"Es gibt keinen halben Gondorf"

Ganz oder gar nicht: Jerome Gondorf investiert immer alles, wenn er sich für etwas entschieden hat (Foto: W.DE).
Interview
Donnerstag, 13.07.2017 // 16:56 Uhr

Das Interview führte Peter Hettler

Jerome Gondorf lehnt sich zurück. Zwischen intensiven Trainingseinheiten nimmt der Neuzugang im Wintergarten des "Posthotels" Platz für ein Interview. Wer meint, der Mittelfeldakteur sei erschöpft, müde oder genervt von den harten Einheiten, der irrt. Auf die Frage, ob nach drei Trainingsschichten am Tag das Bedürfnis nach Fußball auch irgendwann mal befriedigt sei, wird man nie ein 'Ja' vom Werder-Neuzugang bekommen. "Ich könnte immer kicken", sagt der 29-Jährige. Die Lust auf Fußball, die Rolle des nimmermüden Fleißarbeiters mit der großen Leidenschaft für den Sport, nimmt man Gondorf ab. Zurückgelehnt wird sich höchstens für das Kamerabild. 

Im ersten Teil des Interviews mit WERDER.DE und WERDER.TV spricht Gondorf über sein spätes Bundesligadebüt, seine Qualitäten als Entertainer und seine Stärken als verbindender Spieler zwischen Defensive und Offensive.

WERDER.DE: Wir starten mit einem kleinen Rückblick. Du warst 27 Jahre, als du dein erstes Bundesligaspiel bestritten hast. Bist du ein echter Spätstarter?

Jerome Gondorf: „Ja, ich denke, das kann man wohl so sagen. Ich habe spät in meiner Karriere die entscheidenden Schritte gemacht und vor allem wenn man die erste und zweite Liga als Maßstab nimmt kann man sagen, dass ich ein echter Spätstarter bin. Bundesliga spiele ich erst seit drei Jahren.“

WERDER.DE: Wann wurde dir klar, dass deine Karriere noch eine solchen Weg einschlagen kann?

Jerome Gondorf: „Mit dem Aufstieg in die zweite Liga. Da haben wir etwas erreicht, womit keiner rechnete, denn die Erwartungshaltung in Darmstadt war eine ganz andere. Wir wollten uns erstmal wieder stabilisieren in der Liga und haben dann dieses Wunder geschafft. Da ist in mir etwas herangewachsen. Ich wollte mich noch mehr beweisen, mich mit noch größeren Spielern messen. Mit dem Aufstieg in die erste Liga habe ich meine Träume verwirklicht - und da will jeder Spieler bleiben.“

WERDER.DE: Dabei hat dein Vater dir doch eine Laufbahn als Comedian oder Schauspieler nahegelegt…

Jerome Gondorf: „Ja, das stimmt (lacht). Ich war zuhause immer der, der an Festen oder Geburtstagen gerne etwas vorgetragen hat. Dafür habe ich wohl ein Talent und deswegen hätte mich mein Vater gerne in dieser Schiene gesehen.“

Kennen sich aus Darmstädter Zeiten: Jérôme Gondorf und Luca Caldirola (Foto. nordphoto).

WERDER.DE: Bist du auch in der Mannschaft einer, der für gute Stimmung sorgt?

Jerome Gondorf: „Ich bin auf jeden Fall keiner, der für schlechte Laune sorgt. Das finde ich wichtig (lacht). Ich bin ein lustiger Typ, klar. In der Kabine kann mal Quatsch machen und Spaß haben, aber auf dem Platz muss der Fokus da sein."

WERDER.DE: Du siehst dich selbst als Kampfsau. Warst du das schon immer?

Jerome Gondorf: „Nein. Zu meiner Jugendzeit war ich eher der klassische Zehner, der schöne Bälle spielt und den Pässen lieber hinterherschaut, als ihnen nachzugehen. Erst als ich meinen Vertrag bei den Stuttgarter Kickers erhielt und Dirk Schuster als Trainer hatte, wurde ich dahingehend geschleift. Meine Kämpfermentalität wurde gefördert, der Wille, alles rauszuhauen, was in einem steckt und es auf den Platz zu bringen. Das hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.“

WERDER.DE: Wie lange hat das gedauert?

Jerome Gondorf: „Nicht lange. Ich musste mich schnell anpassen. Sonst hätte ich keine Chance gehabt, in der Mannschaft zu bestehen. Es ging viel über Teamgeist, über den Willen, Leidenschaft, Einsatzbereitschaft. Wir mussten viel investieren. Das wird auch bei Werder wichtig sein.“

WERDER.DE: Das zeichnet dich als Spieler aus?

Jerome Gondorf: „Ich investiere immer alles. Einen halben Gondorf wird es nicht geben. So bin ich auch im Leben. Wenn ich mich für etwas bereiterkläre, ziehe ich es auch zu hundert Prozent durch. Mein Ex-Trainer hat mal einen guten Satz über mich gesagt: ‚Spieler soll man erst abschreiben, wenn sie unter der Dusche stehen.‘ Das trifft auch auf mich zu. Es gibt keine halben Sachen, das versuche ich auch der Truppe zu vermitteln. Ich bin in einem Alter, in dem ich die Verantwortung habe, Erfahrungen weiterzugeben. Ich versuche, vorneweg zu marschieren.“ 

Ich bin ein Verbindungsspieler
Jerome Gondorf

WERDER.DE: Du hast bei Werder mit deiner Rückennummer ein großes Erbe angetreten.

Jerome Gondorf: „Ich bin kein Erbe von Clemens. Die Nummer hat mir in der Vergangenheit Glück gebracht und passt ganz gut für meine Position. Spieler prägen immer mal wieder eine große Ära, wie auch Clemens sie hier geprägt hat. Jeder weiß, was er für den Verein geleistet hat. Aber wenn man das an die Rückennummer knüpfen würde, bräuchte es in der Bundesliga ein paar mehr Ziffern. Ich sehe diese Nummer Acht überhaupt nicht als Last.“

WERDER.DE: Du bist das verbindende Element zwischen Defensive und Offensive?

Jerome Gondorf: „Ja. Ich bin im Mittelfeld flexibel einsetzbar auf der Sechs, der Acht, der Zehn – je nachdem was das System verlangt und welche Vorstellungen der Trainer hat. Es ist vielleicht einer meiner Pluspunkte, nicht auf eine Position festgezurrt zu sein. Durch meine laufintensive Arbeit und meine spielerischen Elemente bin ich ein Verbindungsspieler.“

Im zweiten Teil des Interviews, das am Freitag auf WERDER.DE erscheint, spricht Gondorf über die Bedeutung der Familie für ihn, Fußballergene und Ziele.