"Erinnern ist eine Aufgabe der Gegenwart"
INTERVIEW MIT DEM LIDICEHAUS ZUM THEMA ERINNERUNGSKULTUR
27.01.26 von Judith Zacharias | 6 Min
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Erinnerungskultur ist kein abgeschlossener Teil der Geschichte, sondern eine Aufgabe der Gegenwart. Die Jugendbildungsstätte LidiceHaus in Bremen steht seit vielen Jahren für politische Bildung, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und den Einsatz für eine demokratische, vielfältige Gesellschaft. Anlässlich des Holocaust-Gedenktags und des DFL-Schwerpunkts „Erinnern aus der Geschichte des Fußballs“ hat Werder.de mit Philine Hetzer und Arne Jahns vom LidiceHaus über ihre Arbeit, über Formen des Erinnerns heute und über aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen gesprochen.
Werder.de: Der heutige Holocaust-Gedenktag lenkt den Blick auf Erinnerung und Verantwortung. Wenn ihr auf eure Bildungsarbeit schaut: Was bedeutet Erinnerungskultur für euch – auch abseits von Gedenktagen und festen Ritualen?
Team LidiceHaus: Erinnerungskultur ist erstmal ein großer Begriff, der sehr unterschiedlich interpretiert wird. Wir sehen darin die Chance, Sichtbarkeit zu schaffen und darauf hinzuweisen, dass die Verbrechen der NS-Zeit hier aus unserer Gesellschaft heraus entstanden sind. Es zeigt sehr deutlich einen Bruch in der Geschichte, für die gesamte Gesellschaft, vor allem aber für Betroffenengruppen. Gleichzeitig besteht immer die Gefahr, dass Gedenken rein ritualisiert abläuft. Das Betroffenengruppen nicht eingebunden oder auf eine Opfergeschichte reduziert werden. Und dass das Gedenken zum Selbstzweck der Täter-Nachfahren wird: "Schaut her, wir haben aus der Geschichte gelernt."
Vielmehr ist es wichtig, auf die aktuellen Herausforderungen und Bedarfe zu blicken. Und da ist "Verantwortung" ein gutes Stichwort, oft wird dieses fälschlicherweise mit "Schuld" verwechselt. Wir bemerken in unseren Bildungsangeboten immer wieder, dass ein diffuses Schuldgefühl vorhanden ist, welches die Auseinandersetzung mit dem Thema erstmal hemmt. Schuld hat in dieser Generation niemand, aber eine Verantwortung in einer Gesellschaft, aus der heraus die industrielle Ermordung von sechs Millionen Juden und Jüdinnen organisiert und durchgeführt wurde, die tragen alle. Oder anders gesagt: Wie können wir unsere Gesellschaft gestalten, dass solche Verbrechen nie wieder möglich sind? 365 Tage im Jahr, nicht ausschließlich an Gedenktagen. Dazu gehört auch, jüdische Lebensrealitäten heute sichtbar zu machen und aktuelle Probleme anzugehen.
Werder.de: Der Name eurer Einrichtung „Lidice“ erinnert an die Ermordung der Männer, die Deportation der Frauen und Kinder und die vollständige Zerstörung des Dorfes durch die Nationalsozialisten. Was bedeutet er für eure Arbeit heute?
Team LidiceHaus: Der Name bedeutet für uns, dieses Verbrechen und die Opfer nicht zu vergessen und die Geschichte zu wahren. Wir arbeiten nach dem Grundsatz "Erinnern für die Zukunft", das bedeutet, dass wir gemeinsam an einer Zukunft arbeiten wollen, in der solche Verbrechen nie wieder stattfinden können. Seit vielen Jahren gibt es einen Austausch mit Lidice, ausgehend von einer Initiative aus Bremen-Nord und der über viele Jahre von unterschiedlichen Personen und Projekten getragen wurde.
Der Ort Lidice in Tschechien, ganz in der Nähe von Prag, steht symbolisch für den Vernichtungswahn und die menschenfeindliche Ideologie während der NS-Zeit. Es gab nur wenige Überlebende des Massakers. Das Dorf Lidice wurde von Überlebenden, vielen Freiwilligen und unter Mithilfe internationaler Initiativen etwa einen Kilometer neben seinem ursprünglichen Ort wieder aufgebaut. Heute findet sich auf dem Areal ein Museum, eine Gedenkstätte, ein Rosengarten und ein Mahnmal für die ermordeten Kinder von Lidice.
Werder.de: Der Holocaust-Gedenktag steht in der Bundesliga in diesem Jahr unter dem Schwerpunkt „Demokratie verteidigen – Lernen aus der Geschichte des Fußballs“. Welche Rolle kann Fußball aus eurer Sicht dabei spielen, Geschichte, Verantwortung und gesellschaftliche Werte zu vermitteln?
