Frings' WM-Kolumne: Klima spielt keine Rolle

Satte WM-Erfahrung: Werder-Trainer Torsten Frings nahm an den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 teil.
Profis
Donnerstag, 12.06.2014 // 10:38 Uhr

Heute Abend um 22 Uhr ist es endlich so weit: Die Weltmeisterschaft in Brasilien startet! Für mich auch gerade deshalb total unglaublich, da unsere Heim-WM in Deutschland somit schon acht Jahre her ist ...

Heute Abend, um 22 Uhr, ist es endlich so weit: Die Weltmeisterschaft in Brasilien startet! Für mich auch gerade deshalb total unglaublich, da unsere Heim-WM in Deutschland somit schon acht Jahre her ist. Acht Jahre! Wahnsinn! Dabei sind meine Erinnerungen an das „Sommermärchen" immer noch recht frisch.

Auch wenn die Situation bei uns damals eine andere war, kann ich mich sehr gut in die Lage der brasilianischen Nationalspieler, so kurz vor ihrem ersten Auftritt, versetzen. Der Druck vor dem Auftaktspiel ist riesig. Wir haben 2006 eine schlechte Vorbereitung gespielt. An die 1:4-Niederlage gegen Italien in Florenz werden sich wohl viele noch erinnern. Nicht zuletzt deshalb hatten die Fans zwar den Anspruch an uns, dass wir ein gutes Turnier spielen, aber den Titel hat keiner erwartet. Das ist bei den Brasilianern anders - die wollen und müssen Weltmeister werden und sonst nichts.

An den letzten Titel der „Selecao" erinnere ich mich zwar nur sehr ungern - wir hätten das Finale in Yokohama gerne gewonnen - aber für mich ist Brasilien auch diesmal der Favorit auf den Titel: Die haben eine super Truppe zusammen und spielen im eigenen Land - welche Euphorie das auslösen kann, haben wir 2006 ja am eigenen Leib erfahren dürfen. Die Stimmung im Land kann der entscheidende Faktor sein. Keine große Rolle spielt für mich hingegen das Klima. Natürlich wird das Thema von den Medien gerne aufgegriffen, aber das wird am Ende keinen Ausschlag geben. Ich war zwar selbst noch nie in Brasilien, haben aber auch schon bei ähnlichen Temperaturen gespielt. Die Mannschaften werden sich daran gewöhnen und sind alle in einem super Fitnesszustand. 

An der Fitness wird in den Wochen vor einem großen Turnier immer sehr hart gearbeitet, das weiß ich noch sehr genau. In den Tagen vor dem Start geht es dann an den Feinschliff, da werden nur noch Details verbessert. Vor allem aber werden die Spiele der anderen Mannschaften verfolgt und analysiert. Wir hatten für solche Zwecke immer einen Gemeinschaftsraum, in dem die Mannschaft viele Spiele geschlossen geschaut hat. Ich bin mir sicher, dass jeder unserer Nationalspieler jedes Spiel schauen wird - natürlich nur, wenn es möglich ist. Das anstehende Turnier wird in diesen Tagen das Hauptthema in der Mannschaft sein. Es dreht sich alles nur darum, jeder möchte selbst eingreifen. Bei all der Vorfreude ist es aber wichtig, auch mal über andere Themen zu reden, um sich nicht total verrückt zu machen.

Ein unschönes Thema in den letzten Tagen war die Verletzung von Marco Reus. Mir persönlich tut das leid für ihn - und für Deutschland. Im ersten Moment ist so eine Nachricht auch immer ein Schock für die Mitspieler. Aber es sind alles Profis und die wissen, dass der Erfolg nicht von einem einzelnen Spieler abhängt. Der Ausfall ist ein herber Verlust, der nicht leicht zu verkraften ist, aber die Mannschaft ist vor allem in der Offensive so gut besetzt - ich mache mir da keine Sorgen.

Gespannt bin ich darauf, wie sich Erik Durm schlagen wird. In meiner Position als Co-Trainer von Werders U23 achte ich immer besonders auf junge Spieler. Und ich habe 2002 eine ähnliche Situation erlebt. Ich hatte damals zwar schon einige Länderspiele gemacht, bin aber trotzdem etwas überraschend als Stammspieler ins Turnier gegangen. Ich kann mir daher gut vorstellen, was in seinem Kopf abgeht - Anspannung und Vorfreude werden riesig sein. So geht es mir momentan auch - ich freue mich auf die 20. Fußball-WM! In diesem Sinne: Eine schöne Weltmeisterschaft!

Euer Torsten!