„Von außen war ich eine Ausnahme – für mich hat es sich nie so angefühlt“
08.03.26 von Judith Zacharias | 8 Min
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Seit mehr als drei Jahrzehnten prägt Marita Hanke die Medienarbeit bei Werder Bremen. Im Interview bei WOMEN AT WERDER spricht sie über ihren ungewöhnlichen Karriereweg, ihre Rolle als Pionierin im Fußball und darüber, warum Werder für sie weit mehr als nur ein Arbeitsplatz ist.
WERDER.DE: Moin Marita, du bist seit mehr als drei Jahrzehnten Teil unseres Vereins. Was ist Werder für dich?
Marita Hanke: Ein ganz starker Teil meines Lebens. Wenn ich von den 24 Stunden, die ich am Tage habe, meine acht Stunden Schlaf abziehe, bin ich den Rest entweder physisch oder gedanklich oder beides bei Werder. Es nimmt wahnsinnig viel Raum ein. Deshalb ist es ein so starker Part meines Lebens – und zwar nicht nur meines Arbeitslebens, sondern meines Lebens.
WERDER.DE: Welche Rolle hat Fußball in deinem Leben gespielt, bevor du selbst Teil von Werder wurdest?
Marita Hanke: Ich komme aus einer sportaffinen Familie. Wir haben uns immer mit Sport, besonders aber mit Fußball, identifiziert. Ich bin also als Fußballfan zu Werder gekommen, war jahrelange Dauerkartenbesitzerin, ehe ich mich damit auseinandergesetzt habe, was das auch beruflich heißen kann.
WERDER.DE: Du hast deine Karriere mit einem Praktikum bei Werder begonnen, obwohl du vorher eigentlich im medizinischen Bereich tätig warst. Wie kam es dazu?
Marita Hanke: Das hat sich während meines Studiums ergeben. Ich habe damals viele Jahre als MTA im Krankenhaus gearbeitet und dann mit 30 mein Abitur am Abendgymnasium nachgeholt. Damals wusste ich: Wenn ich noch studieren will, dann jetzt. Ich habe Ökonomie u.a. mit den Schwerpunkten Personal & Marketing hier in Bremen studiert und nach einem Praktikum gesucht, bei dem ich vor allem viele Kontakte knüpfen wollte, um meinen ja doch recht späten Einstieg in die Marketing-Welt zu kompensieren. Und das einzige Unternehmen, bei dem ich mich da gesehen habe, war Werder.
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WERDER.DE: Und nach dem Praktikum hast du Werder nicht mehr wirklich verlassen. Was waren deine ersten Schritte?
Marita Hanke: Damals war der Verein – die KG gab es ja noch gar nicht – natürlich sehr viel kleiner. An eine Marketing- oder Kommunikationsabteilung hat da noch niemand gedacht, aber es gab einen Geschäftsführer Marketing, Manfred Blöm, bei dem ich acht Wochen lang mein Praktikum gemacht. Danach ging ich zwar erstmal zurück an die Uni, habe aber parallel dazu weiter bei Werder ausgeholfen. Es gab einen Raum bei uns in der Geschäftsstelle, in dem immer drei Kartons mit Trikots, Schals und Caps standen. Die haben wir am Spieltag verkauft, also den Raum am Spieltag zum Fanshop umgemodelt (lacht). Das waren die Anfänge unserer Fanwelt. Während der Zeit wusste ich dann: Ich möchte das nicht mehr missen.
WERDER.DE: Hattest du je einen Traumjob oder einen Wunsch, was du gerne machen möchtest?
Marita Hanke: Bei Werder nicht. Ich wusste damals zum einen gar nicht, wie lange ich da sein würde, und zum anderen haben sich die Dimensionen im Laufe der Jahre so sehr verändert, dass damals mein jetziger Job überhaupt nicht absehbar war. Zu meiner Anfangszeit gab es nur wenige Mitarbeitende und jede*r hat fast alles gemacht hat. Das Schöne war für mich: So wie sich Werder im Laufe der Jahre entwickelt hat, habe ich mich entwickelt.
WERDER.DE: … und bist dann im Laufe deiner Karriere die erste Pressesprecherin in unserem Verein und in der Herren-Bundesliga geworden.
Marita Hanke: Auch das hat sich wieder eher aus der Situation heraus ergeben. Einen Medienbeauftragten gab es damals nicht, die Position haben die Manager mit ausgefüllt. Bei uns war das Willi Lemke. Pressekonferenzen mit den Spielern wurden von den Präsidenten der Vereine geleitet, also damals bei Werder von Klaus-Dieter Fischer. Diese Vermischung der Rollen Präsident und Leiter einer Pressekonferenz kann aber heikel sein, wenn etwas schwierigere Themen besprochen werden müssen. So entstand die Idee, eine eher neutrale Person vorne auf das Podium zu setzen – und das war ich (lacht). So hat es angefangen, dass ich Pressekonferenzen geleitet und den Aufbau der Medienabteilung vorangetrieben habe.
WERDER.DE: War dir bewusst, was für eine Vorreiterrinnen-Rolle du damit eingenommen hast?
Marita Hanke: Beim DFB gab es Tagungen für alle Medienschaffenden der Vereine. Als ich da war, saß ich in dem Raum mit 30 Männern, weil Medienarbeit eben noch kein etablierter isolierter Beruf in den Vereinen war, sondern von Managern, Geschäftsführern und Präsidenten mitgemacht wurde. Ich war die einzige mit dieser Position, das ist mir bei diesen Veranstaltungen sehr bewusst geworden.
WERDER.DE: Und du warst die einzige Frau.