Team LidiceHaus: Der Fußball kann ein Türöffner für komplexe und schwierige Themen sein. Ein niedrigschwelliger Zugang, der viele Themen nahbarer macht. Es geht nicht darum, den Fußball komplett mit diesen Themen aufzuladen, sondern hierdurch Sichtbarkeit zu schaffen und zu Sensibilität anzuregen. Gleichzeitig kann Fußball als Möglichkeit dienen, Gesellschaft im positiven Sinne zu gestalten. Das Stadion, den örtlichen Fußballplatz, die Kabine als Ort des eigenen Wirkens zu begreifen und ihn auch nach seinen Werten zu gestalten und Haltung zu zeigen. Denn auch im “Kleinen” sind gesellschaftliche Dynamiken und Einflüsse zu finden. Und genau dort - im Kleinen - kann begonnen werden, Missstände zu thematisieren.
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"Auch die Geschichte Werders zeigt, dass Gesellschaft immer im Wandel ist"
Werder.de: Sport im Allgemeinen und Fußball im Speziellen wird oft als verbindend beschrieben, war historisch aber auch Teil von Ausgrenzung und Anpassung. Wie kann man mit dieser Ambivalenz umgehen?
Team LidiceHaus: Genauso wie der Fußball verbindende Elemente hat, kann er auch dazu dienen, Menschen auszuschließen. Fußball diente nie nur ausschließlich dem Sport, Fußball war und ist politisch. Und das kann auch missbraucht werden, um Ideologien zu verbreiten, die eine Ungleichwertigkeit von Menschen propagieren. Auch die Geschichte des SV Werder ist geprägt davon, die Phase von 1933 bis 1945 und die Verstrickungen des Vereins in die NS-Ideologie ist gut dokumentiert. Die Geschichte des Vereins spiegelt deutlich wieder, dass Gesellschaft immer im Wandel ist und in verschiedene Richtungen ausschlagen kann. Man sollte sich dieser Gefahr und diesen Dynamiken immer bewusst sein.
Werder.de: Wenn ihr auf die Geschichte des Fußballs im Nationalsozialismus blickt: Welche Leerstellen oder blinden Flecken begegnen euch bis heute?
Team LidiceHaus: Die Involviertheit eines großen Teils der Gesellschaft, sei es als Täter oder sogenannte Mitläufer, wird oft ausgeblendet. Es wurde verpasst, sich gesamtgesellschaftlich den schwierigen und sicher auch schmerzvollen Fragen zu stellen. Vielmehr gibt es auch bis heute noch Abwehr. Die Auseinandersetzung mit eigener Familiengeschichte kann ein erster Schritt sein, dies zu durchbrechen. Auch ein Blick auf den eigenen Verein kann ein Zugang sein. Wer waren die Täter? Haben diese weiterhin wichtige Posten im Verein innegehabt, gibt es möglicherweise Kontinuitäten nach 1945? Es ist immer wichtig, den Blick auf jüdische Biographien und die Lebensgeschichte anderer verfolgter Gruppen während der NS-Zeit zu richten. Welche jüdischen Mitglieder gab es? Wie prägend waren sie möglicherweise für den Verein? Was ist mit ihnen geschehen? Die NS-Zeit war ein massiver Bruch in der jüdischen Geschichte, umso bedeutsamer, dass Werders mehrmaliger jüdischer Präsident Alfred Ries nach seiner Verfolgung den Weg zurück in den Verein fand und hier weiter wirkte. Zeitgleich sollte nicht der Fehler begangen werden, hieraus zu schließen, der Verein sei selbst verfolgt gewesen. Ein Großteil der Vereine war in Täterschaft involviert und keine Opfer der NS-Ideologie.
"Ohne den Bezug zur Gegenwart fehlt dem Gedenken eine nachhaltige Perspektive"
Werder.de: Ihr arbeitet viel mit jungen Menschen zusammen, die den Nationalsozialismus vor allem aus dem Unterricht kennen. Wie erlebt ihr ihren Zugang zu Erinnerung und Geschichte heute?
Team LidiceHaus: Meistens kennen junge Menschen den Nationalsozialismus ausschließlich durch Geschichtsunterricht in der Schule und dann auch nur den Zeitraum von 1933-45. Dass dieser Bruch in der Gesellschaft einen maßgeblichen Einfluss darauf hat, wie unsere Welt heute aussieht, bleibt zu oft im Verborgenen.
Bei der Thematisierung gibt es im ersten Moment Abwehr oder fehlendes Interesse - der Bezug zur eigenen Lebenswelt fehlt. Das Aufzeigen und die Problematisierung von Kontinuitäten, der Brückenschlag zur Gegenwart bietet aber Möglichkeiten. Die Frage, was das mit den jungen Menschen selbst zu tun hat, sollte Ausgangspunkt sein, um ehrliches Interesse zu wecken. Und wie bereits erwähnt: Ohne den Bezug zur Gegenwart fehlt dem Gedenken eine nachhaltige Perspektive.
