Boenisch-Kolumne: "Wiese bekommt Tickets, wenn sie gegen uns rausfliegen"

Mit einem öffentlichen Training im Nationalstadion Warschau bereiteten sich Sebastian Boenisch und sein Team auf das Eröffnungsspiel vor.
Profis
Freitag, 08.06.2012 // 10:47 Uhr

Teil 4

Jeder Fußball-Profi hat höchstens einmal in seiner Karriere die Chance ein großes Turnier in seinem Heimatland zu spielen. Die EURO 2012 ist für den gebürtigen Polen Sebastian Boenisch der bisherige Höhepunkt seiner Karriere. Trotz monatelanger Verletzungspause hat er den Sprung in den EM-Kader des Gastgeberlandes geschafft. Der Werder-Profi, der mit dem DFB U 21-Europameister 2009 wurde und sich danach zum Fußball-Verband seines Geburtslandes bekannt hat, berichtet an dieser Stelle regelmäßig von seinen Erlebnissen mit der Nationalmannschaft und bringt so allen Werder-Fans das Nachbarland, die Menschen und die Fußballkultur ein Stück näher. Viel Spaß!

"Witam Werder-Fans!

Es ist soweit, das ganze Land hat darauf gewartet. Am Freitag geht es endlich los. Die Testspiele sind durch und der Druck ist riesig. Unsere Fans erwarten ganz klar, dass wir die Gruppe überstehen. Aber das ist auch gut so, das bringt dich nach vorn. Jeder, der bei uns im Kader steht, hat schon wichtige Spiele in der Karriere bestritten. Wir können damit umgehen. Wir werden uns von unseren Hoffnungen positiv beeinflussen lassen. Man kann es auch so sehen: Du musst nur die Vorrunde überstehen, dann ein, zwei Mal Glück haben und schon stehst du im Endspiel. Griechenland 2004 und Dänemark 1992 haben vorgemacht, was möglich ist. Es kann alles passieren.

Das Beste wäre, wir holen uns den Gruppensieg, dann treffen wir auf den Zweiten der Deutschland-Gruppe. Aber mir ist alles recht: Hauptsache Weiterkommen und dann meinetwegen auch gegen Deutschland. Das wäre ein Traum. Ich habe Tim Wiese schon mal angeboten, dass er sich bei mir Karten besorgen kann, wenn er schon raus ist und wir das Halbfinale spielen. Aber Scherz beiseite, an so etwas dürfen wir gar nicht denken. Aus der Gruppe rauszukommen ist die Mission, wer dann kommt, darf uns nicht interessieren.

Das Selbstvertrauen in unseren Reihen ist groß, weil wir einige richtig starke Typen und ein tolles Team haben. Allen voran natürlich Torfabrik Robert Lewandowski. Er hat eine überragende Saison gespielt. Mehr als 20 Tore musst du erstmal in Deutschland machen. Er wird im Sturm gesetzt sein. Er ist für mich ein Kandidat für die Torjägerkrone dieser EURO. Dass er auch für Polen trifft, hat er ja im Test gegen Andorra gezeigt. Ich werde es auf keinen Fall. Dafür spiele ich zu defensiv (lacht). Ich glaube aber, dass fünf, sechs Tore reichen werden, um das zu gewinnen und dass Robert Lewandowski das zuzutrauen ist. Ich hoffe es für ihn.

Die nächste Rakete im Team ist auch ein Dortmunder. Lukasz Piszek. Er hat eine fantastische Entwicklung gemacht, er hatte zwei ganz starke Spielzeiten beim BVB, aber wenn ich jetzt dauerhaft gesund bleibe, dann will ich ihm den inoffiziellen Titel des besten Außenverteidigers der Liga streitig machen. Ich habe großen Respekt vor seiner Leistung. Er verkörpert das moderne Spiel des Außenverteidigers. Er bereitet viele Tore vor, ist selbst torgefährlich.

Aber ich glaube auch nicht, dass wir einpacken können, falls er ausfällt. Wir sind nicht so abhängig von ein oder zwei Spielern. Wir haben vielleicht nicht die großen europäischen Stars, unser Trumpf muss die mannschaftliche Geschlossenheit sein.

Was mich betrifft, hoffe ich natürlich auf einen Platz in der Startelf. Während meiner langen Verletzungspause hat auf meiner Position Jakub Wawrzyniak von Legia Warschau gespielt. Er hat seine Sache gut gemacht, aber ich fahre zur EURO, um dort zu spielen, das wollte ich in der Vorbereitung deutlich machen. Und ich glaube, dass ich es trotz des großen Konkurrenzkampfes geschafft habe.

Ich freue mich nun auf dieses Turnier, auch weil Trainer Frantisek Smuda angekündigt hat offensiv zu spielen, wofür Polnische Mannschaften in der Vergangenheit nicht unbedingt standen. Mir persönlich kommt dieses Ziel entgegen. Das kenne ich ja von Werder. Wenn du das Spiel machst, dann muss der Gegner auch viel Kraft lassen. Andererseits kannst du dich auf diesem Niveau wie bei der EURO ohnehin nicht nur hinten reinstellen. Das geht oft 60 oder 70 Minuten gut, aber irgendwann fängst du ein Tor. Unser Trainer weiß, was er tut, und wird uns perfekt einstellen.

Auch meine privaten Vorkehrungen sind bereits getroffen. Die Kartenwünsche sind alle bearbeitet. Wie man sich vorstellen kann, sind ein paar Wünsche eingegangen. Leider konnten nicht alle berücksichtigt werden, weil auch wir Spieler nicht 20 oder 30 Karten für jedes Spiel bekommen können. Umso mehr freut es mich, dass meine Familie die gesamte Vorrunde vor Ort verfolgen wird. Sie hat sich hier sogar eine Wohnung gemietet. Das ist die beste Lösung, denn Hotelzimmer waren nicht mehr zu finden.