Endspurt um die Europa League

Der ehemalige Bremer Martin Harnik ist mit aktuell 15 Toren Stuttgarts treffsicherster Schütze.
Donnerstag, 12.04.2012 // 18:06 Uhr

Sie tun es schon wieder. Wie sollte es auch anders sein? Der VfB Stuttgart pflegt zum nunmehr sechsten Mal in Serie eine herausragende Rückrunden-Bilanz, welche die Leistungen der eigenen Vorrunde...

Sie tun es schon wieder. Wie sollte es auch anders sein? Der VfB Stuttgart pflegt zum nunmehr sechsten Mal in Serie eine herausragende Rückrunden-Bilanz, welche die Leistungen der eigenen Vorrunde in allerlei Belangen übertrifft. Allein in den acht Partien vor dem am Freitag, 13.04.2012, um 20.30 Uhr in der Mercedes-Benz-Arena anstehenden Duell mit Werder Bremen sammelten die Schwaben 20 ihrer bisher 24 Rückrunden-Punkte.

Aller Jahre wieder eine herausragende Rückrunde

Gut eingekauft: Vedad Ibesivic (l.) und Gotoku Sakai bereichern den VfB.

Noch im Februar, vor der in jenen Tagen kaum absehbaren Wiederaufnahme ihres Abonnements auf ein abermals beeindruckendes Frühjahr, hatte den Schwaben allmählich das Verirren im tiefen Tabellenmittelfeld gedroht. Heute scheuen ein paar ganz kühne Beobachter von außerhalb sogar schon wieder nicht, die Qualifikationsrunde zur Champions League in den Fokus der öffentlichen Betrachtungen schieben zu wollen. Für eine Verwirklichung dessen müsste allerdings erstmal Borussia Mönchengladbach eingeholt werden, was die Egalisierung von sieben Zählern und sechs Toren Rückstand binnen der restlichen vier Spiele verlangen würde. Doch Aktive und Verantwortliche des Fünften präsentieren sich sowohl auf als außerhalb des Platzes mit einer gesunden Mischung aus wiedergewonnenem Selbstbewusstsein und Demut. „Ich habe es mir im Profifußball abgewöhnt zu träumen. Denn da kannst du auch schweißgebadet aufwachen“, zitierte die Stuttgarter Zeitung den nach Realitätsnähe appellierenden Sportdirektor Fredi Bobic, der vielmehr an das ungleich bedeutendere Freitags-Aufeinandertreffen mit den Grün-Weißen erinnerte: „Jetzt heißt es frisch werden für Bremen. Bis zum Saisonende wird es noch ein enger Kampf um die Europapokalplätze. Die Partie gegen Bremen ist ein Spiel für Europa. Mit einem Sieg können wir die Konkurrenz auf Distanz halten.“

Es ist für beide das dritte Spiel in sechs Tagen. Vier Punkte trennen die zuvor noch gleichauf liegenden Kontrahenten, da der VfB erst Mainz (4:1) und danach Augsburg (3:1) zwar keinesfalls in Grund und Boden kombinierte, aber sich die Siege umso mehr durch einen abgezockten Torriecher verdiente. „In solche Spiele musst du dich hineinbeißen, um Erfolg zu haben, weil es vielleicht spielerisch nicht ganz so läuft. Dies ist für die Entwicklung der Mannschaft unheimlich wichtig“, meinte Trainer Bruno Labbadia. Noch immer ebenso nachhaltig im Gedächtnis bleibt das hinreißende 4:4-Unentschieden Ende März beim auch in dieser Saison scheinbar nicht mehr vom Thron zu stoßenden Meister Borussia Dortmund, über das die Süddeutsche Zeitung, berauscht wie das Publikum, philosophierte: „Es gibt Fußballspiele, die verweigern sich jeder Analyse, sie werden nur gespielt, um die Unberechenbarkeit des Lebens zu belegen.“

Schaaf: „Stuttgart hat einen sehr positiven Wind“

Im Hinspiel behielt Werder - hier Alex Ignjovski im Zweikampf mit Okazaki - mit 2:0 die Oberhand.

In allen drei jüngst absolvierten Partien erholte sich der VfB stets von Rückständen. Repräsentativ für das Aufleben seiner Mannschaft in den vergangenen Wochen hob Bruno Labbadia nach Abpfiff in Augsburg anerkennend die Daumen: „Die Jungs haben begriffen, dass das, was uns vorschwebt. Nur funktioniert, wenn alle mitmachen und jeder für den anderen arbeitet.“ Nicht zuletzt die zwei Wintertransfers Vedad Ibisevic und Gotoku Sakai tragen ihren Teil zur Positiventwicklung der Schwaben bei, die derzeit als bestens abgestimmte Einheit von Erfolg zu Erfolg eilen. Mittelstürmer Ibisevic (Hoffenheim) dominiert den Strafraum, beschäftigt mit allen Mitteln eine komplette Innenverteidigung und besticht noch dazu durch eine imposante Scorer-Quote (Elf Spiele, acht Tore, fünf Vorlagen). Augsburgs Trainer Jos Luhukay verbeugte sich vor Stuttgarts „unglaublich kaltschnäuziger und effizienter“ Angriffsreihe. Unter anderem profitiert der ehemalige Bremer Martin Harnik zusehends vom neuen Mitstreiter, der noch mehr Räume öffnet und noch mehr Anspiele liefert. Neun seiner 15 Saisontore gelangen dem Österreicher in der Rückrunde. Auf der Außenverteidigerposition sorgt derweil der Deutsch-Japaner Sakai, vom japanischen Abstiegskandidaten Albirex Niigata ausgeliehen, für zusätzliche Schnelligkeit, Passgenauigkeit und Offensivdrang. „Insgesamt hat die Mannschaft einen sehr positiven Wind. Sie haben sehr starke Leistungen gezeiht, agieren sehr kompakt, sehr geschlossen und sehr erfolgreich. Ihr Spiel ist gefestigt“, verdeutlichte Werders Cheftrainer Thomas Schaaf.

Jedoch muss der VfB gegen Werder auf Zdravko Kuzmanovic‘ Dienste im Mittelfeld verzichten. Den gelbgesperrten serbischen Nationalspieler wird Christian Gentner ersetzen. Weiterhin nicht einsatzfähig sind Khalid Boulahrouz und Johan Audel. Ein Wackelkandidat bleibt Linksverteidiger Arthur Boka aufgrund von Beckenproblemen. „Wir sind in einer klasse Ausgangslage, was wir vor drei Monaten so nicht erwartet hätten. Das Spiel ist eine große Chance für uns“, skizzierte Bruno Labbadia die Vorzeichen und hofft, dass „wir trotzdem unsere Lockerheit bewahren.“ Wie befreit die Gastgeber ihr Anliegen dann wirklich aufziehen können, liegt dementsprechend auch an der Art und Weise des Bremer Auftretens. Verständlicherweise wird Thomas Schaafs Mannschaft im Rennen um die Europa League ihr Möglichstes dagegensetzen, um „dafür zu sorgen, unsere Position selbst zu verbessern.“ Auch wenn es alles andere als eine „leichte Aufgabe sein wird, in Stuttgart zu bestehen.“

von Maximilian Hendel