Wiese-Interview Teil 1: "Altrosa wäre besser gewesen!"

In den ersten Monaten bei Werder war Tim Wiese die Nummer zwei hinter Stammkeeper Andreas Reinke.
Profis
Mittwoch, 02.05.2012 // 15:45 Uhr

Seit Wochen steht der Abschied von Torhüter Tim Wiese fest. Nach sieben Jahren verlässt der Publikumsliebling und Nationaltorhüter die Grün-Weißen. Zum großen Abschieds-Interview traf sich Tim exklusiv mit WERDER.TV und WERDER.DE an einem ganz besonderen Ort. Zimmer 208 im Bremer Parkhotel. "Hier habe ich gefühlt 200 Mal geschlafen. Das war mein zweites Zuhause. Ich kann noch gar nicht glauben, dass ich vor dem Schalke-Spiel hier zum letzten Mal übernachte", so der Keeper, der im Interview viele Erinnerungen hervorkramt.

TEIL 1

Hallo Tim, Hans Sarpei hat letzte Woche getwittert, dass es in Hoffenheim keinen "Sunpoint" gäbe. Er spielt auf einen möglichen Wechsel zu 1899 an. Weiß er mehr als du?
Tim Wiese: Ja, sieht so aus. Er macht halt immer mal einen Spruch. Ich habe ja mal mit ihm zusammengespielt. Das ist gar nicht so bekannt. Das war in der zweiten Mannschaft von Fortuna Köln, damals in der Landesliga. Ich war 16 oder 17 Jahre alt. Er war aber auch noch ein junger Bursche. Auf jeden Fall war er damals schon gut drauf. Kontakt haben wir heute aber nicht mehr.

Aber liegt er mit seinen Vermutungen richtig?
Tim Wiese: Ich kann dazu nichts sagen. Es steht noch nicht fest, wo ich nächstes Jahr spiele.

Dafür bist du in den vergangenen Jahren um so auffälliger bei Werder gewesen. Dabei vergisst man oft, dass dein erstes halbes Jahr hier unter einem denkbar unglücklichen Stern stand.
Tim Wiese: Das stimmt, ich kam frisch genesen von einem Kreuzbandriss zu Werder und habe mich sofort in der Vorbereitung wieder am Kreuzband verletzt.

Es passierte im Testspiel beim FC Hansa Rostock. War der Fehlstart dort perfekt?
Tim Wiese: Drei Wochen hatte ich damals erst mittrainiert. Ich musste mich wieder ein halbes Jahr ranarbeiten. Ich habe das einfach als Schicksal empfunden. Es war einfach Pech. Vom Fehlstart würde ich nicht sprechen.

Dennoch hast du Lehren aus deinen ersten Wochen bei Werder gezogen und dich körperlich anders aufgestellt.
Tim Wiese: Stimmt. Ich habe danach viel Körpermasse verloren, also vor allem Muskelmasse. Ich habe mich anders ernährt, anders trainiert. Im Vergleich zu damals habe ich jetzt zehn, zwölf Kilo weniger. Und für die Gelenke ist jedes Gramm ein Vorteil. Ich fühle mich jetzt viel besser. Ich bin leichter und spritziger und nicht mehr so verletzungsanfällig.

Nach diesem schwierigen Start ging es dann gleich in das offene Rennen mit dem großen, alten Routinier des Doublegewinns, Andi Reinke. Keine leichte Aufgabe für einen jungen Torhüter?
Tim Wiese: Ich war 23 Jahre alt und heiß auf die nächsten Aufgaben, er war Anfang 30 und besaß große Erfahrung. Das Duell, das durch meinen Kreuzbandriss im Sommer unterbrochen wurde, ging im Winter in die nächste Runde und Thomas Schaaf entschied sich für die Erfahrung.

Das hat deinen Werder-Start nicht unbedingt verbessert?
Tim Wiese :Die Entscheidung war ja nachvollziehbar. Ich hatte ein Jahr lang keine Spielpraxis, war erst im Trainingslager in der Türkei wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen. Das war in Ordnung. Ich war einfach noch nicht soweit. Ich war aber immer davon überzeugt, dass meine Chance kommt und ich sie nutzen werde.

Was damals keiner wusste, dass das Reservisten-Dasein in der Rückrunde 2005/2006 nur einige Tage später auf tragische Weise beendet wurde.
Tim Wiese: Mein erstes Bundesligaspiel im Bremer Tor dauerte zehn Minuten. Ich musste nach dem schrecklichen Unfall von Andi Reinke ins Tore, dem Martin Stranzl ins Gesicht gerutscht war. Ich musste an der Blutlache vorbei, die im Strafraum lag. Es war ein Schock für alle. Der Stranzl ist ausgerutscht, konnte nichts dafür. Aus so einer Situation will kein Profi einen Vorteil ziehen. Zum Glück hat sich Andi danach wieder erholt. Für mich war es aber der Start bei Werder. Ich bin danach im Tor geblieben.

