"Wir sind ihr letzter Strohhalm"

Robert Bauer im Interview

Mit Werder kehrt Robert Bauer am Samstag erstmals zurück nach Ingolstadt (Foto: nordphoto).
Interview
Mittwoch, 19.04.2017 // 18:16 Uhr

Von Felix Ilemann und Yannik Cischinsky

Für Robert Bauer ist es die Woche der Rückkehr. Im Nordderby kehrte der Außenverteidiger nach rekordverdächtig kurzer Ausfallzeit trotz Außenbandriss auf den Platz zurück, kommendes Wochenende geht es dann zurück an seine alte Wirkungsstätte: Ingolstadt. Mit dem FCI schaffte Bauer den Aufstieg in die Bundesliga und den Klassenerhalt, mit Werder tritt er erstmals als Gast im Audi Sportpark an. „Ich weiß ganz gut, wie es ist, in Ingolstadt zu spielen“, sagt der 22-Jährige. 

WERDER.DE traf sich mit dem Ex-Ingolstädter um auf sein gefeiertes Blitz-Comeback, die Woche nach dem Nordderby und die aktuelle Lage seiner ehemaligen Teamkollegen zu blicken.

WERDER.DE: Wie geht es dir, Derbysieger?

Robert Bauer: „Gut. Ich habe mich bestens erholt von der Verletzung - und vom Feiern auch (lacht). Ich war natürlich froh, dass ich eingewechselt wurde. Das war so nicht vorgesehen, auch wenn ich dem Trainer vor dem Spiel gesagt habe, dass ich bereit und fit bin. Dann hat sich Santi verletzt und ich wurde eingewechselt. Es war cool für mich, aber für Santi tut es mir Leid.“

WERDER.DE: War das Derby für dich eine besondere Motivation zurückzukehren?

Robert Bauer: „Auf jeden Fall. Nach dem MRT haben die Ärzte alle gesagt, dass das Ziel Ingolstadt sei, aber ich wollte von Anfang an gegen den HSV wieder auf dem Platz stehen. Also stand ich Tag und Nacht in Kontakt mit Physio Adis Lovic. Wir haben besprochen, was ich zuhause machen kann, damit der Knöchel so schnell wie möglich abschwillt. Das Band wächst ohnehin erst nach vier, fünf Wochen zusammen, darum ging es nicht. Das kann man mit einem Tape-Verband während des Spiels problemlos stabilisieren.“

Robert Bauer bekam schon vor seiner Einwechslung am Sonntag reichlich Applaus (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Wie geht es dem Fuß jetzt?

Robert Bauer: „Sehr gut. Ich habe kaum Schmerzen. Selbstverständlich ist der Fuß manchmal noch etwas instabil, aber ich setzte meine Stabilitätsübungen fort um die Muskulatur im Sprunggelenk weiter zu kräftigen. Im Training und im Spiel habe ich ein Tape.“

WERDER.DE: Ingolstadt wäre für ein Comeback doch auch nicht schlecht gewesen…

Robert Bauer: „Stimmt, aber wir haben das Derby in Hamburg nicht gewonnen und ich wollte unbedingt das Nordderby mit den Fans im Weser-Stadion erleben. Das war mein Antrieb.“

WERDER.DE: Wie hast du den Moment deiner Einwechslung erlebt?

Robert Bauer: „Als die Physios angezeigt haben, dass es mit Santi nicht weitergeht und mein Trikot hochgehalten wurde, bin ich losgerannt. Die Zuschauer haben mich auf dem Weg dahin schon sehr gepusht. Das war ein geiles Gefühl. Als ich auf dem Feld stand, war es allerdings wieder ein normales Spiel.“

WERDER.DE: Was war das schönere Gefühl: Der Applaus bei deiner Einwechslung oder der Schlusspfiff?

Robert Bauer: „Auf jeden Fall der Schlusspfiff. Wenn ich nicht eingewechselt worden wäre und wir hätten gewonnen, wäre mir egal gewesen, nicht zurückgekehrt zu sein. Es war dennoch ein geiles Gefühl nachdem ich gegen Schalke nur auf der Tribüne beziehungsweise in der zweiten Halbzeit am Spielfeldrand zuschauen musste.“

WERDER.DE: Was passiert da mit einem?

Robert Bauer: „Mich hat es nur zusätzlich angespornt, wieder fit zu werden. Ich hasse dieses Gefühl draußen zu sitzen und ansehen zu müssen, wie die anderen Bock auf Fußball haben. Das ist bei jedem Fußballer gleich: Es ist die härteste Zeit.“

Wir haben nichts zu verschenken
Robert Bauer

WERDER.DE: Ein Comeback der anderen Art gibt es am Samstag für dich in Ingolstadt. Erwartest du da ähnlich viel Applaus von den Rängen wie zum Nordderby?

