Borowski: "Der Stimmungswandel ist spürbar"

Vor dem Spiel zwischen dem SV Werder und dem FC Bayern sprach WERDER.DE mit Tim Borowski (Foto: nph).
Profis
Donnerstag, 12.03.2015 // 12:17 Uhr

Wenn der SV Werder Bremen am Samstag den FC Bayern München empfängt, ist es für Tim Borowski das Duell seiner beiden Ex-Vereine. Insgesamt 15 Jahre spielte der ehemalige Nationalspieler und Vize-Europameister an der Weser, unterbrochen wurde seine erfolgreiche Zeit bei den Grün-Weißen nur durch eine Saison beim Rekordmeister (Saison 2008/09). Mit dem FCB absolvierte der Neubrandenburger zwei Partien gegen Werder, er kennt also beide Vereine gut.

Für WERDER.DE erinnert sich "Boro" an die Aufeinandertreffen beider Klubs, ordnet das anstehende Duell der beiden Rückrunden-Spitzenteams ein und freut sich über die positive Entwicklung in Bremen.

WERDER.DE: Hallo Boro, kannst du dich für uns zurückerinnern, wie es als Werder-Profi war, wenn das Spiel gegen die Bayern anstand?

Tim Borowski: „Das war immer etwas Besonderes, eine Partie auf Augenhöhe. Die Vorfreude war extrem groß. Man hat gemerkt, dass die ganze Stadt elektrisiert war. Dass etwas Außergewöhnliches ansteht, hat man auch an der Anzahl der angefragten Tickets von Familie und Freunde gemerkt (lacht). Es war einfach immer eine sehr reizvolle Aufgabe."

WERDER.DE: Ist die Aufgabe trotz des sportlichen Abstands immer noch ähnlich reizvoll?

Tim Borowski: „So phrasenhaft es auch klingen mag - ich glaube, dass jedes Bundesliga-Spiel etwas Besonderes ist. Aber wenn du vor eigenem Publikum gegen eine Mannschaft antrittst, die nahezu perfekten Fußball spielt, dann ist das natürlich eine zusätzliche Herausforderung."

WERDER.DE: Apropos Phrase: Zu einem Bundesliga-Spiel gehören immer zwei Mannschaften. Du hast bei beiden Teams gespielt. Wie war es denn als Bayern-Profi, wenn man in Bremen antreten musste?

Tim Borowski: „Auch für Bayern ist es ein besonderes Spiel. Der Respekt ist schon groß. Beide Vereine waren lange Zeit auf Augenhöhe und Werder war für die Bayern immer ein sehr unangenehmer Gegner. Deshalb war der Respekt vielleicht noch einen Tick größer als bei anderen Mannschaften."

WERDER.DE: Was muss Werder machen, um diesem Respekt gerecht zu werden und gegen die vermeintlich übermächtigen Münchner zu bestehen?

Tim Borowski: „Sie müssen diesen positiven Lauf und die unglaubliche Unterstützung der Fans in den letzten Wochen und Monaten aufsaugen und das Selbstvertrauen, das die Jungs in letzter Zeit getankt haben, mit in die Partie nehmen. Durch die mannschaftliche Geschlossenheit und die Leichtigkeit, die entstanden ist sowie durch die guten Spielanlagen, die gezeigt wurden, wird Werder Möglichkeiten haben, etwas zu erreichen."

WERDER.DE: Du traust Werder also durchaus etwas zu?

Tim Borowski: „Das steht völlig außer Frage und da stehe ich auch zu! Der Glaube an die eigene Stärke ist extrem wichtig. Natürlich kommen die Bayern, aber Schalkes Auftritt in Madrid ist das perfekte Beispiel, wie man es machen könnte."

WERDER.DE: Sind das gewachsene Selbstvertrauen und die entstandene Leichtigkeit die vielleicht größten Veränderungen der letzten Monate bei Werder?

