"Gut für die Seele"

Nils Petersen im Interview

Nils Petersen feuert seit dem Winter 2015 für Freiburg aus allen Lagen aufs Tor (Foto: nordphoto).
Interview
Freitag, 28.10.2016 // 17:01 Uhr

Das Interview führte Yannik Cischinsky

Wer versucht, ein Gespräch mit Nils Petersen mitzuschreiben, der muss schnell sein. Verdammt schnell. Der gelernte Mittelstürmer ist nicht nur vor dem gegnerischen Kasten enorm wendig und feuert aus allen Lagen, auch vor den Mikrophonen präsentiert sich der passionierte "Schnellredner" traditionell äußerst gewandt. Und wenn es dann noch viel zu erzählen gibt, wie mit Blick auf seine bevorstehende Rückkehr ins Weser-Stadion, kommt der 27-Jährige schnell ins Reden. 

WERDER.DE telefonierte im Vorfeld des Wiedersehens am Samstagnachmittag mit Petersen um über das Jahr seit seinem endgültigen Weggang aus Bremen, die Rückkehr Freiburgs in die Bundesliga, seine Rolle als erfolgreicher Joker und natürlich das Abenteuer Olympia zu sprechen. So viel sei verraten: Es war kein kurzes Gespräch.

WERDER.DE: Unter der Woche gab es für euch einen kleinen Rückschlag mit dem Ausscheiden im Pokal gegen Sandhausen. Hast du die Niederlage schon verarbeitet?

Nils Petersen: „Es ist schwer zu verdauen, wenn man schon in der 2. Runde ausscheidet und dann auch noch im Elfmeterschießen. Wir hatten das Weiterkommen eingeplant. Aber zum Glück kann man im Bundesliga-Geschäft solche Erlebnisse schnell wieder vergessen machen. Daran wächst man. Wir waren letzte Saison selbst Zweitligist und man kann Sandhausen nur zur Leistung gratulieren. Sie haben es sich verdient.“

"So oft wurde ich noch nie auf einen Trainer angesprochen", sagt Petersen über Christian Streich (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Ihr musstet über 120 Minuten gehen. Ist das ein Nachteil fürs Wochenende?

Nils Petersen: „Grundsätzlich würde man das als Nachteil bezeichnen, aber es sind einige Spieler geschont worden, die am Wochenende gebraucht werden. Wir sind eine ziemlich junge Mannschaft, die das gut wegsteckt und wir haben ja bereits Dienstag gespielt. Es liegt also genug Zeit zwischen den Spielen. Zudem hatten wir ein Heimspiel und keine Reisestrapazen. Ich denke, wir werden uns Samstag wieder gut präsentieren.“

WERDER.DE: Was erwartest du für ein Spiel?

Nils Petersen: „Ich erwarte ein Duell auf Augenhöhe. Werder hat sich gegen Wolfsburg und Leverkusen zuhause in bester Manier präsentiert und in meinen Augen unerwartete Siege eingefahren. Wenn man bedenkt, dass Leute wie Kruse oder Pizarro fehlen, machen sie das prächtig. Durch das neue Trainerteam kommt eine kleine Euphoriewelle hinzu, die ist spürbar.“

WERDER.DE: Du könntest am Samstag dein 100. Bundesliga-Spiel bestreiten. Ist das eine Marke, die dir viel bedeuten würde?

Nils Petersen: „Absolut. Ich würde mich sehr freuen, in der ersten Liga hundert Spiele absolviert zu haben. Nach dem Abstieg habe ich etwas getrauert, mit 91 Partien in die zweite Bundesliga runter gehen zu müssen, aber das war die richtige Entscheidung. Mittlerweile habe ich 110 Zweitliga-Partien gespielt, komme insgesamt also auf über 200 Pflichtspiele. Darauf kann man stolz sein.“

WERDER.DE: Wie groß ist die Freude, wieder zurück in der Bundesliga zu sein?

