„Nichts ist unmöglich“

14.03.26 von Tineke Ruchel | 5 Min

Gina-Marie Murgia steht in der Ostkurve.

Gina-Marie Murgia lebt ihren Traum im Sportjournalismus – und das mit voller Leidenschaft. Im Interview für WOMEN AT WERDER spricht die WERDER.TV-Redakteurin über ihren ungewöhnlichen Weg vom HSV zu Werder, die Emotionalität ihrer Arbeit und ihre Wünsche für Frauen in der Fußballbranche. Ihr wichtigster Rat an junge Frauen: dranbleiben und an sich glauben, denn „Nichts ist unmöglich“.

WERDER.DE: Moin Gina, HSV oder Werder?

Gina-Marie Murgia: Für viele Menschen klingt das unvorstellbar, aber mein Herz schlägt für beide Vereine. Ich bin ein sehr leidenschaftlicher Mensch und wenn mir eine Sache Spaß macht, dann brenne ich komplett dafür. Das beschränkt sich in meinem Fall nicht nur auf einen Verein. Ich kann dieses Gefühl für mehrere Vereine entwickeln.

WERDER.DE: Nach der Schule hast du Medienkommunikation in Salzgitter studiert. Warum hast du dich damals dafür entschieden?

Gina-Marie Murgia: Seitdem ich 12 Jahre alt bin, wusste ich, dass ich in Richtung Journalismus gehen möchte. Ich habe schon als Kind gerne geschrieben und Fotos gemacht. Dass ich in den Sport wollte, war für mich auch schon immer klar. Studiengänge im Sportjournalismus zu finden, ist in Deutschland gar nicht so einfach. Ich habe dann in der Nähe von meiner Heimat diesen Studiengang gefunden, den es so dort noch nicht allzu lange gab. Ich habe an einer Hochschule studiert, weswegen das Studium eher praktisch aufgebaut war. Das hat mir rückblickend auf jeden Fall geholfen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich es zwar noch nicht, aber ich hätte keine bessere Entscheidung treffen können.

WERDER.DE: Woher kam dein Interesse für den Sportjournalismus?

Gina-Marie Murgia: Es gibt nicht diesen einen ausschlaggebenden Punkt. Mein Papa hat immer Sport im Fernsehen geguckt. Dadurch bin ich automatisch mit dem Sport aufgewachsen. Nicht nur mein Papa, sondern mein ganzes Umfeld war schon immer fußballverrückt. In unserer Straße gab es zu jeder Welt- oder Europameisterschaft ein großes Public Viewing. Das waren definitiv prägende Momente in meinem Leben, die mich schon früh in diese Richtung gelenkt haben. Irgendwann war für mich klar, dass ich in den Sportjournalismus möchte.

WERDER.DE: Während des Studiums hast du ein Pflichtpraktikum bei Sky gemacht. Was hast du in dieser Zeit gelernt und hat diese Erfahrung deinen Berufswunsch noch weiter bestätigt?

Gina-Marie Murgia: Für mich war schnell klar, dass es das ist, was ich machen möchte. Die Arbeit hat sich nie wirklich, wie Arbeit angefühlt, weil ich von Anfang das gemacht habe, was mir am meisten Spaß macht. Trotzdem habe ich in meinem Praktikum direkt gemerkt, dass ich nicht den ganzen Tag in einem Fernsehstudio sitzen möchte. Ich wollte näher dran sein und mehr Emotionen miterleben. Natürlich hat es Spaß gemacht, an den Sendungen mitzuwirken, dennoch hat es mich nicht vollkommen zufriedengestellt. Ich habe früh gemerkt, dass ich nicht nur aus der Ferne über die Events berichten möchte, sondern direkt vor Ort sein will.

WERDER.DE: Du arbeitest und brennst für einen Beruf, in dem Frauen immer noch unterrepräsentiert sind. Was glaubst du, woran das liegt?

Gina-Marie Murgia: Auch wenn Frauen im Fußball mittlerweile überall präsent sind, sei es als Fans, in den Vereinen oder auch bei den Broadcastern, ist es immer noch eine Männerdomäne. Die Aufmerksamkeit liegt weiterhin mehr auf dem Männerfußball als auf dem Frauenfußball. Am Ende ist es eine Männerdomäne und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das jemals ausgleichen wird und wir von einem fifty-fifty Verhältnis sprechen.

Gina-Marie Murgia bei der Arbeit an einem Spieltag.

WERDER.DE: Nach dem Studium ging es für dich zum Hamburger SV. Wie kam es dazu?

