Bartels: "In diesem Spiel steckt so viel Geschichte"

Will seine Nordderby-Bilanz für Werder am Sonntag aufpolieren: Fin Bartels (Foto: nordphoto).
Interview
Samstag, 15.04.2017 // 10:13 Uhr

Das Interview führte Yannik Cischinsky

In den Augen von Fin Bartels braucht es eine Reihe von Zutaten für ein atmosphärisches Derby: Prickelnde Stimmung auf den Rängen in erster Linie, aber auch den hundertprozentigen Siegeswillen beider Teams, Einsatzbereitschaft und Leidenschaft auf dem Platz. „Und vor allem die Vorfreude darauf, bei so einem geilen Erlebnis dabei sein zu können.“ Bartels muss wissen, wovon er spricht. All seine bisherigen Vereine waren Nordklubs - und der 30-Jährige hat jede Menge Derbyerfahrung.

WERDER.DE hat mit Bartels über die Unterschiede der Derbys in Norddeutschland, Wechsel zwischen echten Rivalen und natürlich das traditionsreichste unter den Derbys gesprochen, das Nordderby zwischen Werder und dem HSV.

WERDER.DE: Fin, warum hat dich eigentlich noch niemand ‚Mr. Nordderby‘ getauft?

Fin Bartels: „Ich weiß es nicht (lacht). Mittlerweile müsste ich das ein oder andere Derby im Norden auf dem Buckel haben. Egal wo ich gespielt habe, es gab immer ein, zwei brisante Duelle.“

Erlebte das Derby zwischen St.Pauli und Rostock von beiden Seiten (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Du hast gleich vier verschiedene Derbys in Norddeutschland gespielt. Begonnen hat alles mit Kiel gegen Lübeck. Erinnerst du dich noch an deine ersten Derby-Erfahrungen?

Fin Bartels: „Ja, klar. Das waren meine ersten Auftritte im Herrenbereich. Selbst wenn aus heutiger Sicht alles ein bisschen kleiner wirkt, damals war ein Derby vor 10.000 Leuten ein einmaliges Erlebnis, etwas ganz Besonderes. Da hat es gekribbelt ohne Ende.“

WERDER.DE: Das Derby zwischen Rostock und St. Pauli hast du sogar für beide Seiten bestritten.

Fin Bartels: „Stimmt. Dieses Duell war deutlich hitziger als Kiel gegen Lübeck, obwohl die örtliche Nähe ja gar nicht gegeben ist. Die Brisanz ist eher politischer Natur. Beide Lager sind sehr unterschiedlich orientiert, um es mal neutral zu formulieren.“

WERDER.DE: Die Rostocker haben dich nach deinem Wechsel zu St. Pauli nicht gerade vergöttert. Wie schwierig sind Wechsel zwischen zwei Derbyrivalen?

Fin Bartels: „Natürlich habe ich zweimal überlegt. Dazu kam, dass wir abgestiegen sind, was unglücklich war. Es prasselte menschlich einiges auf mich ein, nicht alles war über der Gürtellinie, was ich zu hören bekommen habe. Meine späteren Besuche in Rostock waren dementsprechend nicht gerade von Jubelstürmen begleitet, aber da muss man durch. Es war ein Wechsel, der sportlich für mich Sinn gemacht hat. Ich habe mit Pauli einen Top-Klub gefunden und bereue die Entscheidung nicht.“

WERDER.DE: Das heißt wir müssen befürchten, dass du noch einmal zu einem Derbyrivalen wechseln würdest?

Fin Bartels (lacht): „Nein, das kann ich auf jeden Fall ausschließen. Zu tausend Prozent werde ich den anderen Klub mit der Raute in meiner Karriere nicht mehr mitnehmen.“

Ich glaube, auch die Fans würden dieses Duell vermissen, die Vorfreude, die Emotionen
Fin Bartels

WERDER.DE: Kannst du dich durch deine Vergangenheit in Aaron Hunt hineinversetzen? Er steht nach drei verpassten Chancen vor seinem ersten Nordderby im HSV-Trikot.

