Geduldsspiel auf der Rasierklinge

Es wird ein "heißer Tanz", verspricht Cheftrainer Thomas Schaaf im Vorfeld des 29. Bundesliga-Spieltags. Werder gastiert bei der Eintracht.
Donnerstag, 07.04.2011 // 17:15 Uhr

Platz 13, nur noch vier Punkte vor dem furchterregenden Relegationsplatz. Dies ist die aktuelle Situation von Eintracht Frankfurt, wenn Werder Bremen am morgigen Freitag, 08.04.2011, um 20.30 Uhr in der hessischen Metropole wiederum um drei Punkte kämpft, „die den Abstand zu einer Mannschaft in unmittelbarer Nähe vergrößern würde", unterstich Cheftrainer Thomas Schaaf...

Platz 13, nur noch vier Punkte vor dem furchterregenden Relegationsplatz. Dies ist die aktuelle Situation von Eintracht Frankfurt, wenn Werder Bremen am morgigen Freitag, 08.04.2011, um 20.30 Uhr in der hessischen Metropole wiederum um drei Punkte kämpft, „die den Abstand zu einer Mannschaft in unmittelbarer Nähe vergrößern würde", unterstich Cheftrainer Thomas Schaaf.

Christoph Daums Rückkehr auf die Bundesliga-Bühne

Trainer Christoph Daum will die Eintracht wieder in die Spur bringen.

Was geschah in jüngster Vergangenheit? ... angesichts dessen scheinen die Ereignisse von vor nicht einmal vier Monaten beinah unwirklich. Am späteren Nachmittag des 18. Dezember 2010 hatte Angreifer Theofanis Gekas hatte mit seinem damalig 14. Saisontor nur drei Minuten vor Schluss gegen Spitzenreiter Borussia Dortmund den 1:0-Sieg herbeigeführt. Frankfurt überwinterte mit 26 Punkten und in unmittelbarer Schlagdistanz zu den internationalen Plätzen. Aber plötzlich, seit Bundesliga-Wiederbeginn, litt die Mannschaft von Trainer Michael Skibbe unter einer epischen Torarmut, wodurch binnen acht Rückrundenpartien eine sportliche Existenzangst Einzug hielt. In jenen acht Partien ging so gut wie alles verschütt, was zuvor an Spielkonzept und Leistung noch so überzeugend dargeboten wurde. Kein einziger eigener Treffer gelang in diesen 720 Minuten, nur zwei mickrige Pünktchen wurden eingefahren. Zurück blieben Ratlosigkeit und tiefe Verunsicherung. Der schmeichelhafte 2:1-Heimsieg Mitte März über den FC St. Pauli sollte das Ende von Trainer Michael Skibbe bedeuten. „So eine Blockade kann nur auch mentale Gründe haben", meinte Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen und entschied sich für einen bis dahin eigentlich ausgeschlossenen Paradigmenwechsel auf der Trainerposition...

Der Trainer: ... ob Willi Reimann, Friedhelm Funkel oder Michael Skibbe. Auf „Typ ruhig und sachlich" (Süddeutsche Zeitung) baute Bruchhagen in seinen mittlerweile knapp acht Jahren Dienstzeit bei den Hessen. Jetzt, in dieser prekären Lage, verpflichtete der 62-Jährige zur Überraschung aller Christoph Daum. „Eine schillernde Figur", das sagt selbst Bruchhagen, aber auch eine, „die vom ersten Tag unserer Begegnung an eine Zuversicht ausgestrahlt hat, die nun übergehen soll auf unseren Verein." Selbst der geschasste Vorgänger Michael Skibbe gab sich gentlemanlike: „Das ist ein alter Fahrensmann. Der wird das schon hinkriegen." Am 25. Juni 2010 war Daums Vertrag bei Fenerbahce Istanbul aufgelöst worden, danach absolvierte er Praktika in Südamerika und England. Ein gewaltiges Echo begleitete die Amtseinführung am 23. März. Nahezu 2.000 Schaulustige waren bei der ersten Trainingseinheit zugegen. Für die Daheimgebliebenen übertrug der Hessische Rundfunk eine halbe Stunde live. „Ich bin begeistert davon, wie ich hier in Frankfurt empfangen wurde", gestand Christoph Daum. Werders Cheftrainer Thomas Schaaf benötigt keine ausschweifenden Worte, um seinen Kollegen vorzustellen. „Das muss ich nicht groß erklären, Christoph trägt eine besondere Note und hat natürlich seine Art, emotional viel zu bewegen." Eine Reizfigur, ein Polarisierer, ein Motivationskünstler ist auf die Bühne Bundesliga zurückgekehrt. Vitalität will und muss er einer zuletzt blutarmen, leblosen Mannschaft wieder einverleiben.

Thomas Schaaf: „Die Eintracht wird Kräfte freisetzen und sich wehren"

Mikael Silvestre und Theofanis Gekas im Luftzweikampf. Das Hinspiel im Weserstadion endete 0:0.

Der Einstand: Und dies hatten seine Spieler jedenfalls direkt wieder verinnerlicht: Wille und Feuer. Auch wenn sich das Fußballerische dabei nicht unbedingt in den Vordergrund schob. „Wir wollten hier keinen Attraktivitätspreis gewinnen", mahnte Daum ob des mit Glück und Geschick errungenen 1:1-Punktgewinns am vergangenen Sonntag beim VfL Wolfsburg. Thomas Schaaf war vor Ort und sah, „wie sie dem Wolfsburger Ansturm standgehalten haben." Die Hessen agierten nach Arne Friedrichs Platzverweis sogar 20 Minuten in Überzahl. Dennoch wussten die Gastgeber 27:6 Torschüsse und 14:1 Ecken auf ihrer Seite. „Wir haben in vielen Situationen gesehen, wie die Jungs reingeflogen sind und dazwischen gehauen haben. Das fand ich klasse", lobte der 57-jährige Daum und sprach gleichen Zuges von einer „Frankfurter Willensausdauer", gar einem „Raketenstart. Jetzt geht es darum, wie wir uns in der Umlaufbahn halten."

Der Vorausblick: Den allerletzten Eindruck behält Christoph Daum ganz für sich. Die neugierige Sicht auf das Frankfurter Abschlusstraining verdeckten dunkle Planen. „Ein Geheimtraining schafft eine ganz andere Atmosphäre. Wir können so Dinge mehrmals wiederholen, alle sind konzentrierter. Wir haben die Möglichkeit taktische Maßnahmen einzustudieren und wenn mal was bei einem Spieler nicht so gut geklappt hat, können wir das in Ruhe üben, ohne dass sich der Spieler bloß gestellt fühlen muss", begründete er. Soviel beim Tabellen-Dreizehnten, der am Freitagabend auf den gesperrten Patrick Ochs verzichten muss, binnen wenigen Tagen auch auf den Kopf gestellt wurde - „Christoph wird nicht auf dem Platz stehen, sondern nur an der Seitenlinie", sagte Thomas Schaaf schmunzelnd, fügte jedoch umso ernster hinzu: „Wir müssen wissen, dass dort keine emotionslose Mannschaft auf uns wartet. Sie wird Kräfte freisetzen und sich richtig wehren." Sein Trainerpendant vervollständigte: „Es wird ein Tanz auf der Rasierklinge, ein Geduldsspiel. Ich erwarte nicht, dass wir Bremen gegen die Wand spielen. Wir müssen einfach wieder mit der kämpferischen Leidenschaft und auf dem läuferisch höchstmöglichen Niveau spielen. Wenn das alles stimmt, können wir aus einem Punkt auch drei Punkte machen."

von Maximilian Hendel