Kein Hauptdarsteller

Interview mit Jerome Gondorf

Jerome Gondorfs Lieblingsplatz: der Bürgerpark. Hier kann er abschalten vom Fußballalltag (Foto: WERDER.DE).
Interview
Donnerstag, 25.01.2018 // 17:36 Uhr

Das Interview führte Yannik Cischinsky

Jerome Gondorf ist der Mann der Stunde. Mit starken Leistungen gegen Hoffenheim und München hat sich der Mittelfeldmann nicht nur in die Startelf gespielt, sondern auch in den Fokus. Doch seine Leistungen will Gondorf nicht zu hoch hängen, vor allem möchte er nicht allzu viel darüber reden. WERDER.DE hat sich deshalb mit dem 29-Jährige dort zum Interview getroffen, wo er am liebsten vom Bundesligaalltag abschaltet: im Bremer Bürgerpark.

Im Interview spricht der gebürtige Karlsruher über Dauerregen an der Weser, Fußmärsche durch die Stadt, Kohlfahrten und Privatsphäre.

WERDER.DE: Du hast uns im Sommer erzählt, dass du gerne alles zu Fuß erkundest. Wie viel von Bremen konntest du schon ablaufen?

Jerome Gondorf: „Ich glaube, ich habe Bremen durch (lacht). Ganz ehrlich: Für mich ist das am Anfang normal, wenn man Stadt und Umgebung selbst kennenlernen will. Ich wollte wissen, wo der nächste Bäcker ist, bei dem ich mir morgens die Brötchen hole, wo man gut essen kann. Wir haben wirklich sehr viel zu Fuß erkundet und sind immer noch dabei, weil wir mit meiner kleinen Tochter gerne spazieren gehen.“

WERDER.DE: Was sind deine Lieblingsplätze – mal abgesehen vom Trainingsplatz?

Jerome Gondorf: „Der Bürgerpark zählt definitiv dazu. Hier kann ich Ruhe finden und die Tiere sind für meine Tochter ein absolutes Highlight. Gleichzeitig gefällt es mir, viel Grün um mich herum zu haben. Darüber hinaus mag ich das Viertel sehr gerne oder halte mich gerne an der Schlachte, direkt am Wasser, auf. Aber ich mag zum Beispiel auch das Altertümliche im Zentrum, deshalb finde ich mich oft im Schnoor wieder. Bremen hat viele schöne Ecken, ein gewisses Flair."

Genießt gerne die Ruhe des Bürgerparks: Jerome Gondorf (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Ist der Bürgerpark für dich ein Ausgleich zum stressigen Trainingsalltag?

Jerome Gondorf: „Wenn das Wetter mal gut ist, dann auf jeden Fall (lacht). Ansonsten bringen mich meine Frau und meine Tochter auf andere Gedanken. Ich kann, vieleicht auch aufgrund meines Alters, schnell von der Arbeit abschalten. Ich bekomme negative Erlebnisse schnell aus dem Kopf.“

WERDER.DE: Du sprichst den Bremer Dauerregen an. Wie unterscheidet sich das Leben hier von dem in deiner Heimat Karlsruhe?

Jerome Gondorf: „Das Wetter ist auf jeden Fall der größte Unterschied. Wir sind ja total verwöhnt. Karlsruhe ist einer der sonnenreichsten Flecken Deutschlands. Es hört sich dumm an, aber obwohl wir immer noch in Deutschland sind, sieht die Welt hier ganz anders aus. Es gibt wirklich viele graue Tage. Darüber hinaus wird oft behauptet, dass die Menschen im Norden kühler sind. Das kann ich nur teilweise bestätigen. Du bekommst manchmal nur ein kurzes 'Moin' mit auf den Weg, das kommt unterkühlt rüber. Das muss man erstmal verstehen, aber wenn man das verinnerlicht hat, merkt man sehr schnell, dass die Menschen extrem warmherzig und hilfsbereit sind.“

WERDER.DE: Wie entspannst du?

Jerome Gondorf: „Ich bin nicht der Typ, der sich wie ein Faullenzer auf die Couch schmeißt. Ich unternehme sehr viel mit meiner Tochter. Sie ist sehr aufgeweckt, aktiv und hat viele Faxen im Kopf. Die Zeit, die ich mit ihr verbringen kann, ist die schönste Zeit.“

WERDER.DE: Wann hast du das letzte Mal Zeit gefunden, ein Buch zu lesen?

Jerome Gondorf: „Das ist nicht lange her, das war vorgestern in der Sauna (lacht). Das ist wirklich ein witziger Zufall: Seitdem ich in Bremen bin, lese ich sehr viel – vielleicht aufgrund der Situation, dass ich nicht mehr meine Familie und mein bekanntes Umfeld um mich herum habe. Aktuell lese ich 'Der Alchemist' von Paulo Coelho. Ein spanndes Buch. Mich muss ein Buch schnell packen, sonst steht’s auch schnell wieder im Regal.“

Eine Kohlfahrt? Das muss ja etwas mit dem Gemüse zu tun haben...
Jerome Gondorf

WERDER.DE: Wie gehst du darüber hinaus damit um, dass der Familienmensch Jerome Gondorf nicht mehr die ganze 'Sippe' um sich herum hat?

