Keine Sonne in Gladbach

Seit über 25 Jahren gab es für Gladbach in Bremen keinen Sieg zu holen. Zuletzt trennten sich beide Teams 2:2 an der Weser.
Bundesliga
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Der Herbst ist da. Auch in Gladbach. Frischer Wind, fallende Blätter, aber vor allem Niederschläge sorgen für Tristesse am Niederrhein. Zumal die Niederschläge nicht nur meteorologischer sondern vor allem auch sportlicher Natur sind.

Der Herbst ist da. Auch in Gladbach. Frischer Wind, fallende Blätter, aber vor allem Niederschläge sorgen für Tristesse am Niederrhein. Zumal die Niederschläge nicht nur meteorologischer sondern vor allem auch sportlicher Natur sind. Nach einem holprigen Saisonstart in der Bundesliga und der Europa-League sind Glanz und Leichtigkeit aus dem Vorjahr längst verflogen. Die Mannschaft schreibt mit Undiszipliniertheiten Negativschlagzeilen und selbst der sonst so besonnene Trainer Lucien Favre ließ sich von der aktuellen Schieflage bei den Fohlen anstecken und rüffelte einen seiner Spieler öffentlich. Als gäbe es nicht genug Probleme, muss die Borussia nun gegen Werder Bremen antreten. Ausgerechnet an der Weser ist Gladbach seit über 25 Jahren sieglos.

Noch vor wenigen Monaten, als alle in und um Gladbach schwärmten und ihren Klub als bereits etabliertes Spitzenteam wahrnahmen, da warnte Lucien Favre bereits. Der sympathische Schweizer Übungsleiter hatte mit Marco Reus (Dortmund), Roman Neustädter (Schalke) und Dante (Bayern) drei elementare Säulen seines Teams aus dem Vorjahr verloren. Dafür jedoch leistete Sportdirektor Max Eberl herausragende Arbeit und lotste klangvollen Ersatz an den Niederrhein: das niederländische Sturmjuwel Luuk de Jong (FC Twente), den spanischen Europa-League-Sieger Álvaro DomÍnguez (Atletico Madrid) sowie das schweizer Kreativbündel Granit Xhaka (FC Basel). Auch Werder-Trainer Thomas Schaaf hat das zur Kenntnis genommen: „Gladbach hat hervorragende Einzelspieler und eine gute Mannschaft."

„Ich bin nicht Harry Potter“

Zwei Schweizer in Gladbach, die sich (meistens) verstehen: Granit Xhaka (l.) und Trainer Lucien Favre (r.).

Favre freute sich über die Neuzugänge, trat aber schnell auf die Euphoriebremse: "Ich bin nicht Harry Potter. Ein Trainer kann viel bewegen, aber es gibt auch Dinge, die ein Trainer nicht ändern kann", erklärte er noch während der Saisonvorbereitung und spielte damit auf die hohe Erwartungshaltung seines Umfeldes an. Favre forderte Geduld und erklärte mehrmals, dass es nicht leicht sei, mit einem neuen Team schnell erfolgreich zu sein: "Man darf nicht vergessen, wen wir verloren haben: Das ist so als würde der FC Barcelona auf einmal Messi, Xavi und Pique verlieren."

Gezaubert wie Harry Potter hat Favre in den vergangenen Wochen wirklich nicht und doch hat er seine gute Arbeit fortgesetzt. Allein es fehlt die Bestätigung auf dem Punktekonto. Nach nur zwei Siegen aus sieben Spielen hat Gladbach neun Punkte auf dem Konto - zwei mehr als Werder Bremen. Ein gefestigter Platz im Tabellenmittelfeld ist das Resultat dieser Ausbeute. Max Eberl will auch deshalb von einem verkorksten Saisonstart nichts wissen: „Wir wussten, dass wir Zeit brauchen, bis sich die Mannschaft neu zusammen gefunden hat. Ich bin mit dem Start nicht unzufrieden."

Hanke, Xhaka und Paderborn sorgen für Unruhe

Noch nicht jeder in Gladbach hat das gemeinsame Ziel fest im Blick. Nach unruhigen Tagen ziehen nun wieder alle am selben Strang.

Wenngleich es sportlich auch hätte schlechter laufen können, gibt es rund um den Borussen-Park noch viele weitere Baustellen. Mit Reus, Neustädter und Dante sind nicht nur die Stars der Vorsaison weg, auch der Teamgeist ist verflogen. „Wieder nicht im Kader", schrieb ein gefrusteter Mike Hanke am vergangenen Spieltag, noch bevor die offizielle Mannschaftsaufstellung publik wurde. Anstatt das Spiel gegen Frankfurt daraufhin auf der Tribüne zu verfolgen, verließ der Stürmer das Stadion. Und auch Mannschaftskollege und Hoffnungsträger Xhaka fiel unangenehm auf, kritisierte öffentlich seine Mitspieler und bemängelte die fehlende Siegermentalität im Team.

Trainer Favre, der Kritik für gewöhnlich intern äußert, zeigte sich vor allem nach Xhakas Aussagen angefressen und reagierte mit Sarkasmus: „Xhaka hat mit Basel einmal 0:7 gegen Bayern verloren. Wir haben letzte Saison zweimal gegen Bayern gewonnen. Ich denke, er muss sich auf seine eigene Leistung konzentrieren." Neben diesen Störgeräuschen abseits des Platzes wurde aber auch Fußball gespielt. Wie Werder (7:0 in Heiligenfelde, 0:0 gegen Kiew) testete Gladbach während der Länderspielpause - und unterlag gegen den SC Paderborn mit 0:2. Zumindest diese Erfahrung haben die Borussen mit den Bremern gemein. Bei einem Saisonvorbereitungsspiel verlor auch Werder gegen Paderborn mit 1:2.

Am kommenden Sonnabend, den 20.10.2012, treffen um 18:30 Uhr nun zwei Klubs aufeinander, die sich nach einem Umbruch eine positive Saison erhofft haben. Bisher sind Bremen und Gladbach davon noch entfernt. „Die Sonne scheint momentan hier nicht", symbolisierte Favre jüngst die aktuelle Situation. Immerhin, nach zuletzt sieben sieglosen Pflichtspielen gelang seiner Mannschaft am letzten Spieltag der Befreiungsschlag - und zwar gegen das Team der Stunde Eintracht Frankfurt (2:0). Ob dieser Erfolg in Bremen fortgesetzt werden kann, bleibt äußerst zweifelhaft. Der letzte Gladbacher Sieg in Bremen ist über 25 Jahre her. Es ist Herbst in Gladbach. Der Sommer und damit auch die Sonnentage scheinen - zumindest vorerst - tatsächlich vorbei.

Von Cord Sauer