Werder.de: Gibt es Momente in eurer Bildungsarbeit, in denen ihr merkt, dass klassische Formen des Erinnerns nicht mehr greifen? Wie geht ihr damit um, welche Alternativen haben sich ggf. entwickelt?
Team LidiceHaus: Wenn wir uns die gesellschaftlichen Entwicklungen anschauen und das Erstarken des Antisemitismus, kann man sich durchaus die Frage stellen, ob die etablierten Formen des Erinnerns gescheitert sind.
Wir würden erst einmal die Frage aufwerfen, was klassisches Erinnern überhaupt ist? Die meisten der Gedenk-Initiativen nach 1945, die sich dem Erinnern gewidmet haben, waren Betroffenengruppen, meist Überlebende und Angehörige von Opfern. Das Ganze hat sich dann über die Zeit verschoben. Die zivilgesellschaftlichen Initiativen sind, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, mehr und mehr in den Hintergrund gerückt.
Man muss sich fragen, wie wirksam ein Gedenkstättenbesuch ist, der keine Brücke in die Gegenwart schlägt. Antisemitismus wird so zu einem Ritual der Vergangenheit. Auch heute noch verwehren sich viele große Firmen der Aufarbeitung ihrer eigenen Involviertheit in die NS-Verbrechen und auch die Verstrickungen vieler Sportvereine sind bis heute nicht thematisiert worden.
Werder.de: Wie verändert sich Erinnerungskultur in einer Zeit, in der Geschichte zunehmend politisch instrumentalisiert wird?
Team LidiceHaus: Das Erstarken autoritärer Ideen und Strömungen in Deutschland, ganz Europa und der Welt macht auch vor dem Gedenken nicht halt. Wir sind vermehrt mit Positionen konfrontiert, die versuchen, die Geschichte fälschlicherweise umzudeuten oder sogar ganz zu verleugnen. Diese Entwicklung stellt viele Bildungsprojekte und andere Initiativen vor enorme Herausforderungen.
Werder.de: Demokratiefeindliche Haltungen werden wieder sichtbarer. Wie wirkt sich die aktuelle politische Stimmungslage auf eure Arbeit aus und was braucht es aus eurer Sicht jetzt besonders?
Team LidiceHaus: Es braucht vor allem in krisenhaften Lagen Solidarität und Unterstützung für Betroffenengruppen. Diesen muss zugehört und sie müssen ernst genommen werden. Wenn wir am 27. Januar an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz erinnern, müssen wir zeitgleich auf die Kontinuitäten hinweisen und den grassierenden Antisemitismus heutzutage benennen. Judenfeindschaft ist nicht einfach nach 1945 verschwunden, sie zeigt sich seit dem 7. Oktober 2023 und dem terroristischen Überfall auf Israel noch viel deutlicher. Ein Blick darauf, dass Antisemitismus tief in Gesellschaft eingeschrieben ist und kein Phänomen einzelner Gruppen, ist ein erster Schritt. Im zweiten Schritt braucht es Entschlossenheit vieler, dem Antisemitismus entgegenzutreten, damit dies nicht allein den Betroffenen überlassen wird. Die Stimmungslage geht auch mit großer Unsicherheit für Bildungsprojekte einher, von der fehlenden langfristigen Perspektive ganz zu schweigen. Für eine gelingende Bildungsarbeit müssen sich Projekte breit aufstellen und auf viele der mitgebrachten Themen der Jugendlichen vorbereitet sein. Damit ihnen vernünftig begegnet wird und ihre Sorgen und Anliegen ernst genommen werden. Es braucht außerdem rote Linien gegenüber menschenfeindlichen Positionen - egal, wer diese äußert.
Werder.de: Was gibt euch in eurer Arbeit Hoffnung?
Team LidiceHaus: Wir begegnen in unserer Arbeit vielen jungen Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensrealitäten und Interessen. Wir sehen, dass die aktuelle Weltlage viele Unsicherheiten mit sich bringt, nichtsdestotrotz können wir uns auf Augenhöhe begegnen und in einen intensiven Austausch kommen. Der Fußball kann da ein guter Türöffner sein. Diese Begegnungen, die Erreichbarkeit, Offenheit und Bereitschaft von jungen Menschen, sich auch komplexen Themen zu widmen, macht uns Hoffnung.
Dass sich ein Verein wie Werder und seine Fans diesen Themen annehmen und sich die Ostkurve und manche Fangruppen dazu immer wieder positionieren, trägt zu positiver Veränderung bei. Immer mehr Menschen rund um Werder widmen sich dem Ziel, dass sich alle Menschen im Stadion wohlfühlen und im besten Fall niemand Angst haben muss, verschieden zu sein. Auch das lässt uns, trotz aller Herausforderungen, positiv in die Zukunft blicken.
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