„Die Fußballbranche ist eine Männerdomäne“

07.03.26 von Tineke Ruchel | 6 Min

Unsere Frauen bei Werder stehen für Vielfalt und genauso vielfältig sind ihre Geschichten. Ein Teil dieser Frauen, die den SVW jeden Tag prägen und mitgestalten, soll nun vorgestellt werden. Julia Düvelsdorf, Leiterin Fankultur und Antidiskriminierung, arbeitet bereits seit mehr als 20 Jahren in männerdominierten Branchen. In einem Interview mit WERDER.DE erzählt Düvelsdorf, wie sich die Fußballbranche in den letzten Jahren verändert hat, wieso sie immer noch eine Männerdomäne ist und mit welchen Problemen Frauen zu kämpfen haben.

WERDER.DE: Moin Julia, ohne lange nachzudenken: Was bedeutet Werder Bremen für dich?

Julia Düvelsdorf: Alles. Du hast gesagt, ich soll nicht lange nachdenken (lacht).

WERDER.DE: Du hast 2005 dein Studium mit den Schwerpunkten Politikwissenschaften, Soziologie und Erziehungswissenschaften in Münster absolviert. Warum hast du dich dafür entschieden?

Julia Düvelsdorf: Politik war immer schon meins. Ich bin bereits seit 1998 politisch aktiv. Damals habe ich für Gerhard Schröder den Wahlkampf gegen Helmut Kohl begleitet. Werder auf der anderen Seite war meine Familie. Mein Opa war derjenige, der diese Liebe zum Verein in die Familie gebracht hat. Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Soziologie bin ich nach Berlin gegangen und habe als Referentin im Bundestag gearbeitet. In der Zeit hat sich für mich verfestigt, dass Politik und Gesellschaft untrennbar sind. Sich politisch zu engagieren und kritisch zu sein, sind wichtige Elemente des Lebens. Außerdem habe ich gelernt, dass man für seine Bedürfnisse, seine Rechte und seine Zukunftsvisionen einstehen muss, auch und gerade, wenn es Widerstände gibt.

WERDER.DE: Du hast dich nach deiner Tätigkeit im Bundestag für einen Wechsel an die Weser entschieden. Warum?

Julia Düvelsdorf: Ich war in Berlin aktiv im Fanclub Fischmob Berlin. Das waren ganz viele Exil-Bremer*innen, aber auch ganz viele Werder-Liebende, die zusammen in Berlin in der Kneipe Fußball geguckt haben. Passenderweise waren dort auch sehr viele politisch aktive Menschen. So kamen wir auch über politische Themen in Verbindung. Wir haben damals zu den Pokalfinalspielen Partys organisiert, wodurch wir Kontakt zu Werder Bremen hatten. Bei dem Finale 2010, , habe ich Klaus-Dieter Fischer kennengelernt. Daraufhin fragte er mich, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Fanarbeit bei Werder Bremen zu professionalisieren und weiter auszubauen.

WERDER.DE: Welche Themen liegen dir besonders am Herzen?

Julia Düvelsdorf: Frauen im Fußball ist auf jeden Fall ein Thema, das ich die letzten 16 Jahre am eigenen Leib erleben durfte. In einem männlich dominierten Umfeld zu arbeiten, ist herausfordernd und kann natürlich anstrengend sein. Themen wie Antidiskriminierung, sich für Minderheiten und demokratische Grundwerte einzusetzen, sind für mich selbstverständlich. Dadurch, dass ich ein sehr politischer Mensch bin, habe ich mich auch bei Werder Bremen immer dafür eingesetzt. Das wird aber nicht nur von meinem Team und mir aus angetrieben, sondern natürlich auch von unserer Kurve und unseren Fans. Dadurch können wir diese Leidenschaft und unsere Aufgaben, die an uns herangetragen werden, verbinden.

WERDER.DE: Wie siehst du die Entwicklung von Frauen in den letzten Jahren in der Fußballbranche?