Nils Petersen: „Sehr groß. Es tat weh, als bei der Saisoneröffnungsfeier 2015/2016 unsere Fahne fehlte. Aber nach all den Jahren Abstiegskampf tat die Spielzeit in der zweiten Liga auch mal gut. Es war angenehm, regelmäßig zu gewinnen und nicht schauen zu müssen, was die Konkurrenz im Tabellenkeller macht. Der Aufstiegsdruck ist ein ganz anderer, als der Druck im Abstiegskampf. Das war gut für die Seele und um Kraft zu tanken für die nächsten Jahre.“

Man muss sich dem Matchplan unterordnen.
Nils Petersen

WERDER.DE: Wie zufrieden blickst du auf den Saisonstart mit Freiburg?

Nils Petersen: „Mit zwölf Punkten aus acht Spielen sind wir ganz zufrieden. Wir haben eine neue Mannschaft, die mit vielen jungen Spielern bestückt wurde. Auswärts haben wir aber noch jede Menge Nachholbedarf, deshalb wollen wir in Bremen erstmals punkten.“

WERDER.DE: Stimmt, im heimischen Stadion gab es vier Siege, auswärts vier Niederlagen...

Nils Petersen: „Wir sind eine junge Truppe, die sich vor dem eigenen Publikum und mit saisonübergreifend zehn Siegen im Rücken selbstbewusst präsentieren kann. Auswärts hatten wir Pech und vier Gegner, die in der Tabelle ganz weit oben stehen. In Berlin haben wir erst kurz vor Schluss verloren, gegen Köln lagen wir trotz guter Chancen zur Halbzeit 0:3 hinten und in Dortmund haben wir auch ein ordentliches Spiel gemacht. Außerdem haben wir noch in Hoffenheim gespielt. Wir wissen die Niederlagen einzuordnen.“

WERDER.DE: In acht Partien bist du siebenmal eingewechselt worden. Wie zufrieden bist du mit deiner Joker-Rolle?

Nils Petersen: „Natürlich würde jeder gerne von Beginn an spielen, aber hinter der Aufstellung steckt ja maßgeblich die Taktik des Trainers. Ich stehe im regen Austausch mit ihm und weiß das einzuordnen. Man muss sich dem Matchplan unterordnen. Ich bin durchaus zufrieden mit meiner Rolle und meinen vier Torbeteiligungen.“

Nils Petersen freut sich auf das Wiedersehen mit Clemens Fritz und Co. (Archivfoto: nordphoto).

WERDER.DE: Also möchtest du lieber in der Rangliste der erfolgreichsten Bundesliga-Joker weiter aufsteigen als regelmäßig in der Startelf zu stehen? Mit 13 Treffern nach Einwechselung bist du ja gerade in die Top-5 aufgestiegen.

Nils Petersen (lacht): „Eine gute Mischung wäre schön. 13 Joker-Tore sind zwar auch ein Wert, der mich stolz macht, aber mein Ziel ist es natürlich, langfristig wieder in der ersten Elf zu stehen. Ich möchte im Spielertunnel stehen, wenn die Hymnen gespielt werden und einlaufen.“

WERDER.DE: Mal ein ganz anderes Thema: Wie ist es eigentlich, mit Christian Streich zusammenzuarbeiten?

Nils Petersen: „Fachlich und taktisch ist er zweifelsfrei einer der besten Trainer, die ich je hatte. Er kann jeden Spieler nach vorne bringen. Man muss sich nur mal anschauen, wie viele Spieler er in Freiburg entwickelt und geformt hat, die mittlerweile Bundesliga- oder sogar Nationalspieler sind. Er ist eine Marke und ein echter Trainerfuchs. So oft wie zu ihm wurde ich früher nicht nach meinen Trainer gefragt, auch von Freunden nicht (lacht).“

WERDER.DE: Mit welchem Gefühl würdest du einlaufen, wenn du am Samstag um 15.30 Uhr im Spielertunnel des Weser-Stadions stehst?

Nils Petersen: „Mit sehr vielen Emotionen. Ich bin über siebzig Mal für Werder aufgelaufen. Ich weiß das Stadion, den Verein, die Fans und das gesamte Umfeld sehr zu schätzen. Auch viele Mitspieler schwärmen davon, in Bremen zu spielen. Die Bremer Fans sind ein sehr positives Publikum, es herrscht eine besondere Atmosphäre. Das weiß man auch als Gegner zu schätzen.“

WERDER.DE: Es ist bekannt, dass du dich in Bremen privat sehr wohlgefühlt hast. Wie oft schaffst du es noch, vorbeizuschauen?