Und dann ging es rund für dich. Die erste Halbserie war turbulent. Dein erstes Heimspiel gleich gegen deinen alten Klub?
Tim Wiese: Stimmt, Lautern war damals Tabellen-Letzter und ich hatte drei Punkte fest eingeplant. Aber Fehlanzeige. Wir verloren 2:0. Sanogo machte ein Tor. Er wechselte ja später vom HSV zu uns.

Du verlässt Werder als absoluter Publikumsliebling. Ging das gleich in deinem ersten Heimspiel los? Es gab doch anfangs eine gewisse Skepsis gegenüber diesem jungen Wiese, der als eitel und arrogant galt.
Tim Wiese: Die Beziehung zu den Fans musste ich mir erarbeiten. Du kommst neu in eine Mannschaft, dann musst du dich beweisen. Das wird mir jetzt auch in meinem neuen Klub so gehen. Aber natürlich bin ich den Werder-Fans dankbar, dass sie diesen Einsatz so honoriert haben. Ich habe 1.000 Prozent gegeben und es anscheinend auch gut rüber gebracht. Außerdem haben wir, die Mannschaft und die Fans, zusammen eine gute Zeit erlebt. Champions League gespielt, DFB-Pokal gewonnen, UEFA-Cup-Finale gespielt. (lacht) Wir haben uns alle einfach oft im Stadion gesehen.

Apropos Champions League, von deinen ersten beiden Einsätzen in diesem Frühjahr 2006 in der Königsklasse sprechen viele heute noch?
Tim Wiese: Du musst nicht weiter sprechen. Die Fans erinnern sich vor allem an mein zweites Champions-League-Spiel, das Rückspiel gegen Juve. Es war eine super Partie von mir bis zur 88. Minute, dann kommt dieser unglückliche Ballverlust. Der Ball fällt mir aus dem Arm und genau vor die Füße von Emerson. Das war einfach Schicksal. Das ist das Musterbeispiel dafür, dass dich jeder Torwartfehler zum Deppen macht. Da steht keiner mehr hinter dir, der noch etwas ausbügeln kann.

Dann heißt es immer, dass man so etwas schnell abhaken muss. Diese Floskel wollen wir jetzt nicht hören. Hand aufs Herz, wie lange spukte diese Aktion noch in deinem Kopf herum? Tage? Wochen?
Tim Wiese: Wenn ich ehrlich bin, denke ich heute noch daran. Wenn es mal ruhiger ist, wenn ich allein bin, dann denke ich schon: (5s Pause) ...Scheiße! Champions-League-Viertelfinale - das wäre der größte Erfolg des Vereins in der Königsklasse gewesen. Wir waren so nah dran. (Nachdenklich) Manchmal passieren Sachen, die gibt es eigentlich nicht. Aber das ist so. Da lässt sich nichts mehr zurückdrehen.

Also dann doch noch mal zur Floskel. Hat dich dieser Fehler stärker gemacht?
Tim Wiese: Fest steht, das war ein absoluter Rückschlag und den musst du erstmal verdauen. Fest steht auch, dass alle erfolgreichen Spieler auch solche Geschichten erzählen können. Da kannst du alle fragen. Auch Oliver Kahn hat solche Erfahrungen. Du musst einfach damit umgehen lernen. Aber, ob du so etwas brauchst, um besser zu werden? Erfolge fördern auch die Entwicklung.

Aber davon stellten sich ja auch gleich einige ein. Ein Höhepunkt kam gleich ein paar Wochen später. Dein erstes Nordderby! 2:1-Sieg! Tolle Duelle gegen Ailton und am Ende Champions-League-Einzug!
Tim Wiese: Die Erinnerungen daran sind auch noch frisch. Es war ein sehr, sehr heißer Tag. Wir mussten unbedingt gewinnen. Naldo, Tim Borowski waren damals auch schon da. Das war ein Rausch. Ein schöner Saisonabschluss.

Es war auch das Abschiedsspiel für das berühmte rosa Trikot, das die Bundesliga beschäftigte.
Tim Wiese: Das war auch so eine Randgeschichte oder vielmehr ein Highlight der Anfangszeit. Dass ein Trikot so viele Emotionen verursachen kann, hätte ich im Vorfeld nie gedacht. Werder hatte für mich dieses rosa Trikot ausgesucht, ich sollte es tragen, weil es natürlich auch verkauft werden sollte. Aber ganz ehrlich: Ich fand es auch gar nicht schlecht. Es war vielleicht etwas zu grell, etwas mehr altrosa wäre vielleicht besser gekommen. Aber Deutschland war damals einfach noch nicht bereit dazu während in anderen Ländern ganze Mannschaften in rosa aufliefen.

Ist es das verrückteste Trikot, das du bisher getragen hast?
Tim Wiese: Ja, das war ein Highlight. Ich habe mir leider nie eins aufgehoben. Das wäre ein schönes Abschiedsgeschenk von Werder.

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews mit Tim Wiese.

Das Interview führte Michael Rudolph.