Borowski-Interview: "Die Fans in Valencia lieben mich immer noch"

Profis
Mittwoch, 09.05.2012 // 13:21 Uhr

Rund um das letzte Saisonspiel gegen den FC Schalke 04 wurde Tim Borowski offiziell verabschiedet. Das Ende einer 15 Jahre dauernden Ära als Spieler des SV Werder und der Abschied des letzten aktiven Double-Siegers in den Reihen der Grün-Weißen. Im Restaurant "Jürgenshof", in dem "Boro" seinen ersten Amateurvertrag unterzeichnete, traf sich der 32-Jährige mit WERDER.DE, um in alten Erinnerungen zu kramen und die Zeit Revue passieren zu lassen.

TEIL 1

Hallo Tim, damals hast du hier deinen ersten Vertrag unterzeichnet, heute blicken wir auf dein letztes Spiel im Werder-Dress und eine große Karriere zurück. Der Abschied nach dem Schalke-Spiel war sehr emotional. Hast du mit einigen Tagen Abstand realisiert, was da gelaufen ist?
Tim Borowski: Das waren äußerst bewegende Augenblicke. Schon alleine die Tatsache, dass mir Thomas Schaaf die Möglichkeit gegeben hat, dass ich mich im Werder-Trikot verabschieden konnte, war außergewöhnlich. Die ganze Situation hat mich berührt. Sogar deutlich mehr als ich vorher gedacht habe.

Du konntest die Tränen nach dem Schlusspfiff nicht zurückhalten. Lass uns teilhaben - was geht einem in so einem Moment durch den Kopf?
Tim Borowski: Das ist schwer zu sagen. Es sind Gefühle, die aus einem herausschießen. Man realisiert, dass der Augenblick gekommen ist, an dem Schluss ist. Vorher habe ich das immer vor mir hergeschoben und wollte es nicht wahr haben. Aber ich habe auch an die Momente gedacht, in denen wir die Werder-Wunder erlebt haben. An Spiele, bei denen das Flutlicht anging. Das sind Momente, die einem dann durch den Kopf gehen. Und wenn sich dann das Stadion erhebt und mir Respekt für das Geleistete zollt, dann ist das schon außergewöhnlich. Es war ein Traum nochmal in den Kader berufen worden zu sein und zu merken, dass sich die Mannschaft und alle im Stadion darüber freuen. Dann noch zu spielen, war unbeschreiblich.

Wann wurde dir bewusst, dass du die Chance hast, am letzten Spieltag nochmal im Kader zu stehen und deinen Abschied so zu erleben?
Tim Borowski: Ich habe in dieser Saison aufgrund von Verletzungen viel, intensiv und lange in der Reha trainieren müssen. Die letzten Wochen waren dann aber ausgesprochen gut. Und spätestens nach meiner Rückkehr ins Mannschaftstraining war das mein Ziel.

Und dann standest du prompt in der Startformation. Damit konnte man so nicht rechnen, oder?
Tim Borowski: In der letzten, kleinsten Schublade hat man natürlich die Hoffnung, dass vielleicht fünf oder zehn Minuten rausspringen. Die Jungs haben in der Woche schon immer gewitzelt: ,Mensch Boro, aus der Reha in die Startelf‘. Da habe ich das Gefühl bekommen, dass die Kollegen fast schon drauf gehofft haben. Und das Training war wirklich gut, es hat Spaß gemacht und ich habe gut trainiert.

Der Betrieb geht nun noch einige Tage weiter. Neben täglichen Trainigseinheiten stehen auch drei Testspiele an. Freust du dich, dass du da nochmal die Möglichkeit hast, dich von den Fans zu verabschieden?
Tim Borowski: Der Abschied von den Fans ist mit dem vergangenen Samstag abgeschlossen. Ich bin und war im Weser-Stadion zuhause, da sind meine treuen Anhänger und Unterstützer in guten wie in schlechten Zeiten. Die haben sich bei mir bedankt, ich habe mich bei ihnen bedankt für all die schönen Momente. Aber trotzdem freue ich mich auf die  Freundschaftsspiele, dort habe ich jetzt auch die Möglichkeit Abschied von Fans zu nehmen, die keine Karte am Wochenende bekommen hatten. Außerdem habe ich die Gelegenheit meine sportliche Laufbahn bei Werder langsam runterzufahren.