Tim Borowski: „Ja, das sind sicherlich Faktoren, aber insgesamt ist es ein Kreislauf: Durch Erfolge tankst du Selbstvertrauen, dadurch erlangst du wiederum eine gewisse Leichtigkeit. Durch die Leichtigkeit kannst du gewisse Spielzüge abspulen und kommst zu mehr Torabschlüssen. Das zeigt zum Beispiel das Tor von Franco Di Santo letzte Woche in Freiburg: Wenn du unten drin steckst, fliegt das Ding in den Oberrang. So ist der Treffer sogar Anwärter auf das Tor des Monats."

WERDER.DE: Du hast mit Skripnik, Frings und Vander zusammengespielt, kennst die drei daher sehr gut. Kannst du beschreiben, was hier in den letzten Monaten stattgefunden hat?

Tim Borowski: „Obwohl wir permanent in Kontakt stehen, war ich natürlich nicht allzu dicht dran. Aber die drei bringen einfach Erfahrung mit, kennen die Situation und wissen, wie man damit umzugehen hat. Darüber hinaus sprechen sie die Sprache der Spieler, können sie aber trotzdem fordern. Das sind Themen, die eine wichtige Rolle spielen. Und auch inhaltlich haben sie analysiert und die richtigen Schlüsse gezogen. Das ist schon sehr, sehr gut, was in den letzten Wochen entstanden ist. Das freut mich riesig für die Jungs."

WERDER.DE: Wenn man sich umhört, dann traut der Bremer Fußball-Fan dem SV Werder plötzlich wieder etwas zu. Würdest du diese These stützen?

Tim Borowski: „Absolut. Das merkt man auch in der Stadt, egal ob man zum Bäcker oder zum Einkaufen geht. Aber das ist das, was Bremen ausmacht. Jeder beschäftigt sich mit Werder, jeder identifiziert sich mit dem Verein. Dass sich insgesamt ein Stimmungswandel vollzogen hat, merkt man deutlich. Das hat die Mannschaft in vielen Ansätzen auch gegen Wolfsburg gezeigt. Abgesehen von einem kleinen Blackout hatte man Wolfsburg am Rande der Niederlage. Das zeigt doch, wie weit die Mannschaft ist und wie gefestigt sie ist. Aber dennoch will ich das alles nicht zu euphorisch darstellen. Man muss sich natürlich immer in Nuancen verbessern."

WERDER.DE: Kommen wir nochmal zum FC Bayern. Die haben gestern in 7:0 in der Champions League gewonnen, sind souverän ins Viertelfinale eingezogen. Welchen Einfluss hat so ein „Rausch-Ergebnis" für den Samstag?

Tim Borowski: „Ich gratuliere den Bayern zu dieser Leistung und zum Einzug ins Viertelfinale. Man muss jetzt abwarten, was mit Robben und Ribery ist. Das sind zwei Schlüsselspieler, für die es zwar guten Ersatz gibt, die aber dennoch außergewöhnlich sind. Es wird sich zeigen, wie frisch die Spieler aus dem Spiel kommen und darüber hinaus ist es wichtig zu sehen, wie Werder drauf ist. Wie schon gesagt: Die Euphorie mitnehmen, über die Grenzen gehen und schauen, dass man die wenigen Chancen, die sich ergeben, nutzt. Außerdem werden die Fans die Mannschaft wieder super unterstützen. Vielleicht kann sich Werder in einen Rausch spielen."

WERDER.DE: Wenn man 7:0 in der Champions League gewinnt, in den letzten Bundesliga-Spielen regelmäßig hohe Siege einfährt und auch gegen Werder zuletzt oft getroffen hat - kann das dazu führen, dass man so eine Aufgabe unterschätzt?

Tim Borowski: „Da kann ich aus meiner eigenen Erfahrung berichten. Man spielt bei Bayern, weil man jedes Spiel gewinnen will und im Grunde auch gewinnen muss. Das ist der Anspruch des Vereins und jedes Spielers. Besondere, gute Spieler spielen nicht umsonst bei Bayern. Deshalb muss man sich keine Gedanken machen, dass sich dort der Schlendrian einschleicht."

Das Interview führte Dominik Kupilas