Besiktas: Wie festgefroren am Ende des Elitezirkels

Besiktas' Kapitän Matias Delgado wehrt sich nach Kräften gegen Hakan Balta. Galatasaray gewann das Stadtderby im Dezember 2008 dennoch mit 4:2.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Schließlich kam das Pathos bei Ertugrul Saglam nicht zu kurz: „Ich möchte mich bei allen Fans von Besiktas und der türkischen Nation entschuldigen. Ich glaube, dass ich Besiktas so gut wie möglich vertreten habe“, sprach der heute 49-jährige Trainer Anfang Oktober 2008 auf seiner letzten Pressekonferenz schwermütig und verabschiedete sich.

 

Saglam, eine Klublegende, die in den 90’ern binnen sechs Jahren über 100 Liga-Tore für die Schwarz-Weißen erzielte, stand zum Zeitpunkt des eigenen Rücktritts mit seinem Team auf keinem Abstiegsplatz und hatte auch sonst kein Verbrechen begangen. Stattdessen fand man sich in der Süper Lig niederlagenfrei auf Platz drei wieder. Ein einziger, wenn auch desaströser Tag, verbunden mit dem vorzeitigen UEFA-Cup aus gegen Metalist Kharkov, war der Grund für sein plötzliches eigenes Abdanken.

 

Mustafa Denizli, die Leistungsträger und ein Gladiator

 

Torwart-Legende Rüstü Recber verbringt den eigenen Karriere-Herbst bei Besiktas Istanbul.

Seitdem übt Mustafa Denizli - nicht weniger renommiert -, der die Türkei ins Viertelfinale der Euro 2000 geführt und Meisterschaften mit Galatasaray und Fenerbahce gefeiert hatte, das Traineramt beim zwölfmaligen Meister aus. Er wird das auch am Donnerstag, 15.01.2009, um 18.30 Uhr MEZ in Kundu tun, wenn Besiktas Istanbul zu Werders drittem Testspiel im Rahmen des Trainingslagers an der türkischen Riviera antritt. Keine gänzliche Unbekannte für Bremer Testphasen der Vergangenheit: Im Januar 2006 schlug Ailton seine alte Liebe per Dreierpack beinah im Alleingang mit 3:2, Ivan Klasnic und Miroslav Klose trafen für Grün-Weiß. Ein Jahr später ließ Werder die vorangegangene Schlappe überdeutlich vergessen. Hugo Almeida (2x), Miroslav Klose und Naldo erzielten die Treffer beim 4:0. Ailton war mittlerweile bei den Grashoppers Zürich gestrandet.

 

Eine enorme Fluktuation hat Besiktas’ Kader seit diesem letzten Treffen vor gut 24 Monaten durchlaufen. Zwei absolute Führungsspieler und Leistungsträger waren schon damals im Team, jedoch nicht aktiv gegen Werder: Der brasilianische Angreifer Bobo, dem seit 2006 schon 53 Tore im Dress der Schwarz-Weißen gelangen und der argentinische Mannschaftskapitän Matias Delgado. In Aachen geboren, spielte Ugur Inceman für seine heimische Alemannia, St.Pauli und Greuther Fürth, 2004 folgte der Wechsel in die Türkei, 2008 unterschrieb er bei Besiktas.

 

Mit langem Haar und monumentaler Figur gesegnet, dazu seine Art von „Kriegsbemalung“, hätte Rüstü Recber eine Drehgenehmigung in Ridley Scott Epos Gladiator verdient gehabt. Ein formidabler Torwart ist er hingegen auch, Rekordnationalspieler der Türkei sogar. Auf seiner alten Tage duelliert er sich noch mit dem weitaus jüngeren Hakan Arikan um das Besiktas-Tor.

 

Suche nach dem Nazar-Amulett

 

Für Bobo (hinten) und Besiktas war gegen Metalist Kharkov im aktuellen UEFA-Cup kein Durchkommen.

In erweiterter Lauerstellung auf Rang sechs platzieren sich Denizlis Mannen gegenwärtig in der Meisterschaft. Zu Spitzenreiter Sivasspor fehlen sechs Punkte. Für Euphorie zu wenig, für Besorgnis zu viel. Beinah ein Spiegelbild des vergangenen Jahrzehnts. Besiktas wirkt in der Dekade häufig wie das etwas verblassende Amulett des dreiköpfigen Istanbuler Elitezirkels, nahezu festgefroren an dessen Ende. Ein Nazar-Amulett bewahrt laut türkischem Mythos vor dem Bösen Blick, der Pech und Unheil mit sich bringt. Das von Besiktas scheint verloren gegangen zu sein, zumindest ist ihm die Magie abhanden gekommen. Vielmehr klebt in dieser Zeit das Pech an den Füßen, dass man entweder Galatasaray oder Fenerbahce oder allen beiden beständig nebenher rennt, sie aber nie überholt.

 

Es ist zwar ein Leiden auf höchstem Niveau, seit zehn Jahren schlossen sie die Meisterschaft nie schlechter als Platz vier ab, man nimmt durchweg an der Champions League oder dem UEFA-Cup teil, doch den türkischen Titel „überließen“ ihnen die großen Rivalen Galatasaray und Fenerbahce bislang nur noch einmal: 2003 mit Trainer Mircea Lucescu. Vorbei die überragende Ära bis Mitte der 90’er mit drei Meistertiteln in Serie (1990-92), geformt und angeleitet von Gordon Milne, auf dem Platz angetrieben durch das überragende Offensiv-Trio Metin Tekin, Ali Gültiken und Feyyaz Uçar sowie dem abermaligen Triumph 1995 nun unter Christoph Daum.

 

Zwei Pokalsiege, einmal wehrloses Opferlamm

 

Impression des Jubelkorsos durch Istanbul nach der letzten Meisterschaft 2003. Fast sechs Jahre sind seitdem vergangen.

Gerade 2007 bestimmten wiederholt Negativschlagzeilen die Szenerie in Zusammenhang mit dem Traditionsverein. Erst bestrafte der CAS ihn zur Zahlung einer empfindlich hohen einstelligen Millionensumme an Ex-Coach Vicente del Bosque und drei Mitarbeiter seines damaligen Stabes aufgrund von ausbleibenden, aber vertraglich festgelegten Lohnzahlungen nach dem Rausschmiss des spanischen Trainerteams im Januar 2005. Das schweizerische Bundesgericht in Lausanne hielt das Urteil nach dem Widerspruch des Klubs aufrecht. Später drohte die FIFA sogar, Champions-League-Prämien einzufrieren, sollten die Überweisungen an del Bosque und Co. weiterhin ausbleiben.

 

Im September gleichen Jahres wurde nach der Süper-Lig-Partie gegen Kayserispor bei Kämpfen verfeindeter Anhängergruppen der beiden Vereine ein Besiktas-Fan erschossen. Und sportlich präsentierte man sich am 6.November 2007 als wehrloses Opferlamm an der Anfield Road. Der FC Liverpool feiert mit 8:0 den höchsten Sieg der Champions-League-Historie. Immerhin zwei jüngste Pokalsiege (2006 und 2007) und ein Supercup (2006) unter Jean Tigana lindern den zuletzt auch häufigen Kummer in der Süper Lig und außerhalb.

 

 

von Maximilian Hendel