Jerome Gondorf: „Das ist ohne Frage gewöhnungsbedürftig. Aber wenn du einen Schritt ins Ungewisse machst, ist das Interesse deines Umfelds meistens groß, daran teilzuhaben. Das finde ich sehr schön. Wir hatten das Glück, dass wir bisher fast jedes Wochenende familiären Besuch hatten, insbesondere bei den Heimspielen. Und außerdem gibt es heutzutage genug technische Möglichkeiten wie FaceTime oder Skype, da bleibt man immer auf dem Laufenden. Ich glaube, ich habe nicht allzu viel verpasst in Karlsruhe. Und dennoch wäre es in manchen Augenblicken schön, einen meiner Brüder oder die eigenen Eltern bei sich zu haben, sie auf eine Kaffee einladen zu können...“

WERDER.DE: In Bremen und umzu – wie man so schön sagt – ist gerade Kohlfahrtzeit. Wie stellst du dir als gebürtiger Badener eine typische Kohlfahrt vor?

Jerome Gondorf (lacht): „Eine Kohlfahrt? Das muss ja etwas mit dem Gemüse zu tun haben… (überlegt). Bei uns gibt es Mai-Wanderungen. Da zieht man einen Bollerwagen, den man mit Bier und Schnaps füllt, mit einer größeren Truppe hinter sich her. Meistens kommt abends ziemlich besudelt nach Hause. Geht das in diese Richtung?"

Ungern alleine: Viel lieber hätte Jerome Gondorf noch Frau und Tochter dabei (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Durchaus, nur das man während der Kohlfahrt häufig Spiele veranstaltet und abends für ein deftiges Grünkohlessen einkehrt. Die meisten Leute sind zwischen Januar und März unterwegs...

Jerome Gondorf: „Keine gute Zeit für mich als Fußballer. Das ist mitten in der Saison, deshalb habe ich davon noch nichts mitbekommen.“

WERDER.DE: In einem deiner ersten Interviews hast du angekündigt, Bremer Spezialitäten, beispielsweise ein 'Rollo', probieren zu wollen. Schon geschafft?

Jerome Gondorf: „Ja, habe ich. Ehrlich gesagt habe ich mir etwas total Spezielles vorgestellt, aber in Süddeutschland sagen wir dazu einfach Döner im Yufka, also ins Fladenbrot eingerollt.“

WERDER.DE: Wenn du beim Bäcker oder im Dönerladen stehst, wirst du da durch deine blonden Haare jetzt häufiger erkannt?

Jerome Gondorf (lacht): „Es hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass mein Bekanntheitsgrad gestiegen ist. Für mich war das gar kein Thema. Ich hatte die Frisur schon mal, für die Bremer war es neu. Aber natürlich war der Bezug zu Robert Lewandowski da, der sich damit frisch gestaltet hat. Für mich ist das nichts Spektakuläres.“

WERDER.DE: Wie wichtig ist dir Privatsphäre und wie viel Privatsphäre hast du?

Jerome Gondorf: „Ich bin ehrlich. Ich habe das Glück, kein Hauptdarsteller zu sein und nicht so im Fokus zu stehen wie zum Beispiel Max. Ich fühle mich wohl in dieser Rolle, mir ist es sehr recht, dass mich nicht jeder erkennt. Von daher fühle ich mich in meiner Privatsphäre überhaupt nicht eingeschränkt. Ich habe aber auch kein Problem damit, ein Foto oder ein Autogramm zu geben. Ich bin auch immer dabei, wenn man mal ein kleines Plauderchen halten möchte.“

WERDER.DE: Und dennoch hast du deine Social-Media-Kanäle vor einiger Zeit gelöscht. Warum?

Jerome Gondorf: „Das hatte einen einfachen Grund: Ich habe die Seite während der Zweitligazeit mit Darmstadt erstellt. Damals wollte ich mit den Fans in einen regen Austausch kommen. Aber ich habe durch die Geburt meiner Tochter immer weniger Zeit gefunden, habe immer weniger Nachrichten beantworten können. Für mich stand nie zur Diskussion, ob ich jemand anderem die Rechte für meine Seite übertrage. Das wäre nicht ich gewesen, das hätte nicht zu meinem Charakter gepasst.“

WERDER.DE: Inwiefern?

Jerome Gondorf: „Ich denke nicht, dass ich Privates unter Verschluss halte, aber ich bin einfach kein Social-Media-Typ. Dieser Trend, dass Stars, Fußballspieler oder Promis Alltägliches aus ihrem Leben posten, hat mich nie gepackt. Ich wüsste auch nicht, warum ich viel von der Familie preisgeben müsste, warum ich meinen Kaffee fotografieren müsste oder wie ich durch den Bürgerpark laufe. Wir unterscheiden uns nicht von anderen Familien.“

Im zweiten Teil des Interviews, das am Montag auf WERDER.DE erscheint, spricht Jerome Gondorf über den Konkurrenzkampf im Mittelfeld, Zukunftspläne und die Rollercoaster-Typen Bargfrede und Jóhannsson.