An Meyers Festtag gegen imposante Serie

Die Bremer Fans hätten nichts dagegen, Nürnbergs Trainer Hans Meyer nach der Partie am Dienstag ähnlich nachdenklich zu erleben.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Es ist eine Statistik, die sich vermeintlich leicht relativieren lässt. Dennoch sagt sie eine Menge aus über den 1. FC Nürnberg. Das 1:2 bei Hertha BSC Berlin am vergangenen Samstag war die erste Niederlage der Franken seit über einem halben Jahr! Obwohl eine lange WM-Sommerpause die Serie aufpoliert, ist das eine Bilanz, die für Qualität spricht. Es war am 31. Spieltag der letzten Saison, Ende April dieses Jahres, als der Club bei Borussia Dortmund unterlag. In den verbliebenen drei Spielen dieser Spielzeit und in den ersten neun der laufenden Saison schaffte es keine Mannschaft, Nürnberg zu schlagen. Leverkusen nicht, Stuttgart nicht, die Bayern nicht einmal in der heimischen Allianz-Arena. Auch die Heimstärke im easyCredit-Stadion ist beeindruckend – zwölf Mal in Folge blieb der Club zuletzt hier ohne Niederlage. Im Februar entführte als letzte Mannschaft Eintracht Frankfurt drei Punkte. Was zu beweisen war: Auf Tabellenführer Werder wartet beim Auswärtsspiel bei eben diesem 1. FC Nürnberg am Dienstag, 07.11.2006, um 20 Uhr eine verdammt knifflige Aufgabe.

 

Werder hat die Nürnberger Power in diesem Jahr selbst schon einmal herb zu spüren bekommen. Am 26. Spieltag 2005/06 mussten die Bremer ein verdientes 1:3 in Franken hinnehmen – eine von nur zwei Werder-Auswärtsniederlagen im Jahr 2006. Überragend war in diesem Spiel Robert Vittek, der zwei Mal traf. Der Slowake hatte damals schon in den beiden vorangegangenen Spielen je drei Mal getroffen und war auch von Werders Abwehr nicht zu bändigen. Insgesamt kam der bullige Angreifer auf 16 Saisontore, allesamt in der Rückrunde erzielt. Im Jahr zuvor war sein Landsmann Marek Mintal der überragende Stürmer. Mit 24 Treffern sicherte er sich 2004/05 die Torjägerkrone in der Bundesliga.

 

In dieser Saison fehlt dem Club diese Durchschlagskraft noch. Zwar sind endlich beide Slowaken fit, doch die Tore verteilen sich auf andere. Mittelfeldspieler Jan Polak traf als bester "Clubberer" bisher drei Mal, vor allem seine Schussversuche von jenseits der Strafraumgrenze gilt es zu unterbinden. Die besten Stürmer heißen Ivan Saenko und Markus Schroth, die beide bisher doppelt trafen. Vittek war dagegen nur am ersten Spieltag erfolgreich, Mintal bis dato noch gar nicht. Dennoch hebt Werders Cheftrainer Thomas Schaaf vor allem die Nürnberger Offensive hervor: "Sie sind da ganz stark besetzt. Mit Seanko und Vittek haben sie technisch starke Angreifer. Außerdem haben sie einen Schroth, der mit seinem Einsatz für kämpferische Impulse sorgen kann." Neben den starken Einzelspielern hat Schaaf auch allen Respekt vor empfindlichen Gegenstößen: "Sie sind sehr lauf- und konterstark."

 

Das Bild der technisch, taktisch und physisch sehr wirksamen Nürnberger ergänzt der Bremer Trainer respektvoll um ein mentales Merkmal – das Selbstvertrauen: "Das Team hat sich im Vergleich zum Vorjahr stark weiterentwickelt. Mein Kollege leistet dort sehr gute Arbeit. Er hat der Mannschaft Selbstvertrauen und Disziplin gegeben."

 

Auch zum angesprochenen Jan Polak und dem Ex-Bremer Ivica Banovic, am Wochenende Torschütze in Berlin, fällt ihm vor allem auf: "Polak ist gut drauf, Banovic hat zuletzt Selbstvertrauen getankt." Dass sich diese beiden in den Vordergrund spielen konnten, liegt auch an der prominent besetzten Liste der Spieler, die Nürnberg im Sommer verlassen haben. Adel Chedli (Sion), Stefan Kießling (Leverkusen), Mario Cantaluppi (Luzern) und Lars Müller (Augsburg) waren Stützen im Team. Thomas Galasek von Ajax Amsterdam ist der erfahrenste Neuzugang, der helfen soll, diese Lücken wieder zu füllen. Sonst setzt der Club weitgehend auf jugendlichen Mut, den etwa der 22-jährige Dominik Reinhardt mit Blick auf das Duell mit dem Spitzenreiter in folgende Worte presst: "Werder wird jetzt interessant".

 

Aller Entschlossenheit der Nürnberger zum Trotz – die Bremer sind sich bewusst, dass sie als Favorit in die Partie gehen. Thomas Schaaf: "Nürnberg hat gegen uns nicht den Druck, unbedingt gewinnen zu müssen und wird vor heimischem Publikum alles geben." Nicht zuletzt, weil der kuriose Saisonverlauf für die Franken auch eine Negativserie ausweist: Seit nunmehr acht Spielen warten sie auf einen Sieg. Die Erklärung liegt in sieben aufeinander folgenden Unentschieden vor dem Hertha-Spiel, darunter fünf 1:1. Der Club-Trainer Hans Meyer, der nach der Tabellenführung am 3. Spieltag noch über den Gewinn des Meistertitels scherzte, spricht mit viel Respekt über das Unentschieden des vermeintlichen Konkurrenten Werder Bremen gegen Cottbus: "Es wäre mir nicht unrecht gewesen, wenn sich Bremen seinen Ausrutscher für später aufgehoben hätte." Die Heimbilanz seines Clubs gegen Werder sollte ihm aber Mut machen – Werder konnte von 24 Bundesliga-Duellen in Nürnberg nur sechs gewinnen, zehn Mal ging der Club als Sieger vom Feld.

 

Um noch einmal auf Statistik zurück zu kommen: Hans Meyer sitzt am Dienstag zum 250. Mal als Trainer auf einer Erst- oder Zweitligabank in Deutschland. Mit seinem Team erreichte er in dieser Saison bisher zwei Siege, sieben Unentschieden und eine Niederlage. Wie könnte man daraus zum Jubiläum wohl eine runde Sache machen?

 

von Enrico Bach