Robert Bauer: „Eine gute Frage (lacht). Ich denke nicht, dass sie mir böse sind, so schätze ich das Publikum nicht ein. Es ist auf jeden Fall etwas Besonderes, zurückzukehren. Nicht nur wegen der Fans und des Stadions, sondern auch weil ich die Ex-Teamkollegen, Verantwortlichen und Betreuer wieder sehen werde. Da freue ich mich sehr drauf.“

WERDER.DE: Bist du noch in der Whats-App-Gruppe deines damaligen Teams?

Robert Bauer: „Ja, aber im Moment ist es ruhig. Ich will auch nicht provozieren, bei Ingolstadt sieht es ja nicht gut aus. Mit Max Christiansen habe ich ein wenig geflachst. Er hat mich nach deren Spiel in Wolfsburg besucht, hat sich das Nordderby angeguckt. Ich hoffe, dass er gegen uns spielt. Wir haben schon gesagt, dass wir uns gegenseitig umgrätschen (lacht).“

WERDER.DE: Mit ihm hast du in Ingolstadt bekanntlich in einer WG zusammengewohnt. Ihr seid bis heute befreundet…

Robert Bauer: „Ja. Es ist nicht selbstverständlich, dass man sich im Fußball trotz direkter Konkurrenz so gut versteht. Wir haben immer noch guten Kontakt, obwohl wir so weit auseinanderwohnen, das ist nicht alltäglich. Vor anderthalb Wochen musste ich zum Doc nach München. Da waren wir gemeinsam was Essen und der Sommerurlaub ist bereits geplant. Wenn wir uns sehen, ist es wie immer.“

Robert Bauer hat beste Erinnerungen an seine Zeit in Ingolstadt (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Wie schwierig war es, in Bremen plötzlich wieder alleine zu wohnen?

Robert Bauer: „Es war nach knapp anderthalb Jahren eine Umstellung, wieder alleine zuhause zu sein, aber das Team hat mich sehr gut aufgenommen. Mal sehen, wen ich hier noch so kennenlerne. Bei 'Butter bei die Fische' hieß es ja schließlich 'Bauer sucht Frau' (lacht).“

WERDER.DE: Wie blicken denn die Ingolstädter auf die grün-weiße Siegesserie?

Robert Bauer: „Die finden das ähnlich unglaublich wie wir. Allerdings hat Ingolstadt in der 'Englischen Woche' ja sogar zwei Punkte mehr geholt als wir. Jetzt gab es den Dämpfer gegen Wolfsburg. Für die ist das Spiel gegen uns der letzte Strohhalm. Wenn sie das verlieren sind - je nachdem wie die Konkurrenz spielt - bis zu sieben Punkte wettzumachen. Das wird bei vier ausstehenden Spielen nicht mehr einfach. Ingolstadt wird nach dem Motto 'do or die' in die Partie gehen.“

WERDER.DE: Gab es in der Whats-App-Gruppe Lob für die letzten Leistungen von Werder?

Robert Bauer: „Eher andersherum. Ingolstadt war mit zehn Punkten Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz ja schon abgeschrieben ehe sie dieses Wahnsinns-Comeback hingelegt haben. Ramazan Özcan, Benjamin Hübner und ich haben uns dann eher für den FCI gefreut.“

WERDER.DE: Wie hält Werder denn dagegen, wenn der FCI mit 'do or die' ins Spiel geht?

Robert Bauer: „Ich weiß ganz gut, wie es ist, in Ingolstadt zu spielen. Wir müssen den Kampf annehmen und darüber ins Spiel kommen. Es wird ein relativ dreckiges Spiel mit vielen Unterbrechungen, da müssen wir einen kühlen Kopf bewahren. Wir haben eine breite Brust, dürfen aufgrund der letzten Siege aber keinesfalls überheblich sein.“

WERDER.DE: Besteht die Angst, dass jemand aus dem Team überheblich wird?

Robert Bauer: „Nein, keiner sagt 'Die hauen wir eh weg', aber es ist schwieriger nach neun Spielen ohne Niederlage gegen den Vorletzten zu spielen und bloß vor 15.000 Zuschauern aufzulaufen, als gegen die Bayern zu spielen. Da ist ohnehin jeder bis in die Haarspitzen motiviert.“

WERDER.DE: Wie ist der Ausfall der drei Verteidiger bei Ingolstadt zu bewerten?

Robert Bauer: „Sie haben nur noch einen gelernten Innenverteidiger. Roger spielt eigentlich ja auch im defensiven Mittelfeld und wurde zurückgezogen. Deshalb müssen wir uns darauf einstellen, dass Ingolstadt möglicherweise das System wechselt und wieder zur Viererkette zurückkehrt. In den vergangenen Spielen haben wir es sehr gut hinbekommen, uns auf die eigenen Stärken zu besinnen und diese durchzubringen.“

WERDER.DE: Was wäre denn dein Wunschergebnis?

Robert Bauer: „Ein 1:0 wäre schön. Ingolstadt kann gerne die restlichen Punkte holen, aber wir haben nichts zu verschenken.“