Erst die Laufbereitschaft, dann das große Pfand

Direkt nach seiner Rückkehr vom FC Chelsea erzielte Claudio Pizarro beim 3:0-Hinspielsieg einen Doppelpack.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Beinah täuschend ähnlich erscheinen die Vorzeichen. Identisch zur Vorsaison trifft Werder Bremen heuer am 20. Spieltag (Samstag, 30.01.2010, um 15.30 Uhr) auf Borussia Mönchengladbach – nur diesmal auswärts im Borussia-Park und nicht im eigenen Wohnzimmer. Und wie in der Vorsaison auch stehen die Grün-Weißen schon zum jetzigen Zeitpunkt der Saison an einer tabellarischen Weggabelung. Cheftrainer Thomas Schaaf bringt den Ernst der Lage nach vier Niederlagen in Folge unverhohlen auf den Punkt: „Dafür muss man kein großer Mathematiker sein. Wir brauchen Erfolgserlebnisse und müssen zusehen, Punkte zu sammeln, ansonsten wird der Abstand größer und man kommt in Gefahr, gewisse Dinge nicht mehr zu erreichen.“

 

Marko Marin wird zum ersten Mal seit seinem Wechsel wieder in Mönchengladbach auflaufen.

Quo vadis, Werder? „Wir brauchen Erfolgserlebnisse“

 

Damals - am 20. Spieltag 2009 - hatte es trotz 35 Torschüssen und einer Überlegenheit wie sie sich selten ereignet nur zu einem mageren 1:1 im Weser-Stadion gereicht, was den Rückstand auf den ersten internationalen Startplatz auf neun Punkte anwachsen ließ. Im wirklich ungünstigsten Fall droht das gleiche Schicksal am kommenden Wochenende. Die große Frage, die es für die Mannschaft nun gilt, zu beantworten: Quo vadis, Werder? Wohin gehst du? An einen - wenn nicht sogar den großen - Vorteil der Bremer während jener sportlich derartig unangenehmen Situation voll des Müssens, des Drucks und dem möglichen Anschlussverlust nach oben erinnerte am Donnerstag gerade der Trainer des nächsten Bundesliga-Kontrahenten und machte gleichzeitig Mut. „Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Bremen macht gerade nicht die einfachste Phase durch, aber dennoch ist der Verein - wie immer - in sich geschlossen und strahlt eine große Ruhe aus. Wenn die ein paar Mal in Folge verlieren, wird dort keiner verrückt“, übermittelte Michael Frontzeck voller Anerkennung dem „Vorbild“ von der Weser.

 

Der 45-Jährige weiß diese Eigenschaften zu schätzen; ist er doch einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass am Niederrhein ebenso konzentriert, konstruktiv, ohne Störfeuer und sportliche Talfahrten gearbeitet werden kann, wie es das schon einige Zeit nicht mehr gegeben hat. Ein gesicherter zwölfter Rang steht gut zu Gesicht. Weitaus beruhigender als noch im letzten Jahr. Akute Versetzungsgefahr in ein weiteres Bundesliga-Jahr bestand dazumal. In der Gegenwart heißt der Trainer weiterhin Michael Frontzeck, auf Zukäufe im Winter ist gar komplett verzichtet worden, einzig die Ergänzungsspieler Svärd (Roda Kerkrade) und Gohouri (Wigan Athletic) kehrten dem Klub den Rücken.

 

Roel Brouwers (l.) räumt nicht nur kompromisslos hinten ab, sondern ist auch gefährlichster Gladbacher Schütze.

Borussia hätte noch besser dastehen können…

 

Und die Borussia würde 2010 noch besser dastehen, wäre sie zu Rückrundenbeginn nicht von effizient cleveren Bochumer daheim unnötig überrumpelt worden (1:2) und hätte Juan Arango vergangene Woche in Berlin (0:0) aus ruhenden elf Metern beziehungsweise vor allem im Nachschuss die Nerven behalten. So sind auch die Fohlen bestimmten Zwängen unterlegen, um nicht den hart erarbeiteten Vorsprung sehenden Auges wieder schmelzen zu lassen. Dass die Grün-Weißen seit der letzten Meistersaison nicht mehr die volle Punktzahl aus Gladbach mitnehmen konnten, hilft dabei eher weniger. „Wir sind am Samstag als geschlossene Einheit gefordert. Wir müssen ans Limit gehen und 90 Minuten dagegenhalten“, beschwört Frontzeck und schloss an: „Bremen ist eine Mannschaft, die es immer offensiv versucht. Im Spiel nach vorn sucht Werder Seinesgleichen. In Deutschland kann bei dieser Qualität kaum ein Team mithalten.“ 25 Tore erzielte seine Mannschaft bislang – gehobene Mittelklasse der Liga. Allerdings fehlt vornehmlich den eigenen Stürmern der Lauf. Ob Bobadilla, der wieder genesene Friend, Neuville, Colautti oder der noch beim Afrika-Cup um Bronze spielende Matmour – keiner von ihnen übertrifft aktuell den „Höchstwert“ von zwei Toren. Allein der kantige Innenverteidiger Roel Brouwers vollendete bereits fünf Mal.

 

Im Hinspiel bekam es Per Mertesacker ein ums andere Mal mit Gladbachs Raul Bobadilla zu tun.

Vorgedrungen bis zu den elementaren Versäumnissen

 

„Sie werden sicherlich sehr kompakt stehen und nicht ganz so offensiv agieren. Wir müssen entschlossener den Weg suchen, als wir das in Frankfurt getan haben“, weiß Thomas Schaaf. Die intensive Videoanalyse des Bayern-Spiels brachte weitere Erkenntnisse. Selbst, da sich Fortschritte im Vergleich zur Frankfurt-Partie abzeichneten, waren „die Bilder eindeutig. Wir konnten keine Dominanz an den Tag legen, haben den Gegner nicht kontrollieren und ihn nicht begrenzen können“, legte Werders Cheftrainer offen dar.

 

Schaaf ist mit seinen Spielern bis tief zu den Ursachen des negativen Laufes vorgedrungen, die elementaren Versäumnisse wurden angesprochen, im Training korrigiert. „Wir verlassen uns zu sehr auf das Spielerische, aber das muss ein Pfand sein, das große Plus. Wir müssen begreifen, mehr Laufbereitschaft zu bringen, in die Bereiche zu gehen, wo wir uns besser absichern und besser unterstützen. Daran haben wir gearbeitet und die Mannschaft ist gewillt, die Dinge besser umzusetzen“, erläutert der 48-Jährige. Clemens Fritz ist nur ein Beispiel dafür. „Wir müssen uns alle gegenseitig helfen und jetzt vor allem eines beherzigen: Erst die Zweikämpfe gewinnen, dann schön spielen“, wie er in der Kreiszeitung unter der Woche klarstellte. Thomas Schaaf unterstreicht: „Wenn wir das umsetzen, was wir können, werden wir die Punkte automatisch mitziehen.“ Endlich wieder.

 

von Maximilian Hendel