"Ich möchte keinen Moment missen"

Zlatko Junuzovic im Interview

Werder und Zlatko Junuzovic - seit fünf Jahren ein stimmiges Bild (Foto: WERDER.DE).
Interview
Mittwoch, 01.02.2017 // 14:18 Uhr

Das Interview führte Yannik Cischinsky

Diesen Tag hätte sich Zlatko Junuzovic eigentlich im Kalender anstreichen müssen. Fünfjähriges Werder-Jubiläum feierte der Österreicher am vergangenen Freitag. Unter den aktuell dienstältesten Werderanern liegt "Zladdi" mittlerweile auf Platz drei, nur Clemens Fritz und Philipp Bargfrede sind länger Teil der Mannschaft. Eine "besondere Marke" sei das, das gibt auch Junuzovic zu, doch zum andächtigen Einhalten blieb einen Tag vor dem Duell mit Rekordmeister Bayern keine Zeit. "Ich konzentriere mich ganz auf das Hier und Jetzt", erklärt Junuzovic.

Für WERDER.DE ließ sich der 29-Jährige dennoch auf ein Interview rund um sein fünfjähriges Jubiläum ein. Im ersten Teil des Gesprächs kramt Junuzovic Erinnerungen an die allerersten Stunden an der Weser hervor, spricht über die besondere Beziehung zu Frank Baumann und lässt noch einmal die wichtigsten Passagen aus über 150 Bundesliga-Spielen Revue passieren.

WERDER.DE: Du trägst nun also seit fünf Jahren das Werder-Trikot und hast in dieser Zeit so einiges miterlebt. Was ist dir am besten in Erinnerung geblieben?

Zlatko Junuzovic: „Es gibt aus jeder Saison schöne Momente. Am Anfang habe ich alles mit großen Augen beobachtet, mich versucht weiterzuentwickeln, zu lernen. Ich habe mit unglaublich starken Spielern zusammengespielt wie Kevin De Bruyne oder Aaron Hunt. Die Zusammenarbeit mit Thomas Schaaf ist mir in Erinnerung geblieben. Er hat mir großes Vertrauen geschenkt. Auch die Derbysiege vergesse ich nicht, da sind die Emotionen jedes Mal grenzenlos.“

Die 16 trug im Winter 2012 noch Mikael Silvestre, die 23 gab "Zladdi" später an seinen Kumpel Theodor Gebre Selassie weiter (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Zum Beispiel bei deinem Siegtor im 100. Nordderby…

Zlatko Junuzovic: „Das werde ich nicht vergessen.“

WERDER.DE: Am letzten Wochenende hast du dein 150. Bundesliga-Spiel absolviert. Gratulation! Wie stolz macht es dich, durchgängig Stammspieler gewesen zu sein, durchschnittlich 30 Partien pro Spielzeit absolviert zu haben.“

Zlatko Junuzovic: „Ich glaube, das werde ich erst nach der Karriere alles realisieren können. Momentan bin ich viel zu fokussiert auf das nächste Spiel, ich möchte immer weiter machen, mehr erreichen und mithelfen – gerade in der Situation, in der wir leider schon seit Jahren stecken. Da gilt die ganze Konzentration dem nächsten Spiel. Das fünfjährige Jubiläum hatte ich vor Augen und natürlich bin ich stolz darauf, was ich erreicht habe – für die Vereine und in der Nationalmannschaft. Das hätte ich mir vor zehn Jahren nicht erträumen können, das war so weit weg. Aber ich bin noch jung wenn man 'Piza', Clemens oder 'Drobo' anschaut. Da habe ich ja hoffentlich noch einiges vor mir...“

WERDER.DE: Bei deinem Jubiläumsspiel gegen Bayern hast du die Mannschaft sogar als Kapitän aufs Feld geführt. Was hat dir das bedeutet?

Zlatko Junuzovic: „Die Binde in dem Moment zu tragen, war eine besondere Ehre. Das ist es immer, gerade für mich, wenn ich mir anschaue, wo ich herkomme und welchen Weg ich im Fußball gegangen bin.“

WERDER.DE: Warst du als stellvertretender Kapitän eigentlich sauer, dass Clemens noch ein Jahr drangehängt hat?

Zlatko Junuzovic (lacht): „Nein, er ist noch immer ein wichtiger Spieler. Ich möchte die Binde auch nicht so in den Vordergrund rücken. Er ist sehr gut als Kapitän, er hat eine große Persönlichkeit, eine starke Ausstrahlung und behält immer den Fokus.“ 

Einerseits ging ein großer Traum in Erfüllung, andererseits wusste ich überhaupt nicht, was auf mich zukommt.
Zlatko Junuzovic

WERDER.DE: Blicken wir noch einmal ganz an den Anfang. Am 27.01.2012 hast du deinen ersten Vertrag bei Werder unterzeichnet. Welche Erinnerungen hast du an die Tage rund um den Transfer?

