Hajrovic: ''Ich fühle mich als Schweizer und als Bosnier''

Engagiert: Im Training gibt Izet Hajrovic alles - hier im Zweikampf mit Alejandro Galvez (Foto: nph).
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Freitag, 08.08.2014 // 14:33 Uhr

Im schweizerischen Brugg geboren und aufgewachsen, entschied sich Werders Neuzugang Izet Hajrovic dennoch für die bosnische Nationalmannschaft. Für das Geburtsland seiner Eltern nahm der 23-Jährige im Sommer an der Weltmeisterschaft in Brasilien teil - und machte das Land mit seinen Teamkollegen trotz Ausscheidens in der Gruppenphase stolz. Doch für Werders neue Nummer 14 war der Entschluss, im Nationaltrikot des Balkanstaates aufzulaufen, eine schwere Entscheidung.

Im zweiten Teil des Interviews mit WERDER.DE erklärt Hajrovic, wie er mit den Anfeindungen nach seinem „Staatenwechsel" und nach dem Wechsel an die Weser umgegangen ist, blickt auf seine ersten Erfahrungen mit den Werder-Fans und verrät, warum Skifahren für ihn out ist.

WERDER.DE: Unmittelbar bevor du bei Werder unterschrieben hast, bist du für Bosnien-Herzegowina, das Geburtsland deiner Eltern, bei der Weltmeisterschaft in Brasilien aufgelaufen. Als gebürtiger Schweizer hättest du auch für die Elf von Ottmar Hitzfeld spielen können. Fühlst du dich eher als Schweizer oder eher als Bosnier?

Izet Hajrovic: „Das ist eine schwierige Frage, die mir oft gestellt wurde und die ich mir selbst schon oft gestellt habe. Ehrlich gesagt, fühle ich mich als Schweizer und als Bosnier. Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen, andererseits kommen meine Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien. Blut ist dicker als Wasser, weshalb ich mich teilweise eher als Ex-Jugoslawe sehe. Ich verbinde sehr viel mit dem Land, in dem ich aufgewachsen bin und meine Fußballkarriere begonnen habe. In Bosnien war ich dagegen eigentlich nur zum Urlaub machen. Wir waren früher jedes Jahr mindestens zwei Mal dort. Mit der Nationalmannschaft komme ich jetzt natürlich noch viel häufiger in das Land."

WERDER.DE: Welche Rolle spielt die Nationalmannschaft für die Menschen in Bosnien-Herzegowina, das als Staat ja auch erst seit gut 20 Jahren besteht?

Hajrovic: „In den letzten Jahren hat sich die bosnische Nationalmannschaft stark verbessert. Wir haben es immer knapp verpasst, uns für die großen Turniere zu qualifizieren. Dieses Jahr hat es endlich geklappt. Wir haben uns als Gruppenerster qualifiziert. Das war ein Riesenerfolg für uns Spieler, aber auch für das Land. Alle haben sich sehr gefreut. Sie konnten es kaum erwarten uns mal bei einer WM zu sehen. Das ist das Größte, was man für ein Land erreichen kann. Trotz des frühen Ausscheidens in der Gruppenphase war der Großteil der Menschen nicht enttäuscht, sondern ziemlich glücklich und stolz auf uns, dass wir das erreicht haben. Für so ein kleines Land ist das nicht selbstverständlich."

WERDER.DE: Für die Schweizer Nationalmannschaft hattest du bereits ein Freundschaftsspiel bestritten, bei einem weiteren saßest du auf der Bank. Als du den Verband gewechselt hast, gab es einige Anfeindungen. Ähnlich ging es dir in den letzten Wochen nach dem Wechsel an die Weser. Wie bist du damit umgegangen?

Hajrovic: „Im Endeffekt muss jeder mit sich ausmachen, welche Entscheidungen er im Leben trifft. Ich denke, in beiden Fällen habe ich das Richtige gemacht - sowohl bei meiner Entscheidung für Bosnien zu spielen, als auch zu Werder zu wechseln. Natürlich registriere ich es, wenn beleidigende Kommentare gepostet werden oder ich auf der Straße angemacht werde. Häufig höre ich auch rassistische Kommentare, aber damit versuche ich ganz cool umzugehen und nicht hinzuhören. Ich stehe zu meinen Entscheidungen."

WERDER.DE: Am letzten Samstag wurdest du beim „Tag der Fans" offiziell den grün-weißen Anhängern vorgestellt und mit viel Applaus empfangen. Wie hast du die Unterstützung der Werder-Fans bisher wahrgenommen?

Hajrovic: „Man hat gesehen, dass die Fans uns überall unterstützen, wo wir hinkommen. Sie waren in China mit dabei, im Trainingslager im Zillertal und am Samstag im Stadion. Obwohl Urlaubszeit ist, sind 30.000 Zuschauer gekommen. Man sieht, welche Bedeutung der Verein hier hat."

WERDER.DE: Besonders in der letzten Saison waren Fans und Verein eine Einheit...

Hajrovic: „Schon vor meinem Wechsel habe ich gehört, dass Bremen ziemlich treue Fans haben soll, die auch bei Niederlagen immer hinter einem stehen. Ich muss ehrlich sagen: das ist geil! Das motiviert mich, es macht gleich viel mehr Spaß Aufzulaufen. Von der Fan-Aktion in Mainz habe ich gehört. Das muss unglaublich gewesen sein. Diese Unterstützung nimmt uns Spielern sehr viel Druck, da wir wissen, dass solange wir kämpfen, die Fans hinter uns stehen, auch wenn wir verlieren sollten."

WERDER.DE: Auf deinem Steckbrief im WERDER MAGAZIN Spezial zur neuen Saison hast du angegeben, dass Skifahren für dich out ist. Und das als Schweizer! Wie konnte das passieren?

Hajrovic: (lacht) „Ich bin ja kein Ur-Schweizer und Skifahren habe ich nie so wirklich versucht. Generell hat mich Wintersport nicht interessiert. Meine Eltern haben mich anders erzogen. Ich schaue es zwar ab und zu mal im Fernsehen, aber als Aktiver ist das für mich nichts. Früher, als ich klein war, habe ich mich mal auf dem Snowboard versucht, aber mehr nicht."

WERDER.DE: Stattdessen ist ein Hobby von dir die PlayStation. Hast du dich schon beim FIFA spielen mit Felix Kroos duelliert, der ja als die Herausforderung innerhalb des Teams gilt?

Hajrovic: „Im Trainingslager wollte ich immer wieder gegen die Jungs antreten, leider war ich einfach immer zu müde (lacht). Ich bin sicher, wir werden das nachholen. Allerdings bin ich kein Profi, der vier Stunden am Tag davor sitzt. Mir tut es einfach manchmal gut, um abzuschalten. Grundsätzlich gehe ich lieber raus und sitze nicht nur zu Hause rum. Ich skype auch sehr viel mit meiner Familie."

WERDER.DE: Ganz hoch im Kurs ist bei Kroos, Prödl und Co. ja auch Golfspielen...

Hajrovic: „Ich bin nicht so der Golf-Typ. Lieber spiel ich Tennis oder Basketball. Beides gucke ich auch sehr gerne im Fernsehen. Vor allem Novak Djokovic und Roger Federer sind für mich ganz große Sportler."

Das Interview führte Yannik Cischinsky

Im ersten Teil des Interviews spricht der 23-Jährige über seine persönlichen Ziele bei Werder, den schmerzhaften Muskelkater nach der ersten Trainingswoche und seine große Stärke, die Standardsituationen.