Kita-Gründer, Erzieher oder Jugendtrainer: auf alle Fälle will Jerome Gondorf später mit Kindern arbeiten (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Was für ein Typ bist du denn, wie würdest du dich beschreiben?

Jerome Gondorf: „Ich bin ein Familienmensch und ich bin jemand, der für jeden Spaß zu haben ist. Ich habe immer gute Laune, ich bin kein Bargfrede oder Jóhannsson, kein Rollercoaster-Typ (lacht).“

WERDER.DE: Das musst du jetzt aber erklären!

Jerome Gondorf: „Die darfst du teilweise morgens nicht ansprechen, so schlecht ist deren Laune und mittags haben sie plötzlich ein Hoch, dass sie die ganze Welt umarmen könnten. Das muss ich akzeptieren. Ich habe konstant gute Laune (lacht). Ich komme morgens gut gelaunt und gehe abends gut gelaunt.“

WERDER.DE: Du bist 29 Jahre alt und hast gerade noch mal einen großen Schritt gemacht. Bereitet man sich da trotzdem schon auf die Zeit nach der Karriere vor?

Jerome Gondorf: „Ich habe vor einiger Zeit mal gesagt, dass ich gerne eine Sport-Kita gründen würde. Allerdings müssten dazu einige Hürden überwunden werden, das ist nicht so einfach. Ich könnte mir vorstellen als Lehrer, Erzieher oder in der Kita zu arbeiten. Ich hatte schon immer einen guten Draht zu Kindern. Ich habe früher das Vater-Mutter-Kind-Turnen geleitet, ich war Schülermentor und habe an verschiedenen Freizeiten als Betreuer teilgenommen. Ich hatte immer das Bedürfnis, an der Erziehung teilzuhaben. Aber vielleicht bleibe ich auch dem Fußball erhalten. Auf jeden Fall sehe ich mich in einer Funktion, die mit Kindern zu tun hat.“

In meiner Idealvorstellung lege ich erstmal ein Sabbatjahr ein, um etwas von der Welt zu sehen
Jerome Gondorf

WERDER.DE: Machst du parallel schon Trainerlizenzen für den Jugendbereich?

Jerome Gondorf: „Nein, noch nicht. Derzeit kann ich mir vorstellen, dass ich nach meiner Karriere froh sein werde, am Wochenende nicht unterwegs sein zu müssen. Das wird oft unterschätzt in der öffentlichen Wahrnehmung. Es wird immer nur plakativ dargestellt, wie viel Geld Profifußballer verdienen. Man verlangt den Körper allerdings einiges ab, das zehrt an einem. Wenn man Bilder vergleicht, auf denen der Körper eines normalen 36-Jährigen und dem eines 36-jährigen Profis zu sehen sind, der gerade seine Karriere beendet hat, kann man ablesen, wie stark der Körper verbraucht wurde. In meiner Idealvorstellung lege ich erstmal ein Sabbatjahr ein, um etwas von der Welt zu sehen. Danach wird eine Stimme in mir sagen, was ich machen möchte.“

WERDER.DE: Blicken wir aufs Sportliche und noch mal etwas zurück. Kannst du dich mittlerweile über dein erstes Bundesligator für Werder freuen?

Jerome Gondorf: „Das ist nach wie vor schwierig. Ich habe viele Glückwunsch-Nachrichten bekommen und mich selbstverständlich auch gefreut, aber der Stachel sitzt noch drin. Wir hätten die Bayern an diesem Tag packen können – und damit meine ich nicht nur ein Unentschieden. Aber das ist Vergangenheit. Jeder Fußballer lebt von seinem Selbstvertrauen und der Treffer war für mein Selbstvertrauen ein weiterer, wichtiger Schub. Ich hoffe, dass es so positiv weitergeht.“

Gegen Bayern erzielte Jerome Gondorf sein erstes Bundesliga-Tor für Werder (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: In deiner Statistik werden 187 Spiele im zentralen, defensiven oder zentralen-offensiven Mittelfeld geführt. Zuletzt bist du zweimal auf die Außenbahn ausgewichen, hast gleich dein erstes Tor gemacht, gegen Hertha zweimal den Pfosten getroffen. Das ist doch ein Zeichen…

Jerome Gondorf (lacht): „Ich war auch ein stückweit überrascht. Allerdings habe ich auch einen ganz klaren Auftrag mitbekommen. Mir wurde verdeutlicht, wie ich die Position zu interpretieren habe, was von mir auf dieser Position erwartet wird. Dann finde ich mich auch schnell auf einer neuen Position zurecht. Ich habe das Glück, flexibel und variabel einsetzbar zu sein. Dass es dann gleich so gut klappt, ist nicht nur für mich, sondern auch für das Trainerteam und die Mannschaft erfreulich.“

WERDER.DE: Klingt, als käme jetzt noch ein 'aber'…

Jerome Gondorf: „Ja, denn im Endeffekt zählen nur Punkte. Es geht hier nicht um Einzelschicksale, nicht um mich. Wir müssen punkten und uns aus dieser Situation als Mannschaft schnellstmöglich befreien. Allerdings bin ich auch überzeugt, dass wir den Klassenerhalt schaffen, wenn wir weiter so performen.“

WERDER.DE: Gefühlt ist die Konkurrenz gerade im Mittelfeld sehr groß. Wie siehst du das?

