Kleine Brötchen

Jerome Gondorf ist niemand, der große Zielvorgaben äußert (Foto: WERDER.DE).
Interview
Freitag, 14.07.2017 // 17:02 Uhr

Das Interview führte Peter Hettler

Jerome Gondorf lehnt sich zurück. Zwischen intensiven Trainingseinheiten nimmt der Neuzugang im Wintergarten des "Posthotels" Platz für ein Interview. Wer meint, der Mittelfeldakteur sei erschöpft, müde oder genervt von den harten Einheiten, der irrt. Auf die Frage, ob nach drei Trainingsschichten am Tag das Bedürfnis nach Fußball auch irgendwann mal befriedigt sei, wird man nie ein 'Ja' vom Werder-Neuzugang bekommen. "Ich könnte immer kicken", sagt der 29-Jährige. Die Lust auf Fußball, die Rolle des nimmermüden Fleißarbeiters mit der großen Leidenschaft für den Sport, nimmt man Gondorf ab. Zurückgelehnt wird sich höchstens für das Kamerabild. 

Im zweiten Teil des Interviews spricht Gondorf über die Bedeutung der Familie für ihn, tief verwurzelte Fußballergene und Zielsetzungen.

WERDER.DE: Wenn man auf deine Familie blickt, konntest du eigentlich nur Fußballer werden...

Jerome Gondorf: „Das wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Meine Eltern sind beide total sportbegeistert und fußballverrückt. Alle meine Geschwister sind oder waren im Fußball aktiv.“

WERDER.DE: Wie ist das Verhältnis zu deinen Geschwistern?

Jerome Gondorf: „Super, sie sind mit das Wichtigste, was ich im Leben habe. Wir haben eine sehr intakte Familie und sehen uns fast alle zwei Wochen, wir kommen zu Spieleabenden zusammen. Familie bedeutet alles für mich.“

WERDER.DE: Bist du mit deinem Weg ein Vorbild für sie?

Jerome Gondorf: „Nein, ich bin kein Vorbild. Sie freuen sich einfach mit mir. Damit hatte keiner mehr gerechnet, selbst ich nicht. Ich will auch gar kein Vorbild sein. Meine Brüder sind alle in der Lage, ihren eigenen Weg zu gehen, sie haben genug Stärken und Charakter.“ 

Die Mannschaft macht es einem sehr einfach, sich einzuleben
Jerome Gondorf

WERDER.DE: Warst du schon immer der beste Fußballer unter den Brüdern?

Jerome Gondorf: „Auf keinen Fall. Mein älterer Bruder hatte viel Talent, wurde aber durch Verletzungen zurückgeworfen. Meinem jüngsten Bruder würde ich am meisten Talent attestieren. Ich hoffe auch, dass er den Durchbruch schafft. Er spielt aktuell in der Regionalliga. Wenn er ein Stück meiner Mentalität, diesen Biss, in sich verwirklicht, stehen ihm viele Türen offen.“

WERDER.DE: Heimat ist dir spürbar wichtig. Als du in Darmstadt gespielt hast, bist du sogar von Karlsruhe aus gependelt. Wie schwer war der Schritt in den Norden nach Bremen?

Jerome Gondorf: „Es war eine schwierige Entscheidung. Allerdings ist in mir das Gefühl herangewachsen, noch mal etwas anderes zu wollen, mich sowohl fußballerisch, aber auch menschlich weiterentwickeln zu wollen. Ich hatte das Glück, dass ich auf professioneller Ebene Fußballspielen konnte und dennoch bei meiner Familie zuhause war. Jetzt war der nächste Schritt dran. Mein Frau hat mir den Rücken gestärkt, also haben wir als Familie diesen Sprung gewagt.“

Jerome Gondorf beim Training mit den neuen Kollegen (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Konntest du dir überhaupt schon angucken, wo du gelandet bist?

Jerome Gondorf: „Drei Tage vor dem Vorbereitungsstart sind wir in unser neues Haus eingezogen, wir haben versucht uns zu orientieren und sind schon viel zu Fuß abgelaufen, zum Beispiel an die Schlachte oder bis in die Innenstadt. Uns sagt Bremen sehr zu. Ich glaube, wir können uns sehr heimisch fühlen.“

WERDER.DE: Und das Team konntest du trotz der zahlreichen Einheiten hier im Zillertal schon etwas kennenlernen?

Jerome Gondorf: „Ja, gerade nach dem Abendessen bleibt Zeit, sich zu unterhalten. Die Mannschaft macht es einem sehr einfach, sich einzuleben. Ich wurde direkt herzlich aufgenommen, habe viele Gesprächspartner. Man hilft sich auf dem Platz. Das ist das A und O. Ich kann nur Positives berichten.“

WERDER.DE: Wie hast du das Trainingslager im Zillertal erlebt?

Jerome Gondorf: „Wir konnten wirklich sehr konzentriert arbeiten. Die Verhältnisse waren super, das Hotel hervorragend, das Essen toll. Man hat die nötige Ruhe, um von den intensiven Einheiten abzuschalten, innerlich wieder zur Ruhe zu kommen. Das ist in meinen Augen ein wichtiger Punkt.“

WERDER.DE: Wir haben vor ein paar Tagen mit Ludwig Augustinsson gesprochen, der klar formuliert hat, dass er mit Werder irgendwann in Europa spielen möchte. Was sind deine Ziele?

Jerome Gondorf: „Ich bin niemand, der große Ziele ausgibt. Selbstverständlich sind das Ziele, die ein Verein wie Bremen haben sollte. Werder ist für mich einer der besten deutschen Vereine, über viele Jahre eine echte Topadresse in Europa. Dass die Vision besteht, sich dort irgendwann wiederzufinden, ist verständlich und richtig. Aber die Vergangenheit hat in meinen Augen auch hier gezeigt, dass man viel erreichen kann, wenn man kleine Brötchen backt, vielleicht sogar eher überraschen kann. Damit bin ich persönlich in meiner Karriere gut gefahren. Man sollte den Weg hier mit Demut weitergehen, trotz der sehr guten Rückrunde. Ich habe das Gefühl, dass die Verantwortlichen und Spieler das gut einzuordnen wissen.“

Gondorf im Interview: