Knapp ein Jahr danach: "Wir sind auf uns fixiert!"

Tolle Erinnerungen: Naldo trifft vor einem Jahr zum 2:0 für Werder. Für diesen Samstag steht hinter seinem Einsatz noch ein großes Fragezeichen.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Eigentlich ist es ja immer so: Wenn Werder gegen die Bayern spielt, dann dreht sich alles um dieses Spiel. Dann wird der Vorfreude und besonderen Anspannung Ausdruck verliehen, dann wird spekuliert, wer beim Kontrahenten spielen wird, und analysiert, wie die Grün-Weißen gerade so dastehen im Vergleich mit den Roten. Vor dem 2. Spieltag, an dem Werder am Samstag, 15.08.2009, 15.30 Uhr beim FC Bayern München antritt, ist es anders.

 

"Ich bin mit den Gedanken noch beim Frankfurt-Spiel", sagte zum Beispiel Tim Wiese, als er am frühen Nachmittag von der Nationalmannschaftsreise nach Aserbaidschan zurückkehrte. Auch Clemens Fritz rückt etwas völlig Bayern-Unabhängiges in den Mittelpunkt: "Wir müssen uns stabilisieren, eine Achterbahnfahrt wie letzte Saison abwenden." Cheftrainer Thomas Schaaf fasste Werders Motto vor dem Duell mit dem großen Süd-Rivalen schließlich so zusammen: "Wir sind stark auf uns fixiert!"

 

Für den neuen Trainer Louis van Gaal ist der FC Bayern "wie ein warmer Mantel".

Motivationshilfe 5:2

 

Nach dem enttäuschenden 2:3 zum Auftakt gegen Frankfurt verweisen Trainer und Profis immer wieder auf den eigenen Verbesserungsbedarf, auf die begangenen Fehler und die Motivation, diese zukünftig nicht mehr zu begehen. Ob nun Franck Ribery gegen Werder aufläuft, in welcher Verfassung der Meisterschaftsfavorit gerade ist und was sich unter dem neuen Trainer Louis van Gaal verändert hat, all das steht beim Tabellen-Vierzehnten nicht im Mittelpunkt, anders als sonst vor Duellen wie diesem. Selbst das legendäre 5:2 vor einem knappen Jahr spielt im Umfeld und in den Medien nur eine kleine Rolle. "So ein Spiel sollten wir nicht wieder erwarten", sagt Clemens Fritz, "aber wir fahren dort hin, um Punkte zu holen." Für Thomas Schaaf taugt der fantastische Kantersieg vom 20. September 2008 vor allem als Motivationshilfe. Etwa so: "Sehr her, ihr habt das schon mal geschafft." So könne man verdeutlichen, was man bei einem starken Gegner erreichen kann.

 

Und natürlich sind die Bayern weiter einer der stärksten Gegner, dem man in Deutschland und Europa über den Weg laufen kann. "Sie werden in der Liga als das Maß angesehen und wollen ja auch selbst den Maßstab stellen", sagt Thomas Schaaf. Weil den nationalen Maßstab im vergangenen Jahr der VfL Wolfsburg erfolgreich für sich reklamierte und international der Abstand zum Champions-League-Sieger FC Barcelona im Viertelfinale all zu augenfällig wurde, hat der Vizemeister mal wieder viel Geld investiert: Für die Neuzugänge Alexander Baumjohann (Gladbach), Ivica Olic (Hamburg), Danijel Pranjic (Herenveen), Mario Gomez (Stuttgart), Edson Braafheid (Enschede) und Anatoliy Tymoshchuk (St. Petersburg) wurden insgesamt ca. 50 Millionen Euro ausgegeben.

 

Am 1. Spieltag holte Bayern in Hoffenheim ein 1:1, war damit aber nicht ganz glücklich.

Oberstes Ziel für Samstag: Frankfurt vergessen machen

 

Auf der Gegenseite stehen zwar auch einige namhafte Abgänge wie Lukas Podolski (Köln), Zé Roberto (Hamburg), Lucio (Inter Mailand) oder Tim Borowski. Dennoch hat sich die Qualität im Kader sicher nicht verringert. Werders Kapitän Torsten Frings glaubt sogar, dass die Münchner Investitionen ihm und seinen Kollegen am Samstag "helfen" könnten: "Jeder geht davon aus, dass wir gegen diesen Kader eh nichts holen. Doch wir haben gerade deshalb keinen Druck und können befreit aufspielen." Zudem wäre bei keinem Spiel die Aufmerksamkeit größer. "Wenn du da was holst, kannst du ein Spiel wie gegen Frankfurt vergessen machen."

 

Und das ist, siehe oben, Werders größtes Ziel für das Bayern-Spiel. "Wir sind nicht so verunsichert, dass wir nun mit wackligen Knien nach München fahren", sagt Geschäftsführer Klaus Allofs. "Aber wir erwarten, dass sich die Mannschaft an das Frankfurt-Spiel erinnert, sich weiterentwickelt und die Fehler erkannt hat und abstellt." Mehr Spielsicherheit, klarere Kombinationen und sichere Abschlüsse – so hat Thomas Schaaf die Aufgaben präzisiert. Und natürlich die Rückwärtsbewegung: "Kompletter und besser in der Defensive stehen, es dem Gegner nicht so einfach machen."

 

Vielleicht kann dabei ja am Samstag Sebastian Boenisch schon wieder helfen. Er trainierte am Donnerstagnachmittag erfolgreich mit der Mannschaft, wie übrigens auch die am Mittwoch nicht oder nur kurz zum Einsatz gekommenen Nationalspieler Marko Marin und Mesut Özil. Die anderen Auswahlspieler absolvierten individuelle regenerative Einheiten. Naldo konnte auch am Donnerstag noch nicht auf den Trainingsplatz zurückkehren.

 

von Enrico Bach