Nils Petersen: „Der Kontakt ist immer noch da. Ich verfolge jedes Spiel und habe es auch zwei, dreimal 'hoch' geschafft. Als das Team in Hoffenheim gespielt hat, war ich kurz in der Kabine und habe den Jungs 'Hallo' gesagt. Auf Clemens und Zladdi freue ich mich sehr, aber eine Mannschaft verändert sich personell ganz schnell, sodass ich gar nicht mehr alle persönlich kenne.“

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WERDER.DE: Zwei Neu-Werderaner hast du dagegen im Sommer bei Olympia kennengelernt. Rio war sicherlich ein besonderes Abenteuer für dich, oder?

Nils Petersen: „Ja, das fing ja schon mit dem Anruf an…"

WERDER.DE: Inwiefern?

Nils Petersen: „Ich war im Urlaub in den USA und plötzlich rief mich Christian Streich an und meinte, dass Hansi Flick mir gerne sagen würde, dass sie mich mit zu Olympia nehmen wollen. Das ging alles ganz schnell und kam total überraschend - wie aus dem Nichts.“

WERDER.DE: Was hast du gedacht?

Nils Petersen: „Da bin ich irgendwie ganz der 'Fußball-Profi': Ich habe mich einerseits riesig gefreut, aber andererseits gleich abgewogen, welche Nachteile das für den SC Freiburg mit sich bringen würde, wann ich zurück in Deutschland wäre und so weiter. Aber es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich bin sehr froh, dass ich es gemacht habe. Ich war pünktlich zum Ligastart zurück und habe viele neue Leute kennengelernt, unter anderem ja auch Serge und Robert, die zwei feine Jungs sind.“

WERDER.DE: In dieser Zeit deutete sich ja auch der Wechsel von Robert Bauer zu Werder an…

Nils Petersen: „Als wir von dem Interesse erfuhren, hat sich Robert mit Davie und mir ausgetauscht. Er hat sich ein paar Auskünfte geholt und vermutlich hat das auch eine Rolle bei seinem Wechsel gespielt, da wir beide sehr positiv über Bremen gesprochen haben. Er und Serge werden Werder qualitativ extrem weiterhelfen. Ich habe schon gestaunt, dass Werder einen Spieler mit der Qualität von Serge Gnabry an Land ziehen konnte.“

WERDER.DE: Welche Erlebnisse hast du persönlich aus Rio mitgenommen? Woran erinnerst du dich besonders gerne?

Nils Petersen: „Das Olympische Dorf war der Wahnsinn und ist am stärksten in Erinnerung geblieben. Den Fokus mal vom Fußball weg auf andere Sportarten zu legen, sich auszutauschen, war fantastisch. Ich ziehe meinen Hut vor den Athleten, die vier Jahre lang darauf hinarbeiten, um dort Topleistungen abzuliefern.“

WERDER.DE: Würdest du jedem Fußballer raten, einmal die 'Chance Olympia' wahrzunehmen?

Nils Petersen: „Definitiv. Selbst mein Zimmerkollege Matthias Ginter, der vor zwei Jahren ja Weltmeister geworden ist, hat gestaunt und viele neue Erfahrungen sammeln können. Es ist uns allen schwergefallen, von dort wieder in den Alltag überzugehen. Es war eine sehr schöne Zeit.“

WERDER.DE: Trauerst du dem verschossenen Elfmeter im Finale sehr nach?

Nils Petersen: „Selbstverständlich. Jeden Tag, an dem ich meine Silbermedaille angucke, denke ich, dass sie auch golden sein könnte. Gut war allerdings, dass wir gegen Südkorea in der Vorrunde schon so gut wie ausgeschieden waren und erst durch Serge im letzten Moment zurückgekommen sind. Deshalb wissen wir auch die Silbermedaille sehr zu schätzen.“