Fin Bartels: „Egal wie viele Spiele er schon auf dem Buckel hat, am Sonntag in seinem ehemaligen Wohnzimmer aufzulaufen wird keine normale Partie für ihn. Er wird voller Adrenalin, voller Emotionen sein. Für uns gilt es, ihn unter Kontrolle zu halten. Er ist so gut drauf aktuell.“

WERDER.DE: Zurück zu deiner Derby-Historie. Was unterscheidet denn das Stadtderby zwischen St. Pauli und dem HSV vom Nordderby?

Fin Bartels: „Da waren wir immer der klare Underdog, ein krasser Außenseiter. Der HSV spielte damals um Europa. Das gibt dem Derby einen ganz anderen Charakter. Alle Nicht-HSV-Fans in Deutschland haben uns vermutlich die Daumen gedrückt. Wir konnten nur gewinnen. Das hat ja auch geklappt (lacht). Nach dem Derbysieg beim HSV sind wir voller Euphorie durch die Stadt getanzt.“ 

Pure Erfahrung: Fin Bartels im Trikot des FC Hansa Rostock (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: War das dein krassester Derbymoment?

Fin Bartels: „Es war definitiv ein heftiges Erlebnis, gerade auswärts beim HSV zu gewinnen. Das war einer der emotionalsten Momente meiner Fußballerkarriere. Leider haben wir danach aus den darauffolgenden zehn Spielen nur noch einen Punkt geholt und sind abgestiegen. Vielleicht haben wir uns etwas zu hart feiern lassen.“

WERDER.DE: Den Titel ‚Nordderby‘ beansprucht die Partie Werder gegen den HSV für sich. Ist dieses Duell auch für einen Derbyexperten wie dich schlichtweg ein anderes Kaliber?

Fin Bartels: „Definitiv. Alleine wenn man die Tradition betrachtet. Beide Mannschaften sind Urgesteine der Liga, treffen Jahr für Jahr aufeinander. In diesem Spiel steckt so viel Geschichte. Die Brisanz ist ohnehin immer gegeben, ob in Europapokalschlachten oder wenn es gegen den Abstieg geht. Man kann nur unterstreichen: Es ist DAS Nordderby.“

WERDER.DE: Zur Begegnung zwischen Kiel und Lübeck kam es schon länger nicht mehr, das letzte Hamburger Derby ist ebenfalls ein paar Jahre her. Drückst du als Werderaner dem HSV die Daumen, wenn es gegen den Abstieg geht, weil es schade wäre, wenn es das Nordderby nicht mehr gäbe?

Fin Bartels: „Ja, auch wenn es fällt schwer (lacht). Ich glaube auch die Fans würden dieses Duell vermissen, die Vorfreude, die Emotionen. Das würde fehlen.“

WERDER.DE: Deine persönliche Bilanz mit Werder gegen den HSV liest sich nicht ganz so rosig. Aus fünf Duellen gab es erst einen Sieg. Da ist die Lust diese Statistik am Sonntag aufzubessern doch sicher besonders groß, oder?

Fin Bartels: „Unbedingt. Es wird Zeit diese Bilanz aufzupolieren. Damit fangen wir Sonntag an.“

WERDER.DE: Was für eine Partie erwartest du?

Fin Bartels: „Beide Teams sind gut drauf im Moment, beide haben das nötige Selbstbewusstsein um auch fußballerisch ansprechend zu spielen und nicht nur zu kämpfen, zu grätschen. Das ist die Basis für jedes Derby. Keiner kann es sich leisten, nicht hundert Prozent zu geben, aber mit breiter Brust fällt einiges leichter, dann lässt sich auch spielerisch etwas zeigen. Ich hoffe auf ein gutes, interessantes Fußballspiel.“