Werder-Stadionsprecher "Stolli" bei der EM: "Mehr geht nicht"

Stadionsprecher Stolli mit seinem portugiesischen Kollegen.
Profis
Dienstag, 19.06.2012 // 18:19 Uhr

Werder-Stadionsprecher Christian „Stolli" Stoll ist derzeit in selber Funktion mit Philipp Lahm, Mesut Özil und Co. bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine unterwegs...

Werder-Stadionsprecher Christian „Stolli" Stoll ist derzeit in selber Funktion mit Philipp Lahm, Mesut Özil und Co. bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine unterwegs. WERDER.DE schnappte sich den Hörer und erwischte den 51-Jährigen auf dem Flughafen in Warschau bei einem Zwischenstopp auf dem Weg nach Danzig, wo am Freitag das Viertelfinale der deutschen Nationalmannschaft gegen die Griechen stattfindet.

Hallo „Stolli", Deutschland ist als Gruppensieger ins Viertelfinale eingezogen und auch für dich geht das Turnier deshalb weiter.

Christian Stoll: Darüber freue ich mich riesig. Ich bin im Moment auf dem Weg von Kiew über Warschau nach Danzig und voller Vorfreude auf das Spiel am Freitag. Eigentlich sollten wir von Lemberg aus direkt nach Danzig fliegen, aber es wurden vier Flüge gestrichen - hier ist eben alles etwas osteuropäisch, aber wir haben uns daran gewöhnt. Durch die weiten Reisen ist es sehr anstrengend, aber wir haben auch eine Menge Spaß. Es ist alles ganz anders als im Westen, aber das kannte ich schon, da ich mit dem Radsport viel in Osteuropa unterwegs war. Dann aber eher in Tschechien und Ungarn - hier ist es noch mal eine andere Welt. 

Davon bekommt man aus der Entfernung nur sehr wenig mit. Außer die Stadion und die Fanmeilen wird durch die TV-Anstalten nur wenig transportiert. Sieht das bei dir anders aus?

Christian Stoll: Absolut, es war mein großer Wunsch auch einiges vom Land und den Leuten mitzubekommen. Natürlich bin ich auch häufig mit den Jungs vom DFB zusammen, aber dadurch, dass ich für die UEFA arbeite, bin ich sehr viel mit den Kollegen zusammen. Wir sind gemeinsam durch die Städte gelaufen, waren essen und haben auch hinter die Fassade des Landes geschaut.

Und was kannst du berichten?

Christian Stoll: Wenn du hierher kommst und denkst es funktioniert alles wie in Deutschland, dann musst du hier scheitern. Aber ich hatte diese Einstellung nicht und lasse mich auf alles ein. Da muss man allerdings auch nochmal differenzieren, denn das Land ist zweigeteilt. Der Teil von Westen bis nach Kiew ist europäisch ausgerichtet. Das ist auch die Region, die unbedingt in die EU möchte. Der andere Teil um Charkiw. Hier sprechen die Leute kein ukrainisch, sondern russisch - daran merkt man schon den Unterschied. Nach westlichen Maßstäben ist das hier nicht zu messen. Darüber könnte ich hunderte Anekdoten erzählen.

Hunderte müssen es nicht sein, aber kannst du ein, zwei Geschichten ausführen?

Christian Stoll: Spannend fand ich eine Erfahrung im Taxi. Wenn man hier eine Quittung benötigt, muss man seinen eigenen Block mitbringen. Der Taxifahrer muss dann in kyrillischer Schrift den Betrag darauf festhalten. Das kannte ich so vorher noch nicht. Ebenso überrascht war ich davon, dass ich für eine 45-minütige Taxifahrt von Kiew City zum Flughafen nur acht und nicht 80 Euro bezahlen musste. Aber die Lebenshaltungskosten sind hier ohnehin sehr niedrig - der Verdienst allerdings auch. Ein Arzt mit abgeschlossenem Studium und Doktortitel hat mir heute erzählt, dass er nur 150 Euro pro Monat verdient.

Was hast du sonst für Erfahrungen mit den Ukrainern gemacht?

Christian Stoll: Die Menschen sind alle unglaublich freundlich - egal ob im Hotel oder auf der Straße. Aber es gibt einen Spruch, der besagt, dass man in der Ukraine kein freundliches Gesicht sieht. Dieser Spruch stimmt wirklich - die Laufen mit einem Gesicht rum, als würde es nur regnen. Aber hinter dieser Fassade sind die Menschen hier alle sehr nett und auch wenn sie kein englisch sprechen, sind sie stets bemüht.