Und anschließend triffst du die Entscheidung, wie es bei dir weitergeht?
Tim Borowski: Genau. Im Moment weiß ich nichts Konkretes, werde mir aber gemeinsam mit meiner Familie in Ruhe Gedanken machen. Wir werden die Situation analysieren, es wird Gespräche mit dem Verein geben und dann wird eine Entscheidung fallen. Vorher werde ich die Zeit nutzen, um gedanklich runterzufahren und um mich mehr um meine Familie zu kümmern. 

Entschieden ist aber, dass deine sportliche Laufbahn bei Werder  endet. Genießt du die letzten Wochen deshalb viel bewusster, bist du der Erste in der Kabine und der Letzte, der geht?
Tim Borowski: Das nicht unbedingt, aber ich freue mich jeden Morgen auf das Training und den anstehenden Tag. Das sauge ich schon alles sehr intensiv auf, freue mich auf die letzten Einheiten. Es wird alles bewusster und deshalb genieße ich die Zeit auf dem Platz und mit den Jungs nochmal ganz besonders. Ich realisiere aber auch zunehmend, dass die aktive Zeit bei Werder dem Ende entgegen geht.

Eine Zeit, die dein halbes Leben beansprucht hat. Du bist damals als 16-Jähriger nach Bremen gekommen.
Tim Borowski: Den Kontakt zu Werder gibt es sogar schon seit 1993 oder 1994. Von dem Moment an habe ich drauf gehofft, dass endlich der Tag kommt, an dem ich nach Bremen gehen darf. Aber ich musste mich noch gedulden, weil meine Eltern gesagt haben, dass ich mindestens 16 Jahre alt sein und einen Schulabschluss haben soll. Ich habe deshalb das Sportgymnasium verlassen und bin auf die Realschule gegangen. Dort habe ich schnell den Abschluss gemacht. Danach war klar, dass ich die erste Hürde genommen habe und dann in Bremen weiter zur Schule gehe – das war meiner Familie und mir auch wichtig, damit ich Kontakte außerhalb des Fußballs knüpfe.

Und dann wurde der Traum wahr und du bist ins Internat gezogen. Hat es sich gelohnt, alles auf diesen Moment auszurichten?
Tim Borowski: Der Traum war anfangs eher ein Albtraum. Das erste halbe Jahr war wirklich grausam. Der Schritt war riesig, man war fernab der Heimat, der Familie und der Freunde. Es sind zwar nur 4,5 Stunden, aber als 16-Jähriger hat man kein Auto, sondern ist auf den Zug angewiesen. Der fuhr damals 7,5 Stunden, weil die Verbindung eine Vollkatastrophe war. Und das konnte man ja auch nicht jede Woche machen, oder jede zweite, sondern maximal alle sechs Wochen. Das war schon sehr schwierig. Aber Werder hat alles dafür getan, dass ich mich  wohlfühle und ich habe sehr, sehr gute Freunde kennengelernt, deren Eltern mich wie einen Ziehsohn behandelt haben. Diese Kontakte habe ich bis heute.

16 Jahre später blickst du auf eine tolle Karriere mit vielen Erfolgen zurück und bist in Bremen heimisch geworden.
Tim Borowski: Ich hatte hier eine unbeschreiblich schöne Zeit, bin hier zum Nationalspieler geworden, durfte mit überragenden Fußballern, wie zum Beispiel Johan Micoud zusammenspielen, und habe viele gute Typen kennengelernt: Owo, Clemens Fritz, Per Mertesacker, Mladen Kristajic, Ismael, Ümit Davala. Das sind alles richtig gute, intelligente Typen.

Mit denen dich auch heute noch eine enge Freundschaft verbindet?
Tim Borowski: Das ist ein Thema, über das ich mich  vor kurzem noch mit einem Freund unterhalten habe. Das ist das Traurige am Profifußball. Es gibt immer Spieler, mit denen man in gewissen Phasen richtig dicke ist, best friends. Freunde, mit denen man viel unternimmt, mit denen man alles austauscht. Aber sobald einer den Verein wechselt, verläuft sich das. Da gibt es wirklich nur wenige Ausnahmen.

