Bursaspor: "Trainerfressende" Krokodile mit Titelträumen

Das Logo und das Maskottchen von Bursaspor: Das Krokodil steht für die Menatlität, Sterne und Jahreszahl für das Gründungsjahr und die Anzahl der zusammengeschlossenen Vereine.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Krokodile werden sie genannt. Werders erster Testspielgegner im neuen Jahr: Bursaspor (Samstag, 10.01.2009, 17.30 Uhr Bremer Zeit, live und exklusiv bei WERDER.TV). Trifft man die fleischwütigen Reptilien zur falschen Zeit am falschen Ort, dann… nun ja. Und zumindest Klubfunktionäre und Fans der wie Werder grün-weiß Gewandeten, scheinen ihren Artgenossen mit dem mächtigen Gebiss, den scharf blitzenden Augen und dem kolossalen Schuppenpanzer in Dingen der Beutejagd etwas vormachen zu wollen. Güvenc Kurtar, Fußballtrainer von Beruf, war ihr jüngstes Opfer. Der Fünfzehnte seit 2000, um genau zu sein.

 

Fans skandierten „Hoffnungsloser Fußball“

 

Nach dem sechsten Spieltag mitsamt fünf Siegen herrschte in dieser Saison noch heiter Sonnenschein in Bursa. Platz zwei hinter Trabzonspor stand da zu Buche. Längst Vergangenheit in der ultraschnelllebigen Süper Lig. Sie rutschten auf Rang neun, verschollen im grauen Mittelfeld. Lediglich ein einziger Sieg sollte bis in die Aktualität noch folgen: Ein 2:1 am 13. Dezember, gegen Trabzonspor. Die Anhänger konnte das längst nicht mehr beruhigen. Mehr als 2.000 von ihnen versammelten sich wenige Tage vor dem Jahreswechsel in der Abenddämmerung lautstark auf der Straße und legten unter lodernden bengalischen Lichtern dar, was sie von dem "hoffnungslosen Fußball auf dem Platz" hielten. Kurz darauf gab Trainer Kurtar auf und teilt nun auch das Schicksal so geschätzter Namen wie Bülent Korkmaz, Gheorghe Hagi oder Jörg Berger.

 

Dessen flüchtiges Verweilen (Juli bis Oktober 2000) endete sogar derart bizarr, dass man sich beim Schmunzeln darüber selbst bestrafen müsste. Zuerst splitterten die heimischen Fensterscheiben des Fußballlehrers, zum Rauswurf wurde er zu den Kluboberen in ein Restaurant befehligt, wobei eine Pistole auf dem Tisch lag und ein Vorständler dazu lapidar bemerkt haben soll: "Das ist unsere Sprache."

 

Dino der Eliteklasse, aber kaum ein Titel

 

Ob jene Methoden in Bursaspors Gründungsjahr 1963 angewandt wurden, ist stark zu bezweifeln. Fünf Vereine hatten sich damals zusammengeschlossen, jeder wird im Vereinswappen von einem Stern symbolisiert. Salih Kiracibasi hieß der erste Präsident. Von 1967 an bis ins Jahr 2004 war man durchgängig Mitglied der türkischen Eliteklasse. 2006 folgte als Zweitligameister der Wiederaufstieg.

Hakan Sukur war der -gefühlt- berühmteste Spieler, den Bursaspor hervorgebracht hat.

Volksheld Hakan Sükur schnürte zu Beginn seiner Karriere zwei Jahre die Schuhe für die Krokodile, Kölns Ümit Özat hat einen Abstecher in den Nordwesten des Landes hinter sich. Marc Ziegler und Martin Spanring spielten unter Jörg Berger.

 

Die wenigen Titel liegen lange zurück. 1986 gelang mit dem türkischen Pokalsieg der größte Erfolg. Außerdem sicherte sich der Klub 1971 und 1992 den mittlerweile eliminierten Ministerpräsidentenpokal. Auf dem Kontinent sorgte Bursaspor ein Mal für erhöhte Aufmerksamkeit. 1974 unterlag man im Pokalfinale gegen den türkischen Meister Fenerbahce Istanbul, qualifizierte sich aufgrund dessen jedoch immerhin für den Europapokal. In der folgenden Saison scheiterte Bursa nach dem Weiterkommen gegen Finn Harps (Irland) und Dundee United (Schottland) erst im Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger am späteren Cup-Gewinner Dynamo Kiew.

 

Bursa-Kader mit Vollstrecker-Torhüter und Pizarros Ex-Teamkollegen

 

Europapokal, danach lechzen Spieler, Verantwortliche und Fans von heute. Gerade der überragende Saisonbeginn 2008/09 verleitete viele zu Träumereien, aus denen ein grobes Erwachen stattfand. Doch die Krokodile sind jung, lernwillig, hungrig. Eine Minderheit im 27-Mann-Kader hat die 30 überschritten, oder kratzt überhaupt an ihr. Serdar Aziz, Ismail Göktas, Volkan Sen sowie der derzeit beste Saisonschütze Sercan Yildirim wurden in Bursa geboren und sind im Klub aufgewachsen. Noch keiner von ihnen hat die 20 Jahre erreicht. Genauso nicht Chihan Kaan Kaptan, geboren in Wuppertal, 1996 in die Jugendschule Bayer Leverkusens eingetreten, 2007 Deutscher A-Junioren-Meister und 2008 Junioren-Pokalsieger mit Bayer. Er spielte zusammen mit Dennis Diekmeier die U 19-EM-Quali und versucht seit Sommer sein Glück in Bursa.

 

Der ehemalige Werderaner Sepp Piontek war auch schon mal in Bursaspor aktiv.

Für die nötige Balance sollen unter anderem die erfahrenen Yusuf Simsek und der in Kassel geborene Vize-Kapitän Ömer Erdogan sorgen. Bulgariens Nationaltorwart Dimitar Ivankow, der bei der EURO 2004 spielte, gehört mit über 30 Karriere-Treffern bevorzugt vom Elfmeterpunkt zu den torgefährlichsten Schlussmännern aller Zeiten. Maksim Romaschenko ist Rekordtorschütze der weissrussischen Nationalef und Angreifer Ysrael Zuniga hat mit Claudio Pizarro für Peru einige WM-Quali-Partien und die Copa Ameria 2007 absolviert.

 

Pionteks Ur-Ur-Ur-Ur...Enkel

 

So richtig mit Bursaspor in Berührung kam dagegen bisher nur ein Werderaner. Sepp Piontek, der fast 300 Spiele für Werder bestritt und direkt nach Karriereende (1972) drei Jahre auf der Bremer Trainerbank erlebte, hatte 1993 ein kurzes Übungsleiter-Intermezzo. Am 2.Januar 2009 präsentierte sich sein "Ur-Ur-Ur-Ur-Trainer-Enkel" der Öffentlichkeit: Ertugrul Saglam. Auf der Pressekonferenz sprach er über einen der herausragenden Klubs der Türkei, wie stolz er ist, bei Bursaspor arbeiten zu dürfen und davon, dass jeder hier auch mal eine Meisterschaft erwarte. Die Fans klatschten anerkennend Beifall.

 

von Maximilian Hendel