„Das ist, worauf ich hingearbeitet habe“
11.03.26 von Judith Zacharias | 5 Min
WOMEN AT WERDER: Betty Schulte ist Sportpsychologin in unserem Leistungszentrum. Sie kümmert sich um die jüngsten Spieler*innen, unterstützt bei Problemen und betreibt Präventionsarbeit. Im Interview mit WERDER.DE spricht sie über ihren Weg in die Fußballbranche und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bei Werder Bremen.
WERDER.DE: Moin Betty, gab es in den letzten Wochen für dich in deiner Arbeit einen Moment, bei dem du dir dachtest: Genau deswegen mache ich das?
Betty Schulte: Bei Workshops, die ich direkt mit den Jugendlichen mache, merke ich, das ist genau das, was ich mir erhofft habe. Wenn ich spüre, die sind gerade voll dabei, die haben Lust, ich kann sie gerade greifen. Das ist, worauf ich hingearbeitet habe. In direktem Kontakt zu den Kids zu sein und zu merken, ich habe gerade einen Einfluss, der ihnen hoffentlich weiterhilft.
WERDER.DE: Was sind deine Aufgaben bei uns im Leistungszentrum?
Betty Schulte: Ich arbeite mit den Kids und Jugendlichen von der U10 bis zur U15 im sportpsychologischen Bereich. Da geht es hauptsächlich um die Themen Widerstandsfähigkeit, Teamfähigkeit und Lernbereitschaft und darum, ein „Growth-Mindset“ an die Kids zu bringen. Ich gehe regelmäßig in die Teams, gebe Workshops zu Emotionsregulationen, Positivität, dem Umgehen mit Fehlern. Und ich bin Ansprechperson für die Trainer*innen. Wir haben ein psychologisches Konzept, nach dem wir arbeiten und uns monatlich auf bestimmte Themen fokussieren, aber es kann auch sein, dass die Trainer*innen nach dem Wochenende lieber einen anderen Bereich für die Teams vorschlagen. Wenn wir die Mannschaft beispielsweise nach einem Spiel wieder näher zusammenbringen wollen, gerade bei den Kleinen, arbeiten wir mit ihnen daran, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Es gibt also immer wieder Momente, in denen wir mit aktuelleren Themen arbeiten statt mit dem eigentlich geplanten Konzept.
WERDER.DE: Du hast Human Movement in Sports und Exercise im Bachelor und dann Sportpsychologie im Master studiert. Warum hast du dich für diesen Berufszweig entschieden?
Betty Schulte: Sport war immer meine große Leidenschaft, deshalb wollte ich unbedingt nach der Schule etwas mit Sport machen. Der Bachelor war dann zunächst sehr breit gefächert, von Sportökonomie über Sportmanagement bis hin zu Sportleistungsdiagnostiken und zum Teil auch -psychologie. Das war der Aspekt, der mich am meisten gecatcht hat. Dazu spiele ich Tennis und habe dabei schon oft gemerkt, dass mein Kopf mit den größten Anteil daran hat, was ich auf dem Platz für Leistungen bringe. Als ich mit dem Bachelor angefangen habe, war mir noch gar nicht so bewusst, dass es sowas wie Sportpsychologen gibt, die wirklich genau daran arbeiten. Ich habe dann meinen Weg in diesen Bereich gefunden.
WERDER.DE: Gibt es innerhalb der Sportpsychologie Themen oder Aufgabefelder, die jetzt Teil deines Alltags sind, die dich besonders reizen?
Betty Schulte: Schon im Studium habe ich mich am meisten für Mentale Gesundheit interessiert, weshalb ich mich auch in Bachelor- und Masterarbeit auf diesen Aspekt fokussiert habe. Ich bin davon überzeugt, dass psychologisch gesunde Menschen ihre beste Leistung bringen können. Es ist super wichtig, mentale Skills zu lernen und mit den verschiedensten Challenges umgehen zu können, aber das Wohlfühlen und das Glücklichsein in dem, was man tut, sind für mich das Wichtigste und ich glaube, das findet sich in meinem Job gut wieder.
WERDER.DE: Nach dem Studium bist du direkt mit deinem Job beim ersten FC Köln eingestiegen, du bist nun also schon beim zweiten Arbeitgeber mit Fußballhintergrund, obwohl du selber eigentlich Tennis spielst. Wie hat sich der Karrierestart im Fußball für dich angefühlt?
Betty Schulte: Ich habe mich sehr schnell sehr wohl gefühlt. Es ist schon ungewohnt, von so vielen jugendlichen Fußballern umgeben zu sein, weil ich vorher eigentlich zu Fußball wenig Kontakt hatte. Es macht aber einfach sehr viel Spaß, direkt an den Jungs dran zu sein und zu erleben, was sie im Alltag beschäftigt und wie sie mit Herausforderungen umgehen, da sie ja wirklich ein sehr herausforderndes Leben haben, vollgeplant mit Schule, Training und Spielen am Wochenende. Der Einstieg in die Arbeit mit Jugendlichen war also super spannend. Ein bisschen wie im Studium ist auch dieser Sportbereich total offen und tolerant und man kommt da super schnell rein und fühlt sich wohl.
WERDER.DE: Seit letztem Jahr arbeitest du nun hier in Bremen. Wie bist du zu Werder gekommen?
