"Elia wird Werder in Hamburg zum Sieg schießen"

Der heutige 69-Jährige vor einem Bild aus seiner aktiven Zeit: Horst-Dieter Höttges.
Profis
Freitag, 25.01.2013 // 17:47 Uhr

Horst-Dieter Höttges ist nicht nur Ehrenspielführer und Rekordfeldspieler beim SV Werder. Von seinen Gegnern als „Eisenfuß" gefürchtet, war Höttges in seiner Karriere vor allem auch Mr. Nordderby. Insgesamt bestritt der ehemalige Werder-Verteidiger 71 Duelle gegen Hamburg, Hannover und Co. und ist damit alleiniger Rekordhalter. Allein gegen den HSV stand er 28 Mal in der Liga und im Pokal auf dem Feld. WERDER.DE sprach zwei Tage vor dem Nordgipfel mit dem 69-Jährigen über seine Derby-Erlebnisse, seinen Fast-Wechsel an die Elbe und welche Rolle Uwe Seeler dabei einnahm.

Du hast mit 28 Nordderbys die zweitmeisten Partien nach Dieter Burdenski gegen den Rivalen von der Elbe bestritten. Welches war dein schönstes Erlebnis?

Horst-Dieter Höttges: „Die schönsten Spiele gegen den HSV waren für mich immer die Spiele gegen Uwe Seeler. Er hat Mittelstürmer gespielt, ich musste ihn als Vorstopper decken. Ein Spiel werde ich dabei nie vergessen. Wir spielten in Hamburg, für uns ging es um den Klassenerhalt. Wir mussten unbedingt einen Punkt holen. Vor dem Spiel bin ich zu Schiedsrichter Walter Eschweiler gegangen und sagte ihm ‚Walter, wir brauchen einen Punkt‘. Er hat mir daraufhin gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen sollte. In der zweiten Halbzeit habe ich den Uwe dann gefoult. Zu mir sagte Walter ‚Wenn du noch mal so hingehst, schmeiß ich dich runter‘. Und zu Uwe sagte er ‚Lass dich nicht so fallen oder bist du etwa vor Elend so umgefallen?‘. Uwe fragte mich dann, was mit dem Walter los sei. Ich meinte nur: Keine Ahnung. (lacht) Wir haben schließlich 0:0 gespielt und sind deshalb nicht abgestiegen."

Dabei wärst du um ein Haar gar nicht beim SV Werder gelandet. Wie war das damals genau?

Horst-Dieter Höttges: „Hans Wolff war damals Geschäftsführer bei Werder. Und Werders Trainer Willi Multhaup hat damals ein Junioren-Nationalmannschaftsspiel von mir gesehen. Ich hab zu der Zeit noch in Mönchengladbach gespielt und dort auch eine Lehre gemacht. Mein Bruder war damals dabei und sagte, dass die Entfernung für einen Wechsel zu groß sei. Meine Eltern wollten eigentlich auch, dass ich eher nach Düsseldorf gehe. Wolff hat mich und meinen Bruder dann aber zum Spiel gegen Preußen Münster eingeladen. Abends sind die beiden um die Häuser gezogen, ich war nicht dabei, weil ich ja schlafen musste. Mein Bruder hat dann ohne mein Wissen den Vertrag unterschrieben, obwohl er das eigentlich gar nicht durfte."

Wie ging es dann weiter?

Horst-Dieter Höttges: „Wenig später wurde ich in die Nationalmannschaft eingeladen und habe mir mit Uwe Seeler ein Zimmer geteilt. Und Uwe fing dort an, mich permanent zu bequatschen. Ich sollte doch unbedingt zum HSV kommen, am besten noch direkt nach dem Länderspiel mit ihm in seinem Auto nach Hamburg und nicht nach Bremen fahren. Ich fragte ihn ‚Was soll ich denn in Hamburg?‘. Ich bin ganz verrückt geworden. Außerdem hatte mein Bruder ja schon zuvor einen Vertrag für mich unterzeichnet. Nach dem Länderspiel hab ich dann zu Uwe gesagt, dass ich lieber mit meinem Bruder nach Bremen fahre und dort spielen möchte. Hamburg ist dazu noch weiter von zu Hause entfernt."