Wer sind in deinem Fall diese Ausnahmen?
Tim Borowski: „Owo“ ist tatsächlich so ein Beispiel. Aber auch zu Markus Krösche, aktueller Spieler von Paderborn, Fabian Ernst, Markus Daun, Andi Reinke, Ivan Klasnic oder Marco Reich habe ich noch regen Kontakt. Also so fünf, sechs Leute hat man immer. Aber dann gibt es aber auch die Kategorie von ehemaligen Mitspielern, die man ewig nicht sieht, aber sich dann richtig aufeinander freut. Am Wochenende war Frank Verlaat im Stadion, er ist so ein Kollege  -  ein sehr, sehr guter Typ.

Wodurch trennt sich denn deiner Meinung nach eine lange anhaltende Freundschaft von einer Phase?
Tim Borowski: Die Leute, die ich aufgezählt habe, sind Typen, die man direkt gern hat. Aus der sehr prägenden Anfangszeit sind eine Menge Kontakte geblieben, weil man mit denen hat man viel Zeit verbracht hat. Aber auch Erfolge verbinden.

Wie zum Beispiel das Double im Jahr 2004?
Tim Borowski: Natürlich, das sind Ereignisse, die man nie vergisst. Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir im Double-Jahr so ein eingeschworener Haufen waren, dass wir sogar mit ein paar Jungs in den Urlaub geflogen sind. Nach der intensiven Saison haben viele gesagt, dass sie froh sind, ein paar Wochen Abstand zu haben und wir sind mit Markus Daun und Marco Reich in die USA geflogen. Ein tolles Erlebnis, aber rückblickend hätte ich nach diesem historischen Erfolg gerne noch ein paar Tage in Bremen verbracht. Nicht, dass wir uns in Las Vegas nicht gefeiert haben, aber eben nicht für das Double (lacht).

Ist der Gewinn des Doubles auch dein persönliches Werder-Highlight? Oder welcher war der außergewöhnlichste Moment?
Tim Borowski: Das ist schwer auf ein oder zwei Spiele zu reduzieren. Es gab wirklich viele tolle, prägende Momente. Natürlich war das DFB Pokal-Finale ein solcher. Finalspiele sind immer ganz besonders und wenn man dann noch zwei Tore schießt und dadurch erstmals in der Vereinsgeschichte das Double holt, bleibt das unvergessen. Aber ich erinnere mich auch gerne an die Champions-League-Spiele gegen Valencia oder gegen Juventus.

Die beide ihre ganz eigene Geschichte haben…
Tim Borowski: Gegen Juve  haben wir ein überragendes Spiel gemacht, Tim Wiese hat wirklich überragend gehalten, hat uns mit tollen Paraden im Spiel gehalten. Aber die kleine Flugeinlage hat uns dann leider den Einzug in die nächste Runde gekostet.

Und die Partie gegen Valencia …
Tim Borowski:  In dem Spiel ist wirklich  eine ganze Menge passiert, das war eines der intensivsten Champions-League-Spiele, die wir bestritten haben. Valencia war damals eine absolute Topmannschaft, spanischer Meister vor Real und Barcelona, sie hatten zu der Zeit seit zwei Jahren kein Heimspiel verloren und wir standen gehörig unter Druck, brauchten unbedingt die Punkte, um weiterzukommen. Da war dann alles dabei. Die haben uns getreten und bespuckt – die haben einfach alles versucht, um uns aus der Ruhe zu bringen. Aber wir hatten eine geile, charakterstarke Truppe, die alles aus sich herausgeholt hat. Und wir sind dann ja auch ins Achtelfinale eingezogen. Aber die Geste mit der geballten Faust in Richtung Heimfans, hätte ich mir sparen müssen. Ich glaube die Fans in Valencia lieben mich immer noch.  

 

Im zweiten Teil des Interviews erinnert sich "Boro" an das Sommermärchen 2006 und an die Saison beim FC Bayern. Außerdem spricht der 32-Jährige über sein Verhältnis zu Thomas Schaaf.

 

Das Interview führte Dominik Kupilas