Julia Düvelsdorf: Das Thema Frauen in der Fußballbranche habe ich in den letzten 16 Jahren am eigenen Leib erfahren. Ich erzähle immer die gleiche Geschichte, aber die hat mich damals richtig geschockt. Bei der ersten großen Versammlung, die bundesweit stattfand, waren nur die Männerklos geöffnet. Wir waren aber zwei Frauen. Das würde jetzt nicht mehr passieren, um das mal ganz plakativ zu veranschaulichen. An vielen Standorten und bei vielen Veranstaltungen wird mittlerweile auch gegendert. Es ist mir extrem wichtig, in diesem männerdominierten Bereich zu gendern und auf diese Themen auch immer wieder aufmerksam zu machen.

WERDER.DE: Woran liegt es, dass die Fußballbranche immer noch eine Männerdomäne ist?

Julia Düvelsdorf: Die Fußballbranche ist ursprünglich eine absolute Männerdomäne, in die die Frauen reinkamen. In männerdominierten Branchen müssen sich Frauen immer ein bisschen mehr beweisen als Männer. Deswegen brauchen wir starke Frauen, die füreinander einstehen und sich gegenseitig unterstützen. In den letzten Jahren ist das Thema Gendergerechtigkeit in der Gesellschaft immer weiter in den Fokus geraten und dadurch auch im Fußball. Ich wurde ganz oft gefragt, ob ich aufgrund meines Geschlechts als Fanbeauftragte einen Nachteil hatte. Da kann ich klar nein sagen. Das war in der Kurve nie ein Problem. Da muss ich unsere Fans in Schutz nehmen. In der Fußballbranche wiederum schon. Dort ist die Gendergerechtigkeit ein strukturelles Problem, auch wenn es in den letzten Jahren einen kleinen Wandel gab und vermehrt Frauen eingestellt wurden. Nichtsdestotrotz befinden wir uns derzeit erneut an einem Knackpunkt, weil die Gesellschaft teilweise wieder zurückrudert. Die Welt rudert durch männlich dominierte Aussagen politisch zurück, wodurch Frauen zurückgedrängt werden. Jetzt liegt es an uns, aufzupassen, dass diese Entwicklungen der letzten Jahre nicht wieder zunichtegemacht werden.

WERDER.DE: Was würdest du Frauen, die auch gerne in der Fußballbranche oder in der Politik arbeiten wollen, raten?

Julia Düvelsdorf: Sucht euch Vorbilder, sucht euch vor allem solidarische Frauen, die mit euch gemeinsam diese Schritte gehen und seid nicht männerfeindlich. Darum geht es nicht. Wir müssen uns alle auf Augenhöhe begegnen. Sucht euch auch solidarische Männer, denn die gibt es auch. Seid mutig. In ganz vielen Terminen war ich früher die einzige Frau. Am Anfang war ich auch nicht ganz mutig, aber mit der Zeit wurde das immer besser. Ich bin zwar kein ängstlicher Mensch, aber natürlich gibt es Situationen wie ein UEFA-Workshop in Italien, bei dem auf einmal 400 Polizisten vor einem sitzen. Ich war mit einer weiteren Frau auf der Bühne. Da mussten wir viel Mut zusammennehmen.

WERDER.DE: Warum sollte sich Frauen bei Werder bewerben?

Julia Düvelsdorf: Bei Werder gibt es viele tolle Menschen, die genau an diesen Themen arbeiten, die für Werte stehen, die für Demokratie stehen, die für Gendergerechtigkeit stehen. Natürlich gehört auch Werder zu einem männerdominierten Bereich, aber hier gibt es auf jeden Fall Stimmen, die einem zur Seite stehen, die einen an die Hand nehmen und sagen, dass wir das zusammen schaffen. Das macht Werder Bremen für mich aus!

WERDER.DE: Danke für deine Zeit und das spannende Gespräch, Julia.

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