Gina-Marie Murgia: Ich habe mich vor meiner Bachelorarbeit tatsächlich nicht nur für den HSV beworben, sondern auch bei Werder Bremen. Eigentlich schlug mein Herz als Jugendliche immer eher für Werder als für den HSV. Ich wusste, dass meine Arbeit nicht allzu weit weg von meiner Heimat sein sollte. Durch mein Praktikum bei Sky habe ich gemerkt, dass die Entfernung nach München einfach zu weit war. Ich bin einfach ein Kind des Nordens. Bei Werder hat es leider erstmal nicht funktioniert, dafür aber vorerst beim HSV mit einem Praktikum. Nach drei Monaten als Praktikantin im TV-Team habe ich schnell festgestellt, dass das nun wirklich das ist, was ich machen möchte. Die Arbeit im Stadion und jedes Wochenende diese Emotionen aufsaugen zu dürfen, haben mich komplett erfüllt. Nach dem Praktikum folgte schließlich ein zweijähriges Volontariat. In dieser Zeit habe ich gemerkt, dass ich mir selbst viel mehr zutrauen muss. Außerdem bin ich viel offener selbstsicherer geworden, weil man in diesem Job, egal ob als Volontär oder als Senior, viel Verantwortung übernehmen muss. Das hat mich als Mensch sehr weitergebracht.

WERDER.DE: Dann kam ein im Profifußball eher untypischer Wechsel. Für dich ging es vom HSV zum SV Werder Bremen. Warun hast du dich dafür entschieden?

Gina-Marie Murgia: An sich wäre ich nach meinem Volontariat gerne dortgeblieben, weil ich nicht aus Hamburg wegziehen wollte und mir der HSV ans Herz gewachsen ist. Ich habe dann erstmal drei Monate in einer Agentur gearbeitet. Das hat mir persönlich keinen Spaß gemacht, weil mir dort einfach die emotionale Komponente gefehlt hat. Beim HSV hatte ich aufgrund der ganzen Aufstiegsversuche und Relegationsspiele eine sehr prägende Zeit. Für mich war schnell klar, dass ich wieder bei einem Verein mit viel Leidenschaft und Tradition arbeiten möchte. Zu dem Zeitpunkt hatten einige Vereine passende Stellenanzeigen online, aber am Ende hat mich das Vorstellungsgespräch bei Werder direkt überzeugt. Das Gespräch war sehr offen und locker. Es hat sich eher wie eine Unterhaltung und nicht wie ein stumpfes Vorstellungsgespräch angefühlt. Als die Zusage kam, musste ich nicht lange überlegen. Es hat sich einfach richtig angefühlt.

WERDER.DE: Dein Job umfasst sehr viele verschiedene Aufgaben. Dazu gehört vor allem auch die Zusammenarbeit mit den Spieler*innen. Wie sieht dein Arbeitsalltag unter der Woche, aber auch an einem Spieltag aus?

Gina-Marie Murgia: Jeder Tag ist anders. Wenn ich morgens ins Büro fahre, weiß ich eigentlich nie, was mich erwartet. Gerade bei Themen wie einer Trainerentlassung oder ein Sportvorstand, der zurücktritt. In den meisten Fällen wird man da morgens immer von überrascht. Trotzdem gibt es typische Aufgaben, die jede Woche wiederkehren wie zum Beispiel die Pressekonferenz oder das Filmen des Trainings. Der Spieltag ist immer das Highlight von jeder Woche, egal ob es ein Heimspiel oder Auswärtsspiel ist. Eigentlich wird unter der Woche nur auf den Spieltag hingearbeitet. Am Spieltag selbst bin ich als Redakteurin für Werder TV unterwegs und filme all das, was auf dem Platz stattfindet. Nach Abpfiff kümmere ich mich um die Interviews und die Verwertung des Materials für die Kanäle.

WERDER.DE: Was würdest du jungen Frauen raten, die gerade am Anfang ihrer Karriere stehen und auch in die Fußballbranche möchten?

Gina-Marie Murgia: Nichts ist unmöglich. Dranbleiben und trotz Zweifel, die ich damals auch hatte, sollte man immer weitermachen. Es gibt viele tolle Kolleginnen, die genauso viel oder sogar noch mehr als Männer draufhaben. Davon solltet ihr euch auf jeden Fall nicht unterkriegen lassen. Ich weiß, dass das vielleicht manchmal schwierig ist. In der Schule gab es viele Jungs oder Lehrer, die meinen Berufswunsch belächelt haben. Da muss man drüber hinwegsehen. Wenn diese Personen ein paar Jahre später sehen, wie weit man es geschafft hat, macht das schon stolz. Außerdem sollte man die Möglichkeit, Praktika zu machen, nutzen. Sammelt eure Erfahrungen und vergesst nicht, immer dranzubleiben.

WERDER.DE: Was wünschst du dir für die Zukunft des Sportjournalismus, aber auch für deine persönliche Zukunft?

Gina-Marie Murgia: Ich wünsche mir, dass ich diese Begeisterung für den Job niemals verlieren werde und dass es für mich immer etwas Besonderes sein wird. Dass ich jeden Morgen zum Stadion fahren darf, ist für mich nicht selbstverständlich. Für den Sportjournalismus wünsche ich mir weiterhin die Präsenz von starken Frauen. Die darf auch gerne noch weiter wachsen.

WERDER.DE: Danke für deine Zeit, Gina!

Weitere News