"Erst war es überwältigend, dann überwog die Freude"

Was macht eigentlich… Lennart Thy?

Lennart Thy klatscht mit Fans in der Ostkurve ab.
Lennart Thy absolvierte 14 Profi-Spiele für den SV Werder (Foto: WERDER.DE).
Interview
Donnerstag, 08.12.2022 / 11:30 Uhr

Das Interview führte Fiona John

Um sich den Traum vom Profifußball zu erfüllen, wechselte Lennart Thy 2007 mit nur 15 Jahren zum SV Werder Bremen. Dem talentierten Rechtsfuß gelang der Sprung in die erste Mannschaft, auf viel Einsatzzeiten kam er im Werder-Trikot jedoch nicht. Beim FC St. Pauli tat sich für den jungen Angreifer eine neue Perspektive auf, ehe er über eine Station in der Türkei seine neue sportliche Heimat in den Niederlanden fand. Dort spielt der mittlerweile 30-Jährige aktuell in der zweiten Liga bei PEC Zwolle und brach vor kurzem einen Uralt-Rekord. Im Interview mit WERDER.DE blickt Thy auf seinen Karriereweg zurück und erklärt, wie er mit einer Spende ein Leben retten konnte.

WERDER.DE: Moin Lennart, am 7. Mai 2022 ist dir historisches geglückt. War dieser Tag dein persönliches "Highlight von Groningen"?

Lennart Thy: „Ich habe da kein großes Ding draus gemacht. Aber es ist natürlich schön, dass ich das geschafft habe. Ich hoffe, dass ich den Rekord schnellstmöglich ausbauen kann. Ich wusste im Vorfeld nichts davon, sondern habe hinterher im Interview davon erfahren.“

WERDER.DE: Du hast an diesem 7. Mai als erster deutscher Spieler 40 Tore in der niederländischen Eredivisie geschossen. Damit hast du mit Helmut Rahn einen Weltmeister überboten.

Lennart Thy: „Helmut Rahn hat es in einer oder zwei Saisons geschafft, von daher ist das nochmal etwas Anderes. Dazu war es damals eine ganz andere Zeit. Aber es ist schön, dass der Rekord nach so langer Zeit endlich mal gebrochen wurde.“

Ich fühle mich hier sehr wohl, sonst wäre ich ja nicht in die Niederlande zurückgekommen und hätte hier einen neuen Verein gesucht und gefunden. Von daher bin ich froh hier zu sein.
Lennart Thy

WERDER.DE: Du bist mit Unterbrechungen seit 2017 in den Niederlanden. Sportlich scheinst du dort deine Heimat gefunden zu haben.

Lennart Thy: „Das kann man schon so sagen. Ich fühle mich hier sehr wohl, sonst wäre ich ja nicht in die Niederlande zurückgekommen und hätte hier einen neuen Verein gesucht und gefunden. Von daher bin ich froh hier zu sein.“

WERDER.DE: Als jemand der lange in Ostfriesland und dann in Bremen und Hamburg gelebt hat: Vermisst du das Norddeutsche?

Lennart Thy: „Ich wohne jetzt wieder relativ nah dran, das war in den letzten Jahren von der Distanz ein bisschen was Anderes. Ich vermisse Bremen, meine Freunde und meine Familie. Das persönliche Umfeld. Von der Stadt her bin ich in Zwolle aber auch glücklich, die Stadt hat auch viel zu bieten.“

WERDER.DE: Als Jugendlicher bist du aus deiner Heimat Norden nach Bremen gekommen. Ist dir der Schritt damals schwergefallen?

Lennart Thy: „Für mich war es damals die einzige Möglichkeit, ich wollte es unbedingt. Als 15-Jähriger sieht man das eh immer entspannter, als die Eltern. Auf dem Internat ist man die ganze Zeit mit Kumpels zusammen, geht gemeinsam zur Schule und zum Training. Da hat man jeden Abend Freunde zuhause. Von daher war es eine Zeit, auf die ich mich im Vorfeld gefreut habe und das sehe ich jetzt im Nachhinein auch noch so. Zumal ich im ersten Jahr in einer Gastfamilie gelebt habe, weil das Internat voll war. Da war der Weg vom Elternhaus in eine neue Umgebung ein wenig geschmeidiger.“

WERDER.DE: Du galtst als junger Spieler als eines der Top-Talente in Deutschland und bist U17-Europameister geworden. Irgendwann ging der Weg bei den Werder-Profis aber nicht mehr so steil bergauf.

Lennart Thy: „Nach meinem Debüt habe ich mich natürlich erstmal gefreut und gedacht, es geht so weiter. Schade war, dass Werder einen Abwärtstrend durchlebt hat, in der Phase, in der ich hochgekommen bin. Ich glaube, dass es für junge Spieler einfacher ist, wenn man in eine Mannschaft kommt, wo es sportlich gut läuft. Deshalb hat sich das über einen längeren Zeitpunkt entwickelt, dass es ein logischer Schritt ist, zu wechseln und den Weg zu verändern.“

WERDER.DE: Während deiner Zeit bei Werder hast du dich als Stammzellenspender registrieren lassen. Wie kam es dazu?