Mit wem bist du denn dort unterwegs?

Christian Stoll: Bislang bin ich immer mit den anderen drei Stadionsprechern unserer Vorrundengegner, also dem der Holländer, der Portugiesen und der Dänen durchs Lang gezogen. Aber am Montagabend haben wir mit dem Holländer und dem Dänen ein rauschendes Abschiedsfest gefeiert und nun trennen sich auch die Wege von mir und meinem portugiesischen Kollegen. Aber wir beide haben uns versprochen, dass wir uns im Finale in Kiew wiedersehen.

Kommen wir zu deiner eigentlichen Aufgabe. Du bist als Stadionsprecher der deutschen Nationalmannschaft in Polen und der Ukraine - ein Traumjob?

Christian Stoll: Ja! Mehr geht nicht. Ich bin hier auf Einladung, werde dafür bezahlt und kann meinen Traumberuf mit 15.000 Fans im Stadion wahrnehmen. Ich muss ehrlich sagen: Ich habe mehr als 350 Bundesliga-Spiele hinter mir und auch mindestens zwei oder drei Hände voll von Länderspielen. Aber was die deutschen Fans hier veranstalten, ist eine Sensation.

Du klingst überrascht davon?

Christian Stoll: Weil ich das so auch nicht für möglich gehalten habe. Ich habe schon gute Stimmung beim Länderspiel gehabt, aber was die hier abreißen, das ist schon gigantisch. Es sind immer mindestens 15.000 Fans im Stadion und die Lautstärke ist der Wahnsinn. Wir machen unser Programm bis zum Anpfiff vor der Kurve und wenn Gesänge von den Tribünen zurückkommen, dann ist das so laut, dass dir der Draht aus der Mütze fliegt, das ist einfach gigantisch. Und als Stadionsprecher ist das natürlich auch geil, wenn du eine fröhliche Menschenmasse hast.

 

Am Freitag steht das Viertelfinale gegen Griechenland auf dem Programm. Wie sieht denn ein typischer Spieltag für dich aus?

Christian Stoll: In der Ukraine waren das immer sehr große Entfernungen, da ist es mit dem Transport nicht immer so einfach. Und zwei Tage vor dem Spiel beginnen auch schon die ersten Ablaufproben - die Tage sind dann sehr lang. Rund um das Spiel ist ja ohnehin klar, was ich mache. Und wenn keine Spiele sind, dann gehe ich nach dem Frühstück durch die Städte, mache Fotos, weil ich nach der EM eine große Präsentation machen möchte und rede mit Leuten. Abends sitzen wir dann häufig mit den Kollegen zusammen, trinken gemütlich ein Bierchen und erzählen uns Geschichten.

Im Lager der Stadionsprecher scheint die Stimmung gut zu sein. Ist das bei der Nationalmannschaft auch der Fall, oder bekommst du davon gar nicht so viel mit?

Christian Stoll: Doch, ich bin schon oft bei der Mannschaft. Auf jeden Fall immer dann, wenn sie in die jeweiligen Austragungsorte gekommen sind. Zu einigen habe ich ja auch einen sehr engen Kontakt: Zu Miro, zu Merte und zu Poldi zum Beispiel. Mit denen unterhalte ich mich dann auch immer und bekomme so ganz gut mit, wie die Stimmung ist. Aber auch die anderen sind gut drauf und alle sehr fokussiert auf ihr Ziel. Nach der Vorrunde wissen die Jungs, dass wir gute Chancen haben. Das sehen die Menschen hier übrigens genauso. Die kommen auf mich zu, gratulieren und sagen, dass wir die großen Favoriten sind.

Die letzte Frage: Du klingst sehr angetan von diesem Abenteuer. Ist die Zeit bei der EM noch schöner, als Stadionsprecher beim WM-Finale 2006 im eigenen Land gewesen zu sein?

Christian Stoll: Das ist nur noch durch den Titelgewinn zu überbieten. Das war ein absolutes Highlight für mich in Berlin 2006. Aber im Olympiastadion in Kiew mit einer deutschen Mannschaft als Europameister - das könnte das noch toppen. Und wenn ich ehrlich bin, dann träume ich auch schon davon, am Montag oder Dienstag auf dem Römer in Frankfurt oder in Berlin zu stehen und mit den Jungs zu feiern. Aber dieses Thema haben wir bewusst noch nicht diskutiert.


Das Interview führte Dominik Kupilas