Verrückte Hälfte: Überraschungstor und Wasserschlacht

Auf zeitweise unbespielbarem Unterboden kamen die Spieler beider Teams oft zu spät: Hier Nürnbergs Pinola gegen Kapitän Fritz.
Profis
Samstag, 17.09.2011 // 20:21 Uhr

Das war die verrückteste Werder-Halbzeit der vergangenen Jahre. Was war da denn alles drin?! Mannschaftskapitän Clemens Fritz schüttelte völlig erschöpft nach der Partie den Kopf: „Das gibt's doch nicht, erst die Rote Karte, dann der Regen, dann auch noch Hagel, da kam alles zusammen."

In diesen 45 Minuten, die gefühlt in der Hälfte der Zeit vergingen, war so viel geboten worden, dass nicht mal Clemens Fritz alles aufzählen konnte. Denn es ging mit den Kuriositäten schon nach wenigen Sekunden los. Werder musste schon nach wenigen Sekunden die erste Auswechslung einleiten. Sokratis zerrte sich die Adduktoren, dann die Wiese-Aktion verbunden mit Platzverweis und der Diskussion um den vermeintlich abgepfiffenen Vorteil für die Gastgeber. Nur wenig später schockte Werder mit seinem einzigen Torschuss im ersten Durchgang den Club und ging in Unterzahl in Führung.

Als ob das nicht verrückt genug gewesen wäre, hieß der Torschütze auch noch Mehmet Ekici, der vor wenigen Monaten noch selbst im Nürnberg-Trikot auflief. Als das alles für Kopfschütteln sorgte, setzte der Regen ein, so stark, dass Reporter von den Plätzen flüchteten, Kurzpässe über wenige Meter in den Pfützen liegen blieben und Zweikämpfe zu Freistil-Kurzbahnwettkämpfen wurden. Dass die Halbzeitpause um 20 Minuten verlängert wurde, schien nicht nur dem Regen geschuldet zu sein. Es sollte wohl auch den Zuschauern die Möglichkeit gegeben werden, alles zu verarbeiten. Thomas Schaaf kommentierte nach Spielende trocken: „Da war ja mal richtig was los heute. Langweilig war es nicht. Dafür haben wir selbst gesorgt und uns erstmal in eine schlechte Ausgangssituation gebracht. Nach wenigen Minuten mussten wir schon unseren Fahrplan ganz neu zusammenstellen."


Aber alle Gesprächsthemen der Reihe nach:

Die ungewöhnliche Auswechslung Lukas Schmitz für Sokratis nach wenigen Sekunden:

Thomas Schaaf: „Beim Aufwärmen hatte Papas schon ein paar Probleme, aber er wollte es unbedingt probieren. Ich habe das dann auf meine Kappe genommen und wir haben es versucht. Leider ist es nicht gut gegangen und wir mussten gleich wechseln."

Klaus Allofs: „Diese Auswechslung von Sokratis war genau so ärgerlich wie der Platzverweis von Tim Wiese. Durch die beiden frühen Wechsel konnten wir später nicht mehr reagieren, das war bei diesen Bodenverhältnissen ein Handicap. Hinterher ist man immer schlauer. Wenn wir gewusst hätten, dass Sokratis beim ersten langen Ball die Verletzung spürt, hätten wir ihn nicht spielen lassen, wir hatten ja schon Lukas Schmitz als Vorsichtsmaßnahme zum Warmmachen geschickt."

Der vermeintlich abgepfiffene Vorteil beim Wiese-Foul:

Jochen Drees (Schiedsrichter): „Ich habe mir die Bilder noch einmal angeschaut und komme klar zu dem Ergebnis, dass ich richtig entschieden habe. Als die Nürnberger aufs Tor schießen, hatte ich schon die Rote Karte in der Hand. Die Szene war schon so lange unterbrochen, dass die Bremer ihr Spiel bereits eingestellt hatten. Daher war eine Unmittelbarkeit der Szenen nicht mehr gegeben."

Das Tor von Mehmet Ekici:

Mehmet Ekici: „Es war richtig nicht zu jubeln, denn ich hatte hier eine sehr erfolgreiche Saison und Riesenrespekt vor den Nürnberger Kollegen. Ich habe mich innerlich gefreut. Dass es dennoch Pfiffe bei meiner Auswechslung gab, sehe ich nicht so schlimm. Ich habe das Gegentor erzielt und es ist auch klar, dass ich hier nicht den Stellenwert von Wolfi habe, der immerhin 14 Jahre hier gespielt hat, während ich ein starkes Jahr hatte. Für mich war es trotzdem ein wichtiges Tor. Dieses Erfolgserlebnis bringt mich weiter nach vorn, wird für Selbstvertrauen sorgen."

Dieter Hecking (Trainer 1. FC Nürnberg): „Wir haben heute von Anfang an gezeigt, dass wir Werder schlagen wollen, dann schlägt die erste, die einzige Torchance der Bremer bei uns ein."

Klaus Allofs: „Memo ist mittendrin im Team. Er macht Fortschritte. Es ist schön für ihn, wenn das auch zählbar ist. Das war eine Klasse-Aktion von Claudio. Er hält den Ball und spielt ihn perfekt weiter und Memo zeigte seine Qualitäten, die wir kennen."

Der einsetzende Regenschauer, der das Spielfeld flutete:

Andreas Wolf: „Ich habe genau diese Situation schon hier im Stadion erlebt. Kurioserweise auch mit diesem Schiedsrichter. Damals führten wir mit Nürnberg gegen Wolfsburg und die Partie wurde abgebrochen und bei 0:0 wiederholt. Zum Glück ging das Wiederholungsspiel gut für uns aus. Ich bin sicher, dass wir heute auch nicht mehr aus der Halbzeitpause gekommen wären, wenn es noch zehn Minuten länger geregnet hätte.

Dieter Hecking (Trainer 1. FC Nürnberg): „Dieser Regen war für die Mannschaft, die einen Rückstand aufholen musste ein Nachteil. Ich hätte mir gern schon während der ersten Halbzeit die Regenunterbrechung gewünscht, so mussten wir 15 Minuten unter irregulären Bedingungen die Aufholjagd bestreiten. Aber wenn kein Ball rollt, ist das fast unmöglich. In der Halbzeit hat der Schiedsrichter zurecht mit dem Anpfiff lange gewartet, in der zweiten Halbzeit waren die Bedingungen dann wieder in Ordnung."

Klaus Allofs: „So etwas haben wir doch alles schon erlebt, das darf man auch nicht dramatisieren. Wir hatten 15 Minuten lang unnormale Verhältnisse, aber danach ging es wieder."

Andreas Wolf über den Spielbeginn im grün-weißen Trikot

Andreas Wolf: „Es war nicht einfach für mich heute. Gerade die Fahrt mit dem Bus zum Stadion war komisch. Es kam mir alles noch so bekannt vor. Ich war schon ein bisschen nervös. Kurz vor dem Abpfiff war es emotional. Als der Schiedsrichter aber angepfiffen hatte, habe ich mich voll auf das Siel konzentriert. Schon beim Warmmachen habe ich den vorbereiteten Abschiedsfilm nicht wirklich sehen können, da ich voll fokussiert war."

 

aus Nürnberg berichten Michael Rudolph und Dominik Kupilas