Lennart Thy: „Das war damals mit der zweiten Mannschaft. In Bremen gab es einen Aufruf, dass für jemanden Stammzellen benötigt werden. Es wurde uns freigestellt, ob wir uns registrieren lassen, das hat damals ein großer Teil der Mannschaft gemacht. Dann war es ganz schön lange still, bis ich dann vor einigen Jahren die Nachricht bekommen habe, dass ich für einen Erkrankten ein Match bin.“

WERDER.DE: Was war das für ein Geühl, als die Nachricht kam?

Lennart Thy: „Damals war ich im Winterurlaub und habe die Anrufe gar nicht mitbekommen. Daraufhin kam eine SMS. Im ersten Moment dachte ich, es sei ein Scherz. Als dann aber der Anruf kam, war ich erstmal von Emotionen überrumpelt. Man fragt sich dann direkt: Was sind die nächsten Schritte? Was heißt das? Was bedeutet das? Weil ich in dem ganzen Thema gar nicht mehr drin war und mir nicht klar war, wie es nun weitergeht. Am Anfang war es überwältigend, aber nach einiger Zeit hat die Freude überwogen, jemanden möglichweise helfen zu können.“

WERDER.DE: Stand für dich direkt fest, dass du Spenden möchtest?

Lennart Thy: „Spenden wollte ich, aber ich wusste gar nichts mehr darüber. Wie lange das dauert, was die Möglichkeiten sind. Das war aber ziemlich schnell klar und geklärt, sodass es dann losgehen konnte.“

Ich weiß, ihm geht es gut. Das musste ich aber auch für mich persönlich wissen, um es ein bisschen realistischer zu machen. Jetzt weiß ich wenigstens, für wen ich das gemacht habe.
Lennart Thy

WERDER.DE: Du hast für den Verzicht auf ein Ligaspiel den FIFA-Fair-Play Preis bekommen. Du bist „Man of the Match“ geworden, ohne gespielt zu haben und nach deiner Spende haben sich tausende Menschen registrieren lassen. Hast du dir in dem Moment schon gedacht, dass du eine Vorbildfunktion einnehmen könntest?

Lennart Thy: „Ich habe mir da keine Gedanken darüber gemacht. Ich dachte, dass vielleicht ein Artikel darüber geschrieben wird, so wie bei vielen anderen Sachen auch und dann war es das. Aber anscheinend haben noch nicht so viele Sportler:innen Stammzellen gespendet, sodass es hohe Wellen geschlagen hat. Wenn sich danach so viele Menschen - ich glaube allein in den Niederlanden 20.000 - registriert haben, dann war es das auf jeden Fall wert.“

WERDER.DE: Konntest du mittlerweile mit dem/der Empfänger:in deiner Spende Kontakt aufnehmen? Weißt du wie es ihm oder ihr geht?

Lennart Thy: „Ich weiß, ihm geht es gut. Wir hatten ab und zu mal Kontakt. Nach zwei Jahren ist das ja möglich, wenn beide, Spender und Empfänger, damit einverstanden sind. Von daher weiß ich, dass es gut angeschlagen hat. Das musste ich aber auch für mich persönlich wissen, um es ein bisschen realistischer zu machen. Sonst wäre es für mich nur wie eine Blutspende gewesen. Jetzt weiß ich wenigstens, für wen ich das gemacht habe und wie es ihm jetzt geht.“

WERDER.DE: Kommen wir auf das Sportliche zurück. Könntest du dir vorstellen, dass du dem Fußball nach deiner Karriere in einer Funktion erhalten bleibst?

Lennart Thy: „Vorstellen kann ich mir das auf jeden Fall. In welcher Funktion ist schwierig. Als Cheftrainer, sehe ich mich nicht, vielleicht aber als Co-Trainer oder im Jugendbereich. Ich könnte mir aber auch was im Management vorstellen, da ich das (Anm. d. Red: B.A. BWL für Leistungssportler*innen) ja auch studiert und einen Abschluss gemacht habe. Ich kann es mir auf jeden Fall vorstellen, eine dieser Aufgaben in einem Verein zu übernehmen.“

WERDER.DE: Siehst du dich nach deiner Karriere dann wieder in Deutschland oder in den Niederladen?

Lennart Thy: „Das ist eine schwierige Frage. Da kann ich mir beides vorstellen. Es hängt ja auch daran, wo man einen Job findet. Ich gehe nicht davon aus, dass man da die Qual der Wahl hat. In erster Linie wäre es natürlich in Norddeutschland super. Wenn das nicht klappt, fühle ich mich hier in den Niederlanden aber auch wohl. Es ist eine Distanz zur Familie, die noch absolut okay ist.“

Vielen Dank für das Gespräch.

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