Zlatko Junuzovic: „Ich war mit der Austria im Trainingslager in der Türkei. Eigentlich war geplant, dass ich erst im Sommer ablösefrei komme. Fünf, sechs Tage vor Transferschluss kam plötzlich der Anruf von Klaus Allofs, dass sie es doch jetzt machen wollen. Drei Tage lang war es der reine Wahnsinn, es ging hin und her. Ich war im ständigen Austausch mit dem Vorstand der Austria, der auch mit in der Türkei war. Keiner wusste genau, was jetzt passieren wird. Schlussendlich hat die Austria ihr Okay gegeben. Ich war überglücklich, aber auch sehr nervös. Einerseits ging ein großer Traum in Erfüllung, andererseits wusste ich überhaupt nicht, was auf mich zukommt.“

WERDER.DE: Du hattest keine Zeit, dich darauf einzustellen…

Zlatko Junuzovic: „Nein. Ich bin zur Vertragsauflösung nach Wien geflogen, von dort aus wiederum nach Hannover und schnell weiter nach Bremen, wo ich mit meiner jetzigen Frau und meinem Papa erst spätabends ankam. Am nächsten Tag folgte bereits der Medizincheck, die Unterschrift, die Pressekonferenz und das erste Training. Es passierte alles auf einmal. Ein paar Tage später habe ich dann schon mein erstes Spiel gegen Freiburg bestritten. Da war ich extrem nervös. Ein unglaubliches Gefühl. Es ist alles so schnell gegangen.“

Begleitet Zlatko Junuzovic seit seinem ersten Tag in Bremen: Frank Baumann (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Beim Medizincheck am ersten Tag war Frank Baumann dein Begleiter. Er war von der ersten Stunde an deiner Seite, oder?

Zlatko Junuzovic: „Nicht nur das. Ich war alleine, meine Freundin und Vater waren wieder in Wien und ich musste irgendwie zurechtkommen. Die ersten Tage hat er mich bei allen organisatorischen Dingen unterstützt, auch die Wohnungssuche haben wir gemeinsam gemacht. Er hat mir mit seiner ruhigen Art sehr geholfen. Das war ideal. Ich habe immer die deutsche Bundesliga verfolgt und kannte ihn natürlich als Spieler, als jahrelangen Kapitän von Werder. Es war wirklich eine Ehre für mich und etwas besonders. Das ist es immer noch.“

WERDER.DE: Seine Rolle hat sich, wie deine ja auch, in den letzten Jahren verändert…

Zlatko Junuzovic: „Er ist eine echte Persönlichkeit. Das war damals schon so, aber natürlich hat er sich nach dem Karriereende als Aktiver auch erst in den neuen Job hineinfinden müssen. Ich schätze, dass ist eine riesige Umstellung, neue Aufgaben zu bekommen, neue Verantwortungen gegenüber den Spielern und dem Verein zu haben, nicht auf dem Platz zu agieren, sondern außerhalb. Es ist eine Kunst, dabei man selbst zu bleiben, die Ruhe zu bewahren und seine Charakterzüge nicht zu verlieren. Das macht er sehr gut. Es tut gut, eine solche Vertrauensperson zu haben.“

WERDER.DE: Schon mit 17 hast du in der österreichischen Bundesliga debütiert, erst sieben Jahre später folgte deine Premiere im deutschen Fußball-Oberhaus. Vergleichsweise spät, oder?

Zlatko Junuzovic: „Heutzutage! Damals war das noch okay (lacht). Heute zählt man in dem Alter schon zu den Routiniers. Als ich bei Graz debütierte gab es vielleicht zwei oder drei Spieler um die 20, alle anderen waren deutlich älter. Wie sich das gewandelt hat, ist der Wahnsinn. Ich habe in meiner bisherigen Karriere schon einige Veränderungen miterlebt. Wie viele Menschen, wie viele Nationalitäten ich in meinen zwölf Profi-Jahren kennengelernt habe, das ist unbeschreiblich. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Weg so habe gehen dürfen und von schwerwiegenden Verletzungen verschont geblieben bin. Zusammengerechnet habe ich schon 360 Spiele in der 1. Liga gemacht. Darauf bin ich schon stolz.“

WERDER.DE: Einen Wandel erlebst du bei Werder seitdem du da bist permanent. Wie schwierig ist das?

Zlatko Junuzovic: „Als ich kam standen noch viele etablierte Spieler im Kader, doch schon nach dem ersten halben Jahr gab es einen kompletten Umbruch. Da gingen 13, 14 Spieler. Das war unglaublich, da hat es richtig begonnen. Es gab während der letzten fünf Jahre oft Unruhe aufgrund der tabellarischen Situation, aber in der Mannschaft herrschte immer ein großer Zusammenhalt. Das spricht für diesen Verein, für die Fans mit ihren großartigen Aktionen, für die familiäre Stimmung mit den Mitarbeitern des Vereins. Es herrscht immer Vertrauen untereinander, immer ein positives Denken. Das ist für uns Spieler sehr wichtig. In diesen fünf Jahren habe ich so viele schöne, aber auch schwierige Momente erlebt. Ich möchte keinen davon missen. Auch wenn es mal richtig schwer war, habe ich daraus viele Erfahrungen für die Zukunft mitnehmen können. Und an die schönen Momente denkt man ohnehin pausenlos (lacht).“

Im zweiten Teil des Interviews, das am Donnerstag auf WERDER.DE erscheint, gesteht der Österreicher einen Fehler des vergangenen Sommers ein, spricht über seine Vaterschaft und die Werder-Krabbelgruppe.