Betty Schulte: Ich habe in Köln eher pädagogisch gearbeitet und da habe ich gemerkt, dass ich zu wenig Zeit damit verbringe, zu machen, was ich gelernt habe. Deswegen habe ich nach Jobs gesucht, die eher sportpsychologisch sind. Schon im Bewerbungsgespräch hier habe ich mich sehr wohl gefühlt, wir haben lange gesprochen und waren direkt auf einer Ebene. Da habe ich schon gemerkt: Wenn das klappt, wär das richtig schön und am Ende hat es zum Glück geklappt.
WERDER.DE: Wie ist das Gefühl jetzt, fünf Monate später?
Betty Schulte: Es hat sich bestätigt. Wir haben im Team noch zwei weitere, sehr erfahrene Sportpsycholog*innen, die mit den älteren Mannschaften arbeiten. Von ihnen kann ich super viel lernen, wir sind sehr viel im Austausch. Ich fühle mich, als wäre ich hier genau am richtigen Platz.
WERDER.DE: Die Spieler*innen, die du betreust, haben einen herausfordernden Alltag. Gibt es da Themen, die in deiner Arbeit für dich besonders rausstechen?
Betty Schulte: Je jünger die Kids sind, desto schneller kommst du an sie ran und desto greifbarer sind sie. Im Vergleich zu den älteren Teams arbeiten wir mit ihnen niedrigschwelliger, weil man bei so jungen Spielern noch nicht psychoedukativ sagen, was wichtig ist. Was auch sonst immer wieder auffällt, sind die Emotionen der Kids; von Wut und Frust über Gleichgültigkeit bis zu Freude und Motivation. Jeden Tag spürt man, da sind total viele Emotionen da. Dann ist da noch der Bereich der Herkunft, woher kommen die Emotionen, was ist der Hintergrund? Der spielt auch eine sehr große Rolle, man merkt z.B., wenn die Kinder alleine da sind und nicht immer von ihren Eltern begleitet werden, man merkt aber auch, wenn die Familie immer da ist und jeder zweite Blick zum Papa geht, weil da eine gewisse Anspannung vorhanden ist. Auch in dem jungen Alter sind schon sehr viele verschiedene Persönlichkeiten dabei, diese Diversität ist auch sehr spannend.
WERDER.DE: Nimmst du wahr, dass die Kinder und Jugendlichen offen für deine Arbeit sind?
Betty Schulte: Ja und nein. Je jünger sie sind, desto offener sind sie und desto mehr Spaß haben sie auch an der Arbeit mit mir. Wenn dann die Pubertät losgeht, fühlen sie sich stärker “gezwungen”, zur Sportpsychologin zu gehen und sich anzuhören, was sie sagt. Wir versuchen da so zu arbeiten, dass es sich für die Kids nicht anfühlt wie lernen, sondern wie ein Erleben, in dem sie darüber nachdenken, wie sie mit allem umgehen.
WERDER.DE: Was ist dir in deiner Arbeit mit den Mannschaften und Trainer*innen wichtig?
Betty Schulte: Einerseits auf jeden Fall die Offenheit für meine Arbeit, dass mir der Raum in den einzelnen Teams gegeben wird. Das funktioniert hier auch sehr gut, die Trainer*innen kommen sogar mit bestimmten Themen explizit auf mich zu und fragen, ob ich diese mit den Kids bearbeiten kann. Sie möchten auch meine Unterstützung für ihr Training, wie sie beispielsweise mit einem Spieler umgehen und ihm helfen können, wenn er gerade mit einem bestimmten Thema beschäftigt ist.
WERDER.DE: Gibt es etwas, was du dir für den Bereich Sportpsychologie und die Sportbranche wünschen würdest?
Betty Schulte: Ich habe das Gefühl, ich werde oft in Themen mit einbezogen, Trainer*innen oder sportliche Leiter*innen suchen die direkte Unterstützung von mir. Wo wir aber dran bleiben müssen, ist, dass Sportpsycholog*innen wichtig sind, dass sie immer gebraucht werden sollen und dürfen. Heute haben schon zehnjährige Spieler*innen einen Zugang zu Sportpsycholog*innen, was vor zehn Jahren sicherlich noch nicht möglich war. Das ist gut so. Es ist einfach wichtig zu normalisieren, dass wir von Anfang an unterstützen, begleiten und zum Team gehören und nicht nur da sind, wenn die Probleme schon vorhanden sind. Wir sind da auf einem guten Weg, trotzdem sollte das Thema Prävention noch mehr gesehen werden.
WERDER.DE: Du bist selber noch am Anfang deiner Karriere. Trotzdem würden wir gerne wissen, ob du schon einen Tipp für andere junge Frauen, die versuchen, im Sportgeschäft Fuß zu fassen?
Betty Schulte: Was mir geholfen hat, ist daran zu glauben, was man kann und wohin man will. Ich wusste von Anfang an, ich will mit den Sportler*innen angewandt sportpsychologisch arbeiten. Ich habe mir das immer visualisiert und vor Augen gehalten und obwohl ich kein Netzwerk im Profifußball hatte ,bin ich da reingekommen. Durch den Willen den ich immer hatte und auch die Unterstützung, die ich von Familie und Freunden bekommen habe. Mein Tipp also: immer an dich glauben und weitermachen!
WERDER.DE: Danke für deine Offenheit und deine Zeit, Betty.
)
:quality(80))
:quality(80))
)
)
:quality(80))
:quality(80))
)
:quality(80))
)
)
)
:quality(80))
)
:quality(80))
:quality(80))
)