Ismaël und die zwei Gesichter der Wölfe

Anschwitzen - Der VfL Wolfsburg vor dem Gastspiel des SVW

Musste zuletzt öfter Aufbauarbeit leisten: VfL-Coach Valérien Ismael (Foto: nordphoto).
Anschwitzen
Donnerstag, 23.02.2017 // 17:39 Uhr

Von Maximilian Hendel

Es gehört zu den eher unangenehmeren Alltagspflichten eines Bundesligatrainers, am frühen Sonntagmorgen den – gelinde gesagt – manchmal dürftigen Auftritt der eigenen Mannschaft vom Vortag im Videostudium zu analysieren. Valérien Ismaël und seinem Wolfsburger Trainerteam jedoch war am letzten Wochenende schnell bewusst geworden, die eingehende Kritik des in allen Belangen zweifellosen 0:3 ihres VfL in Dortmund wohl lieber erstmal zu verschieben. „Nach zehn Minuten habe ich gesagt: Schalte ab, das macht keinen Sinn!“, gestand der 41-Jährige dem Fachmagazin kicker. „Wir haben alles nach vorne falsch gemacht, was man falsch machen kann. Jeder müsste sein Fett wegbekommen“, aber „das brauchen wir jetzt nicht.“

Von Vornherein haben es die Verantwortlichen also darauf angelegt, in der zurückliegenden Trainingswoche jenen „mutlosen, alles vermissen lassenden“ (Ismaël im WÖLFE TV) Auftritt schnellstmöglich aus den Köpfen der Spieler zu bekommen und sämtliche Konzentration der unmittelbaren Gegenwart zu widmen. Denn schon am morgigen Freitagabend, 24.02.2017, gastiert Werder Bremen um 20.30 Uhr in der Volkswagen Arena des VfL. Der 22. Spieltag wird mit einem für die jeweiligen Kontrahenten wohl wiederum wegweisenden Aufeinandertreffen eröffnet.

Zwei Ex-Bremer tragen die Verantwortung beim VfL

Seit Herbst 2016 ist er Cheftrainer in Wolfsburg: Valérien Ismaël (Foto: nordphoto).

Nur drei Punkte trennen den Tabellen-Sechszehnten Werder von den Niedersachsen, die seit dem 18. Spieltag auf Rang 14 verharren – weit hinter ihren eigentlichen Ansprüchen. Die kontinuierliche Wankelmütigkeit der Mannschaft hatte Mitte Oktober letzten Jahres zunächst Cheftrainer Dieter Hecking den Job gekostet. Dem nicht genug, bedeutete der wenig später von VfL-Aufsichtsratschef Francisco Garcia Sanz eingeläutete „Neuanfang“ auch das Aus für den bisherigen Geschäftsführer Klaus Allofs im Dezember. Dessen vormaliger Assistent Olaf Rebbe bekam daraufhin den Posten des Sportdirektors übertragen. Neben dem Double-Gewinner von 2004 Ismaël obliegt die sportliche Verantwortung also noch einem weiteren ehemaligen Bremer. „Ich habe zu beiden ein sehr freundschaftliches Verhältnis und bin mit ihnen bei Werder in verschiedenen Positionen einen Weg gegangen. Wir haben auch jetzt noch einen sehr, sehr guten Kontakt und ich freue mich, sie am Freitag wiederzusehen“, bemerkte SVW-Geschäftsführer Frank Baumann gestern auf Nachfrage.

Der 38-jährige Rebbe hatte im Zuge seiner Beförderung umgehend eine ereignisreiche Wintertransferperiode zu gestalten. Nicht nur sorgte der hoch dotierte Wechsel von Nationalspieler Julian Draxler zu Paris St. Germain nach monatelangen internen Querelen für Aufmerksamkeit, auch die Verpflichtung des in diesem Zuge in Mainz ausgelösten dortigen Topscorers Yunus Malli ließ aufhorchen. Während die weiteren Zugänge Paul-Georges Ntep (Stade Rennes) für die Offensive sowie Riechedly Bazoer (Ajax Amsterdam), Rückkehrer Ashkan Dejagah (Al-Arabi) und der nach neuerlicher Knie-OP wieder einsatzbereite Daniel Didavi im Mittelfeld Qualität und Konkurrenzkampf weiter ankurbeln sollen, ging unter anderem noch Stammspieler Daniel Caligiuri nach Schalke. Trotz aller Kaderkorrekturen, das leistungsmäßige Auf und Ab begleitet die Wölfe bislang auch im Jahr 2017. Immer dann, wenn sie Anzeichen eines womöglich endgültigen Befreiungsschlages abgaben, folgten direkt gravierende Rückschläge.

Alexander Nouri: „Individuell sind sie top besetzt“

Auch Yunus Malli, Daniel Didavi und Yannick Gerhardt (v.r.n.l.) gehören zu den Hoffnungsträgern des VfL (Foto: Nordphoto).

Nach einem Heimsieg über den HSV (1:0) zu Beginn verloren sie gegen Augsburg (1:2) und in Köln, dazu gesellte sich das knappe Pokal-Aus in München (0:1). Doch dem sogleich hoffnungsvollen 2:1-Erfolg gegen 1899 Hoffenheim schloss sich jene bittere jüngste Pleite in Dortmund an. Wiederholt musste Valérien Ismaël seinen Kopf angesichts jener „zwei Gesichter“ seiner Mannschaft schütteln. Lediglich 16 Punkte in 14 Bundesligapartien stehen unter der Anleitung des Franzosen zu Buche. 22 Zähler insgesamt können die morgigen Gastgeber bis dato für sich beanspruchen. Stück für Stück hat sich derweil die Konkurrenz von unten an die Wolfsburger herangepirscht. „Das, was uns den Druck jetzt macht, sind die anderen Ergebnisse“, mahnte Rebbe noch in den Katakomben des Dortmunder Stadions im Wissen darum, dass der HSV, Ingolstadt und dazwischen Werder wieder in Schlagdistanz liegen. Wie bei den allermeisten Klubs in sportlich prekären Situationen bleibt eine dadurch entstandene Unruhe auch im Umfeld des VfL nicht aus.

Angesprochen auf die Eventualitäten bei einer anhaltenden Ergebnismisere wurde Sportdirektor Rebbe unlängst im Weser-Kurier wie folgt zitiert: „Ich weiß, was zu tun ist. Wir werden alle Möglichkeiten, die wir haben, voll ausschöpfen.“ Mit Blick auf den Kader erscheinen jene Möglichkeiten ungeachtet aller fehlenden Konstanz auf dem Papier immer noch beeindruckend. „Individuell sind sie top besetzt“, weiß Werders Cheftrainer Alexander Nouri, „sie verfügen einfach über eine extrem hohe Qualität.“ Zuletzt vertraute sein Wolfsburger Kollege Ismaël stets „einem 3-5-2 beziehungsweise 3-6-1“, sagte Nouri. „Da haben sie sich auch eine gewisse Variabilität erarbeitet, spielen viel über die Flügel, suchen ihren Zielspieler Mario Gomez und gehen auf den zweiten Ball.“ Darauf und auf einen erheblichen Wiedergutmachungswillen des nicht weniger unter Erfolgsdruck geratenen VfL werden sich die Grün-Weißen gefasst machen müssen. „Wir dürfen jetzt nicht mehr reden, wir müssen abliefern“, unterstrich Linksverteidiger Jannes Horn bei WÖLFE TV.