Und wie hat Uwe Seeler reagiert, als ihr euch nach deinem Wechsel das erste Mal auf dem Platz begegnet seid?

Horst-Dieter Höttges: „Ich meinte ‚Uwe, es tut mir leid. Die Sympathien waren für Werder einfach größer, das musst du verstehen.‘ Er hat es dann auch sofort akzeptiert."

War es denn damals die richtige Entscheidung?

Horst-Dieter Höttges: „Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich habe dem Verein viel zu verdanken. Ich hatte dank Werder zwei Jobs: Ich war zum Fußball spielen hier und habe darüber hinaus auch für ‚Puma‘ gearbeitet."

Am Sonntag treffen Werder und der HSV bereits zum 98. Mal aufeinander. War der Stellenwert dieses Nordderbys eigentlich auch früher schon so hoch?

Horst-Dieter Höttges: „Ja, absolut. Die Partien gegen Hannover 96 oder Braunschweig waren zwar tolle Nordduelle, eine Stufe höher muss man dann aber die Duelle gegen Hamburg ansiedeln. Die Stadien waren immer voll, egal, ob wir in Hamburg oder in Bremen gespielt haben. Die Derbys hatten bereits damals immer ihren besonderen Charakter. Da hat am Ende häufig die Tagesform entschieden. Mal waren wir besser, mal der HSV. Die Hamburger waren früher auch nur so von berühmten Namen gespickt. Charly Dörfel, Hans Schulz, Uwe Seeler, um nur mal ein paar Namen zu nennen. Das war schon etwas Besonderes."

Wie schätzt du denn die Lage beider Teams aktuell ein?

Horst-Dieter Höttges: „Der HSV hatte zu Saisonbeginn eine Krise, ist dort mittlerweile aber wieder rausgekommen. Die Hamburger haben zuletzt viele Spiele gewonnen, auch dank Rafael van der Vaart, dem Lenker und Denker des Spiels. Dieser Spieler fehlt uns vielleicht ein bisschen. Dafür haben wir aber eine sehr junge Mannschaft, die viel Potenzial besitzt. Das braucht alles seine Zeit. Es kommt viel darauf an, wie das Spiel am Sonntag ausgeht. Mit einem Sieg bin ich optimistisch, dass wir auch gegen 96 drei Punkte holen. Dann spielen wir schon wieder weiter oben mit. Bei der Stärke der gesamten Bundesliga geht das sehr schnell."

Häufig steht der Trainer nach Niederlagen im Mittelpunkt und muss sich rechtfertigen. Wie bewertest du Thomas Schaafs Arbeit?

Horst-Dieter Höttges: „Er leistet wirklich hervorragende Arbeit im Verein. Ich erlebe ihn häufig beim Training. Was er dort macht, hat schon Hand und Fuß. Zurzeit ist er wirklich nicht zu beneiden. Er gibt sich viel Mühe, der Erfolg wird sich bald wieder einstellen. Es kann gar nicht anders sein."

Wo siehst du das Spiel am Sonntag?

Horst-Dieter Höttges: „Ich werde mit meinem Sohn im Stadion sitzen. Max Lorenz und Uwe werden dann auch dabei sein."

Wird Uwe Seeler auch diesmal wieder mit einer Niederlage nach Hause fahren müssen?

Horst-Dieter Höttges: „Ich denke schon. Mein Tipp: 2:1 für uns. Petersen wird treffen und Elia wird sein erstes Bundesligator für Werder Bremen erzielen. In Hamburg, an seiner alten Wirkungsstätte."

Das Interview führte Timo Volkmann