Ein Londoner Leben

Prödl-Interview Teil I

Für ein Interview mit WERDER.DE nahm sich Sebastian Prödl in London viel Zeit (Foto: WERDER.DE).
Interview
Dienstag, 20.12.2016 // 18:09 Uhr

Von Dominik Kupilas und Felix Ilemann

Seit eineinhalb Jahren steht Sebastian Prödl inzwischen beim FC Watford unter Vertrag. Er genießt sein neues Leben in der englischen Hauptstadt und saugt die Eindrücke der Premier League auf wie ein Schwamm. Den SV Werder hat Prödl trotzdem nie ganz hinter sich gelassen. „Es tut immer gut, Gesichter von Werder zu sehen und über Werder zu sprechen“, sagt der Innenverteidiger, als WERDER.DE ihn in dessen neuer Heimat London-Hampstead besucht.

In einem typisch englischen Pub unweit der Wohnung von Sebastian Prödl unterhielten sich die Werder-Redakteure Dominik Kupilas und Felix Ilemann mit dem 29-Jährigen. Im ersten Teil des Interviews spricht der österreichische Nationalspieler über die alten Zeiten, sein neues Leben und kleinere Startschwierigkeiten.

WERDER.DE: Moin Sebastian, du spielst inzwischen seit eineinhalb Jahren in der Premier League. Wer ist härter, die Liga oder Sebastian Prödl?

Sebastian Prödl (lacht): „Die Premier League ist schon sehr hart. Es ist eine physisch starke Liga, es wird viel Wert auf ein körperbetontes Spiel gelegt, die Tacklings sind intensiver als in Deutschland und das Spiel geht viel schneller hin und her. Ich möchte nicht sagen, dass die Qualität besser ist als die der Bundesliga, aber es geht mehr zur Sache.“

Sebastian Prödl hat die Werder-Fans trotz fantastischer Stimmung in England nicht vergessen (Archivfoto: nordphoto).

WERDER.DE: Es steckt ja auch sehr viel Qualität in der Liga - viele große Klubs und große Namen. Hast du schon besondere Momente erlebt?

Sebastian Prödl: „Es gab einige großartige Spiele. Wir sind für Premier-League-Verhältnisse eher ein kleinerer Verein. Dieses Jahr haben wir beispielsweise Manchester United geschlagen, das erste Mal seit 30 Jahren. Und letztes Jahr haben wir gegen Liverpool gewonnen. Das sind großartige Ereignisse für so einen Verein wie Watford FC. Und natürlich war der Klassenerhalt im letzten Jahr eine grandiose Leistung. Das sind absolute Highlights für diesen Verein und damit auch für mich persönlich.“

WERDER.DE: Höhepunkte sind sicher die imposanten Stadien. Welches war von der Stimmung her das beste?

Sebastian Prödl: „Die Stimmung in Newcastle war richtig gut. Der Verein ist leider abgestiegen, aber die Atmosphäre war überragend. Das hätte ich im Vorfeld nicht gedacht. Manchester United hat ebenfalls ein unfassbares Stadion mit absolutem Kultstatus. Und auch die neu gebauten Stadien wie das von Manchester City oder das Emirates-Stadium von Arsenal sind imposant. Es ist sehr besonders, dort zu spielen zu dürfen.“

Ich habe immer gesagt, ich komme von den 'German Giants'
Sebastian Prödl

WERDER.DE: Kann das Weser-Stadion da mithalten?

Sebastian Prödl: „Von der Stimmung auf alle Fälle. In Deutschland herrscht eine andere Fankultur. Dort wird versucht von den Rängen aus Stimmung zu machen, während hier mit jeder Spielaktion mitgegangen wird. Die Fans waren in Bremen immer etwas Besonderes, insbesondere der Zusammenhalt zwischen Mannschaft und Anhängern. Ich habe bei Werder sowohl die guten, als auch die schwierigen Zeiten miterlebt und vor allem in den schlechten Zeiten fällt der positive Fan-Support in Bremen extrem auf."

Sebastian Prödl fühlt sich wohl in London, vermisst aber Bremen und Werder (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Der Wechsel von Jürgen Klopp zum FC Liverpool hat in Deutschland einen kleinen Premier-League-Hype ausgelöst. Konnte man das hier auch spüren?

Sebastian Prödl: „Ja, vor allem bei mir hat das etwas ausgelöst. Ich finde es hervorragend, dass deutsche Trainer vermehrt hier rüberkommen und Jürgen Klopp, der in Deutschland sehr erfolgreich war, jetzt hier seine Spuren hinterlässt. Er ist seinem System treu geblieben und hat damit inzwischen Erfolg. Es ist natürlich auch für Spieler, die aus der Bundesliga in die Premier League wechseln eine Hilfe, mehr Wertschätzung zu erfahren.“

WERDER.DE: Das klingt, als habe die Bundesliga hier keinen allzu großen Stellenwert...

