Pokal-Heimspiel: „Das erste Mal seit gefühlt 15 Jahren“

St. Pauli ist famos aus den Startlöchern gekommen. Hier bejubeln die Spieler den Auswärtssieg beim FSV Frankfurt.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Die zweite Runde steht für den amtierenden DFB-Pokalsieger Werder Bremen am Mittwoch, 23.09.2009, um 19 Uhr an. Nicht nur für Cheftrainer Thomas Schaaf ungewohnt: Es wartet ein Pokal-Heimspiel (!) im ausverkauften Weser-Stadion vor gut 31.000 Zuschauern. Gast der Grün-Weißen wird der FC St. Pauli sein, derzeitger Tabellendritter der 2. Bundesliga. Werder.de stellt die Hamburger vor.

 

Der sportliche Wegbereiter seit 2006: Trainer Holger Stanislawski.

Der Klub:

 

Was hat der FC St. Pauli nicht alles für Geschichten geschrieben in seiner fast 100 Jahre währenden Traditionslinie. Einmalige Typen, schrille Figuren, Heldenepen, Mythen, bittere Abstiege, unerwartete Höhenflüge, tiefe Fälle gar bis an die Grenze des finanziellen Bankrotts. Kein alltäglicher Klub, vielmehr laut eigenem Bekunden „non established since 1910“. Nicht allein nur begleitet haben ihn dabei in all den Jahren beständig zehntausende Anhänger: 2003, als der Nebel des finanziellen Ruins beinah die letzte Sicht auf das Millerntor versperrt hatte, retteten vor allem auch die Fans den Kiezklub vor dem Sturz in die Bedeutungslosigkeit der Oberliga. In den Zeiten der wirtschaftlichen und fußballerischen Konsolidierung scheiterte man 2006 unter Trainer Andreas Bergmann erst im Halbfinale des DFB-Pokals am FC Bayern. 2007 gelang der Mannschaft vom Pauli-„Urgestein“ Holger Stanislawski der Wiederaufstieg „aus der Hölle“ zurück in die 2. Bundesliga.

 

Der Trainer:

 

1993 lief der gebürtige Hamburger Holger Stanislawski nach Jugendstationen unter anderem beim HSV und Concordia 07 erstmalig für den FC St. Pauli auf. 260 Pflichtspiele für den Klub wurden es letztendlich. 2004 musste „Stani“ – wie er im und um das Millerntor herum nur liebevoll genannt wird – verletzungsbedingt seine aktive Karriere beenden. Nach der anschließenden Managerausbildung stieg er zum sportlichen Leiter auf, wurde jedoch nach dem Ende von Andreas Bergmann ohne Lizenz auf die Trainerbank gesetzt. Sensationell gelang unter dem Gespann Stanislawski/Trulsen 2007 die Rückkehr in die 2. Bundesliga. Die Doppelbelastung aus Tagesgeschäft bei St. Pauli und dem Fußballlehrer-Lehrgang meisterte der 39-Jährige bravourös. Sein Team schloss die Saison 2008/09 auf Rang acht, Stanislwaski selbst absolvierte die Ausbildung als Jahrgangsbester.

 

Max Kruse wechselte im Sommer 2009 von Bremen nach St. Pauli.

Die Mannschaft:

 

… hat die Abgänge von Leistungsträgern wie Filip Trojan (Mainz 05), Alexander Ludwig (1860 München) oder dem sprintgewaltigen David Hoilett (Blackburn Rovers) ohne Leistungsabfall überstanden. Ganz im Gegenteil: Die Schachzüge der sportlichen Verantwortlichen Helmut Schulte (Sportchef), Trainer Holger Stanislawski und Co-Trainer André Trulsen auf dem Transfermarkt zahlen sich schier vollkommen aus. Vor allem Mittelfeld-Antreiber Matthias Lehmann glänzt mit bereits vier Saisontoren. Das große Potential des quirrligen U 21-Nationalspielers Deniz Naki ist kaum zu verkennen. Im Tor steht der überaus bundesligaerfahrene Matthias Hain, in der Defensive sichern Stützen wie Kapitän Fabio Moreno, Carsten Rothenbach oder Fabian Boll. Offensiv sorgen derzeit neben Lehmann vor allem Strafraumstürmer Marius Ebbers, Rouwen Hennings und Florian Bruns für Gefahr. Neuzugang Max Kruse aus Werders Talentschmiede bekam zuletzt gegen den FSV Frankfurt und den FCK erste Zweitliga-Minuten.

 

Die aktuelle Saison:

 

Einen überragenden Saisonstart feierten Mannschaft und Fans. Der niederlagenfreie Lauf mit vier Siegen und einem Unentschieden aus den ersten fünf Punktspielen wurde erst vergangenen Sonntag vom 1. FC Kaiserslautern gestoppt, der beim 2:1 alle drei Punkte aus dem Millerntor entführte. Aktuell steht Rang drei zu Buche. Aufmerksamkeit erfuhr der FC St. Pauli besonders durch die geballte Offensiv-Lust. 17 Tore gelangen dem Stanislawski-Team in sechs Spielen (u.a. 5:0 in Aachen, 4:0 beim KSC). Das Lob von Werders Cheftrainer Thomas Schaaf kommt daher nicht von ungefähr: „Sie haben gezeigt, dass sie sich fußballerisch weiterentwickelt haben. Sie kommen nicht nur über den Kampf und die Bereitschaft, sondern auch über die Kombinationen. Sie spielen mit wenigen Kontakten nach vorne.“

 

Tim Borowski anno 2006 gegen Fabian Boll. Beide treffen auch am Mittwoch wieder aufeinander.

Das letzte Aufeinandertreffen:

 

Im DFB-Pokal-Viertelfinale Ende Januar 2006 besiegte der FC St. Pauli auf eher anarchischem Untergrund – einer von Schnee und vor allem von Eis übersäten Spielfläche - Werder Bremen am Millerntor mit 3:1. Micoud hatte Dinzeys Führungstor noch ausgleichen können (27.), ehe Fabian Boll (59.) und der Ex-Bremer Timo Schultz (65.) das Spiel entschieden. Miro Klose musste vor der Pause nach einem Sturz auf den hartgefrorenen Boden mit einer Schulterverletzung ausgewechselt werden. Zu allem Übel verschoss Tim Borowski noch einen Elfmeter (78.). Eine klimatische Wiederholung der Ereignisse von anno dazumal ist zumindest ausgeschlossen: „Heute ist Herbstanfang, die äußeren Bedingungen werden keine Rolle spielen“, wusste Thomas Schaaf mit einem Augenzwinkern.

 

Das sagt Thomas Schaaf außerdem:

 

„Ich erwarte, dass St. Pauli kompakt stehen und dann schnell nach vorne herausspielen wird, über das Mittelfeld oder die Außenbahnen. St. Pauli hat im Prinzip nichts zu verlieren, wenn sie verlieren ist alles normal gelaufen, wenn sie gewinnen, dann ist das etwas Besonderes. Aber das spielt für uns alles keine Rolle, wir sind auf uns fixiert und wollen die nächste Runde erreichen. Wir haben das erste Mal seit gefühlt 15 Jahren ein Heimspiel im DFB-Pokal und zu Hause will man sehr spielbestimmend und -kontrollierend auftreten.“

 

von Maximilian Hendel