Boenisch-Kolumne: "Hier ist es wichtig, die Nationalhymne zu singen"

Sebastian Boenisch hat mit seiner Leistung überzeugt. Am Sonntag wurde der Verteidiger in den polnischen EM-Kader berufen.
Profis
Dienstag, 29.05.2012 // 11:02 Uhr

Jeder Fußball-Profi hat höchstens einmal in seiner Karriere die Chance ein großes Turnier in seinem Heimatland zu spielen. Die EURO 2012 ist für den gebürtigen Polen Sebastian Boenisch der bisherige Höhepunkt seiner Karriere. Trotz monatelanger Verletzungspause hat er den Sprung in den EM-Kader des Gastgeberlandes geschafft. Der Werder-Profi, der mit dem DFB U 21-Europameister 2009 wurde und sich danach zum Fußball-Verband seines Geburtslandes bekannt hat, berichtet an dieser Stelle in den kommenden Wochen regelmäßig von seinen Erlebnissen mit der Nationalmannschaft und bringt so allen Werder-Fans das Nachbarland, die Menschen und die Fußballkultur ein Stück näher. Viel Spaß!

Teil 2

"Witam Werder-Fans!

Das war ein ganz hartes Stück Arbeit gegen die Slowakei, aber am Ende konnten wir das Testspiel am Samstag mit 1:0 gewinnen. Damien Perquis hat in der 30. Minute das so wichtige Tor für uns geschossen, obwohl er ja eigentlich auch Verteidiger ist. Mein Fahrplan stimmt. Gegen Lettland stand ich ja bereits in der Startelf, auch wenn da viele Stammkräfte noch nicht aufliefen. Jetzt durfte ich wieder über 90 Minuten spielen. Dieses Mal waren auch Robert Lewandowski, Jakub Blaszczykowski und Lukasz Piszczek von Dortmund dabei. Im Test gegen Lettland haben die drei noch gefehlt.

Meine Leistung in den Testspielen haben den Trainer wohl überzeugt, denn am Sonntag kam die erlösende Nachricht: Ich bin im endgültigen Kader und kann die Europameisterschaft im eigenen Land spielen. Ich habe mich riesig gefreut, so eine Chance bekommt man wirklich nur einmal im Leben. Jetzt kann ich richtig loslegen und mich mit meinem Team weiter auf das Turnier vorbereiten.

Die Umstellung zu Werder, wo ich zuletzt auf der rechten Seite agierte, fällt mir nicht schwer. Das wird kein Problem. Ich bin beidfüssig und wusste, dass mich Frantisek Smuda eher auf der linken Seite einplant. Grundsätzlich bin ich froh und glücklich, dass ich überhaupt dabei bin und mir ist egal, wo ich der Mannschaft weiterhelfen kann.

Auch wenn wir auf der linken Defensivseite einen gesunden Konkurrenzkampf haben, in dem Jakub Wawrzyniak von Legia Warschau mit mir um den Stammplatz kämpft, bin ich überzeugt, dass ich in dieser Vorbereitung den Trainer von meinen Qualitäten überzeugen kann. Ich sehe mich als Leistungsträger in diesem Team. Ein Signal möchte ich mit meinen Sprachkenntnissen setzen, die sich in den vergangenen Monaten weit nach vorn gebracht habe. In meiner Reha-Phase habe ich da viel investiert, weil ich weiß, dass dies der Schlüssel zu mehr Teamgeist und damit zu besseren Leistungen ist.

Ich habe ja gemerkt wie unheimlich wichtig das in Polen ist, wie viel Wert darauf gelegt wurde, dass ich die Nationalhymne singen kann, dass wir nicht permanent deutsch reden bei der polnischen Nationalmannschaft. Ich habe daraufhin mit meinen Eltern nur noch polnisch gesprochen. Sie haben mich begeistert unterstützt, mich auch mal darauf hingewiesen, als ich rückfällig wurde. Das hat Spaß gemacht, ich habe auch ein bisschen eigene Identität neu entdeckt. Ich sehe es jetzt auch bei Werder, wie blöd ich es finde, wenn Spieler vier, fünf Jahre hier sind und nicht deutsch sprechen und nichts dafür tun. Das ist nicht richtig. Man muss sich in ein Gefüge anpassen und die Sprache ist dabei sehr wichtig. Klar, muss ich mich auch voll konzentrieren, wenn unser Trainer auf polnisch die Taktik bespricht, aber ich werde immer besser.

Spätestens beim Turnier müssen alle die wichtigsten Begriffe auf polnisch kennen: Links, rechts, nach vorne, verschieben! Wenn sich bei uns das nicht alle zu Herzen nehmen, dann reden wir in der polnischen Nationalmannschaft fünfsprachig. Ich will mir da nichts vorwerfen lassen und ein Vorbild sein. Da bin ich sehr motiviert. Man sagt zwar immer, dass die Fußballer-Sprache international ist, aber wenn du auf Topniveau plötzlich überlegen musst, ob du deinen Kollegen jetzt auch polnisch, deutsch oder französisch ansprechen musst, dann ist es zu spät. Klar muss man im Spiel auch mal zwei Wörter englisch reinschmeißen, aber grundsätzlich ist alles so schnell geworden, dass du dich auf andere Dinge konzentrieren musst als auf die Sprache. Wir müssen das auch in unserem Nationalteam hinkriegen.

Viele Grüße an die Weser!
Do zobaczenia, Basti