Sebastian Prödl: „Das wird immer besser. Als ich hier neu war, musste ich einigen Leuten erklären, von wo ich kam – leider. Da habe ich immer geantwortet von den 'German Giants' aus Bremen (lacht). Diejenigen, die den Fußball in Deutschland kennen, die wissen, dass Werder ein großer Verein ist. Aber insgesamt ist die Fußballkultur hier etwas anders. Die Menschen schauen lieber in ihre zweite, dritte und vierte Liga und lieben ihren englischen Fußball, anstatt andere Ligen zu verfolgen. Natürlich kennen sie alle großen Vereine, aber Interesse besteht vorwiegend nur am englischen Fußball.“

WERDER.DE: Das letzte Mal haben wir uns in Bremen getroffen, inzwischen bist du eingefleischter Londoner. Wie lebt es sich in dieser Metropole?

Sebastian Prödl: „Es ist ein großer Unterschied zu Bremen. Dort waren die Menschen offener, die Stadt sehr viel kleiner. London ist eine typische Großstadt, hier leben sehr viele zugezogene Leute, das Networking geht relativ einfach, wenn man sich darauf einlässt, ist aber auch oberflächlicher. Alleine für die eigene Lebenserfahrung ist es super, hier zu wohnen, mit vielen Kulturen klarzukommen und seine eigene Kultur einzubringen. Das sind Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Natürlich vermisse ich Bremen auf seine Art und Weise – nicht nur den Verein, sondern auch die Stadt und die Leute. Aber der Schritt war ein guter für mich – sowohl für die persönliche, als auch für die fußballerische Entwicklung.“

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WERDER.DE: Und der Besuch aus der Heimat hat zugenommen?

Sebastian Prödl: „Besuch bekomme ich tatsächlich mehr. Aber ich glaube, das liegt eher an der Stadt London, als an der Person Sebastian Prödl (lacht)."

WERDER.DE: Ist Sebastian Prödl hier nicht nur Fußball-Profi sondern auch Stadtführer?

Sebastian Prödl: „Mittlerweile bin ich soweit, dass ich von zu Hause aus der Tourguide bin. Ich gebe den Gästen gerne das Programm mit, weil ich einige Sachen inzwischen sehr oft gesehen habe. Ich bin aber kein Sehenswürdigkeiten-Jäger, sondern liebe es in Restaurants und Bezirke zu gehen, in denen es nicht so touristisch ist, und die englische Kultur kennenzulernen. Deswegen schicke ich die Leute auf ihre eigene Reise und treffe sie dann später irgendwo im Café oder im Pub wieder.“

WERDER.DE: Welchen Spot legst du deinen Gästen besonders ans Herz?

Sebastian Prödl: „Das ist schwierig. Ich bin sehr gerne in unserem Village hier in Hampstead oder auch in Notting Hill. Das sind zwei Gegenden, die eher familiär sind und nicht so von Touristen überlaufen. Hier ist es ruhiger und trotzdem spürt man Großstadtflair. Es herrscht ein Charme, in dem man sich wohlfühlen kann.“

WERDER.DE: Gab es Dinge, an die du dich hier gewöhnen musstest oder lief es von Anfang an so rund?

Sebastian Prödl: „Es gab so einiges. Ich habe mir das mit dem Umzug beispielsweise sehr viel einfacher vorgestellt. Mir ist es nicht leicht gefallen von Bremen loszulassen, von den Leuten, die fast schon eine Familie für mich geworden sind. Aber auch die Wohnungssuche war extrem schwer hier in London, wir haben sehr lange gebraucht."

WERDER.DE: Woran lag es?

Sebastian Prödl: „Vor allem daran, dass die Interessen hier anders gelagert sind. Wer die deutsche Wohnkultur kennt, der weiß, dass man sich wohlfühlen will, Großzügigkeit und hohe Wohnqualität bekommt. Das ist hier ganz anders. Hier geht es um die Anzahl der Zimmer und nicht um die Größe des Wohnraums. Aber wir sind dann doch fündig geworden und richtig angekommen. Inzwischen fühlen wir uns sehr wohl und sind abgehärtet, was die Wohnkultur angeht (lacht).“

Hier gibt's den zweiten Teil des Interviews mit den Themen Weihnachten, Boxing Day und "Werder-Fanclub London"!