Jerome Gondorf: „Ich wusste um diesen Konkurrenzkampf, bevor ich unterschrieben habe. Ich bin nicht der Typ, der den einfachen Weg geht. Ich denke, das lässt sich gut an meiner Karriere ablesen. Ich wusste vor meinem Wechsel nach Bremen, dass der Weg etwas steiniger wird, aber auch, dass ich die nötige Qualität habe, um mich durchzusetzen. Für mich war klar: Wenn ich abliefere, werde ich meine Rolle finden. Wenn ich Argumente liefere, wird das Trainerteam dauerhaft keine Möglichkeit haben, an mir vorbeizukommen. Um die Konkurrenz mache ich mir da keine großen Gedanken. Ich habe immer versucht Druck zu machen, Druck auf die Jungs, die auf dem Platz standen und zuletzt stand ich ja zweimal in der Startelf.“

WERDER.DE: Wie weit siehst du dich auf diesem 'steinigeren Weg'?

Jerome Gondorf: „Ich fühle mich auf einem guten Weg, will meine Leistung aber nicht zu sehr hypen. Ich weiß, wie schnell es wieder in die andere Richtung gehen kann. Das habe ich auch hier in der Hinrunde spüren müssen. Muss man ja so offen sagen. Ich bin deshalb demütig genug, mir kleine Ziele zu setzen.“

Klarer Plan, klare Vorgaben: Florian Kohfeldt hat Jerome Gondorf schnell verdeutlicht, was er von ihm erwartet (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Die Leistungssteigerung ist offensichtlich. Was ist deine Erklärung dafür?

Jerome Gondorf: „Ich glaube, wir haben unter Florian Kohfeldt ganz allgemein, als Mannschaft, eine gute Entwicklung genommen. Er hat uns vom ersten Tag an einen klaren Plan mitgegeben. Er hat uns sofort vermittelt, was er von uns auf dem Platz sehen will, uns gleichzeitig aber an die Hand genommen und uns Lösungsvorschläge präsentiert. Er hat uns gezeigt, was jeder individuell, aber auch wir als Konstrukt taktisch verändern können. Das ganze Trainerteam arbeitet wirklich enorm an Kleinigkeiten. Ich glaube, dass sich diese Arbeit bemerkbar macht. Ich bin froh über diese Entwicklung und überzeugt, dass sie dazu beitragen wird, dass wir am Ende nichts mit dem Abstieg zu tun haben werden.“

WERDER.DE: Und bei dir persönlich. Hat sich etwas verändert, weshalb es jetzt besser läuft?

Jerome Gondorf: „Grundsätzlich möchte und muss sich jeder Spieler unter einem neuen Trainer erneut beweisen. Ich glaube, der Austausch mit dem Trainerteam war einfach von der ersten Sekunde an sehr gut, sehr produktiv. Mir wurde klar aufgezeigt, was ich gut mache und vor allem, was ich besser machen kann. Uns als Team wurde ein klarer Plan vorgelebt. Wenn man diesen Plan hat, liegt es an dir als Spieler, ihn umzusetzen. Dadurch werden dir Werte vorgegeben, an denen du gemessen wirst oder dich messen lassen kannst. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, diese zu erfüllen und ich denke, das klappt gerade ganz gut. Ich bin froh, dass ich mich auf dem Platz mit Leistung unter Beweis stellen kann, und fühle mich derzeit sehr wohl.“

WERDER.DE: Wie hat sich deine Rolle verändert?

Jerome Gondorf: „Ich glaube, dass ich an Standing dazugewonnen habe, in erster Linie durch die Leistungen auf dem Platz. Ich weiß nicht ganz genau, weshalb es in der Hinrunde nicht so gut funktioniert hat, wie jetzt zu Beginn der Rückrunde. Ich bin aber auch nicht der Typ, der nachtrauert. Es gab verschiedene Faktoren, auf die man nicht mehr einzugehen braucht. Ich bin froh, dass es gerade so läuft.“

WERDER.DE: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch, Jerome.

Im ersten Teil des Interviews, das hier auf WERDER.DE erschienen ist, spricht Jerome Gondorf über Dauerregen an der Weser, Fußmärsche durch die Stadt, Kohlfahrten und Privatsphäre.