Marita Hanke: Ja, beides. Ich weiß noch, dass ich vorher kurz dachte: „Da werden ja vermutlich nur Männer sein in ihren Anzügen mit Krawatte. Ich ziehe aber trotzdem keinen Hosenanzug an“ (lacht).
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WERDER.DE: Damals war das Thema Frauenförderung im deutschen Profifußball noch gar keins. Wie war deine Zusammenarbeit mit deinen Kollegen?
Martia Hanke: Ich habe mich damals mit der Situation gar nicht auseinandergesetzt, sondern habe einfach gearbeitet und das war so, wie es war. Aber ich habe mich nicht mit der Frage beschäftigt, ob mich andere Menschen – Spieler, Journalisten oder auch meine Kollegen im Verein – anders sehen, weil ich eine Frau bin. Das war kein Thema für mich. Ich war eine Kollegin, habe meinen Job gemacht und wurde akzeptiert. Ab und zu habe ich schon von Leuten, die mich nicht kannten, blöde Sprüche bekommen, bei denen ich dachte „Hä? Spinnen die jetzt?“, aber das war nicht mein Alltag. Ich hab dann eher immer den Kopf geschüttelt und meinen Weg durchgezogen. Von außen ist aufgefallen, dass ich als Frau da eine Ausnahme bin, aber von innen, für mich persönlich hat es sich nicht so angefühlt.
WERDER.DE: Wie hast du den Wandel, den der Fußball im Laufe deines Berufslebens durchlaufen hat, erlebt?
Marita Hanke: Veränderung war kontinuierlich immer Teil meines Alltags, weil sich die Arbeitswelt mit den Veränderungen bei Werder und im Fußball so schnell verändert hat. Damals gab es keine Medienabteilung, ich habe händisch Daten zu jedem Spieler gesammelt, Fotos haben wir über Dias entwickelt, das kann man sich heute natürlich gar nicht mehr vorstellen. Für mich war es ein großer Anreiz, etwas aufzubauen, immer mehr zu erreichen. Es hat sich in all den Jahren ein bisschen angefühlt wie ein Häusle bauen, kontinuierlich, Stein auf Stein, und es wurde immer besser.
WERDER.DE: Was magst du an deinem Job besonders?
Marita Hanke: Heute bin ich in meiner Rolle Medienbeauftragte Medienorganisation im Austausch mit den Menschen, die am Spieltag bei uns arbeiten: Broadcaster*innen, Fotograf*innen, Journalist*innen. Ich vergleiche das oft mit einer Partyorganisation. Ich bin dafür da, dass am Spieltag alles so läuft, dass alle arbeiten können, ich sorge für einen guten Ablauf und die Organisation drum herum. Ich mag es, auch kurzfristig Probleme zu lösen und zu sehen, dass daraus etwas Gutes entsteht. Und ich mag die Hochspannung, die Anspannung, die Emotionalität, das Leiden und die Freude rund um die Spiele. Ich bin in den Jahren immer intensiver in die Emotionen eingestiegen.
WERDER:DE: Ist dir bewusst, dass du für ganz viele Frauen im Sport ein Vorbild bist?
Marita Hanke: Da habe ich mir bis gerade noch nie Gedanken drüber gemacht. Ich bin einfach da (lacht). Aber wenn das so wäre und ich andere dazu ermutige, sich in die Branche zu wagen und den eigenen Weg durchzuziehen, dann freue ich mich.
WERDER.DE: Wie nimmst du Frauen im Fußball heute wahr?
Marita Hanke: Wenn ich heute am Wochenende in den Stadien unterwegs bin, sehe ich sehr viel mehr Frauen – als Pressesprecherinnen, als Fotografinnen, als Journalistinnen. Es ist sicher noch nicht Pari-Pari, aber es verändert sich. Und das ist gut so.
WERDER.DE: Was würdest du jungen Frauen raten, die aktuell ihre Karriere im Sportbusiness starten?
Marita Hanke: Sie brauchen einen festen Glauben an sich und an ihren eigenen Weg. Es ist eine Branche mit vielen Eitelkeiten und Schein, von denen man sich nicht abdrängen lassen sollte. Die sollte man beiseitenehmen und sich nicht von dem eigenen Weg abbringen lassen.
WERDER:DE Was wünscht du dir für die Zukunft der Sportbranche?
Marita Hanke: Ich habe das Gefühl, es wird gerade alles immer komplizierter und immer bürokratischer. Man verliert die Selbstverständlichkeit und das Gefühl, dass dieses Spiel auslöst. Man kann Entwicklungen, die ja auch alle eine Berechtigung haben, sicher nicht zurücknehmen. Aber sich hin und wieder auf den Fußball und den Kern dieses schönen Spiels zu besinnen, fände ich schön. Und wenn wir konkret über Frauen im Sport reden: Auch da würde ich mir mehr Selbstverständlichkeit wünschen. Ich glaube, jeder Gruppe tut es gut, durchmischt zu sein, weil uns unterschiedliche Perspektiven und Interessen doch nur weiterbringen.
WERDER.DE: Du bist gerade in deiner letzten Saison, bevor du den SVW im Sommer verlassen wirst. Wie verfolgst du persönlich Werder in Zukunft?
Marita Hanke: Natürlich im Stadion! Meine Freunde dachten, ich mache erstmal einen Break und eine „Werder-Pause“, aber das ist für mich keine Option. Ich kann doch nicht zu Hause sitzen, während Werder spielt. Das geht nicht. Ganz Bremen ist dann unterwegs zum Stadion. Also werde ich auch unterwegs sein.
WERDER.DE: Danke für deine Zeit, liebe Marita.
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