"Dafür fängt man mit Fußball an"

PATRICE ČOVIC IM INTERVIEW MIT WERDER.DE

14.03.26 von Fiona John | 5 Min

Patrice Čović im grünen Trikot wird von seinen Kollegen auf dem Rasen nach vorne geschubst.

Für Patrice Čović ist am vergangenen Wochenende ein Traum wahr geworden. Der 18-Jährige erzielte beim 4:1-Sieg bei Union Berlin sein erstes Bundesliga-Tor. Vor den Augen seiner Familie belohnte sich der drittjüngste Torschütze der Werder-Historie für die harte Arbeit der vergangenen Monate. Im Interview mit WERDER.DE sprach er über das wichtigste und zweitwichtigste Tor seiner noch jungen Karriere, Geduld und das Verhältnis zu seinen Mitspielern.

WERDER.DE: Moin Patrice, nochmal Glückwunsch zum ersten Bundesliga-Tor. Wie fühlt es sich mit ein paar Tagen Abstand an?

Patrice Čović: Ich habe erstmal ein bisschen Zeit gebraucht, um das Ganze zu realisieren. Nach dem Spiel hatte ich eine relativ kurze Nacht, in der viel in meinem Kopf vorging. Mittlerweile konnte ich alles gut verarbeiten und realisieren. Es fühlt sich immer noch unfassbar schön an.

WERDER.DE: Du hast gerade angedeutet, die Nacht nach dem Spiel war kurz. Was ist hinterher auf deinem Handy losgewesen? Wie viele Nachrichten gab es da?

Patrice Čović: Es gab sehr viele Nachrichten. Ich habe versucht, allen zu antworten, und habe mich über jede einzelne Nachricht gefreut.

WERDER.DE: Deine Familie war vor Ort im Stadion dabei. Hattest du die Möglichkeit, nach dem Spiel mit ihnen zu sprechen? Wie war die Reaktion, besonders von deinem Vater, den wir alle auch in den Fernsehbildern gesehen haben?

Patrice Čović: Meine Eltern habe ich nach dem Spiel direkt auf der Tribüne gesprochen. Da habe ich gespürt, wie stolz sie sind – das hat mir natürlich noch mal ein schöneres Gefühl gegeben. Mein Bruder stand auf der Gegenseite, da bin ich dann auch nochmal rübergegangen. Der hatte, glaube ich, auch Tränen in den Augen. Es war ein unfassbares Gefühl, meine Familie so zu sehen. Das macht mich umso stolzer.

WERDER.DE: Was kam in den letzten Tagen noch von deiner Familie?

Patrice Čović: Wir haben natürlich viel über das Tor gesprochen. Mein Bruder dachte erst, dass ich mich selber angeschossen hätte. Das habe ich ganz schnell abgestritten. Ich habe ihnen erzählt, wie ich mich nach dem Tor gefühlt habe, und sie haben berichtet, wie sie es gesehen haben. Es ist einfach schön, mit ihnen darüber zu reden.

WERDER.DE: Die letzten beiden Tore, die du geschossen hast, waren beide extrem besonders. Das im DFB-Pokal-Finale und das am letzten Wochenende. Welches hat für dich persönlich mehr Gewicht?

Patrice Čović: Das ist echt schwierig zu sagen. Bei beiden Spielen war meine Familie im Stadion, deshalb kann ich es daran nicht festmachen. Aber ich glaube, das Tor jetzt hat mehr Gewicht für mich – das erste Bundesliga-Tor. Dafür fängt man mit Fußball an, dafür habe ich gearbeitet. Die ganze Arbeit hat sich allein für diesen Moment schon ausgezahlt. Dazu waren es bei Union nochmal mehr Menschen im Stadion und mehr Werder-Fans. Wie schon im Pokalfinale durfte ich das Tor auch wieder vor unseren Fans schießen. Deswegen ist es ganz schwierig zu sagen.

Patrice Čović jubelt im weißen Trikot mit ausgebreiteten Armen.
Sein letztes Tor erzielte Patrice Čović beim DFB-Pokalsieg der U19 (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Eine Frage vom Wochenende ist noch offen geblieben: Wollte Leo Bittencourt eigentlich wirklich passen oder doch schießen?

Patrice Čović: Das müsst ihr ihn fragen (lacht). Wir haben darüber gesprochen, er sagt natürlich, dass er passen wollte. Ich glaube ihm einfach, weil der Ball perfekt zu mir kam. Auch wenn manche sagen, dass er schießen wollte.

WERDER.DE: Du hattest nach dem Spiel einen gemeinsamen Torjubel mit Leo. Was habt ihr da genau gemacht und wie kam der zustande?

Patrice Čović: Wir haben letzte Woche beim Spiel gegen Heidenheim darüber geredet. Da saßen wir beide auf der Bank und er meinte zu mir, dass es Zeit für mich wird, in so einem Stadion zu treffen. Ich habe gesagt: Wenn ich reinkomme, mache ich eins. Dann hat er mir gezeigt, welchen Jubel wir dann machen. Gegen Heidenheim hat es dann nicht dafür gereicht, aber dafür diese Woche. Deswegen haben wir den Jubel dann nachgeholt.

WERDER.DE: Leo ist einer der ältesten Spieler im Kader, du einer der jüngsten. Wie ist die Verbindung zwischen euch entstanden?

Patrice Čović: Sehr gut. Leo war einer der ersten, der in meiner Anfangszeit bei den Profis auf mich zukam und mir viel geholfen hat. Deswegen habe ich mich direkt sehr wohlgefühlt und konnte meine Leistung abrufen. Deshalb habe ich Leo sehr viel zu verdanken. Ich kann mir im Training viel von ihm abschauen. Unsere Verbindung ist super.

Leonardo Bittencourt und Patrice Čović umarmen sich. Im Hintergrund stehen weitere Spieler.
Haben eine gute Verbindung: Leonardo Bittencourt und Patrice Čović (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Neben Leo, der sich sehr für dich gefreut hat, ist auch Mio nach deinem Treffer über das ganze Feld gerannt. Zeigt das, wie verbunden ihr gerade als junge Spieler seid?

Patrice Čović: 100 %. Für mich bedeutet es umso mehr, wenn ich sehe, wie meine Mitspieler sich mit mir freuen. Da habe ich wirklich Gänsehaut bekommen. Mio kam von seinem eigenen Tor angesprintet, dafür bin ich sehr dankbar. Mio ist einer der Spieler in der Mannschaft, mit denen ich mich am besten verstehe. Deshalb war das sehr schön.

WERDER.DE: Wie ist der Austausch zwischen dir und Karim? Ihr seid ja zusammen aus der U19 hochgekommen im Sommer und habt euch dann etwas unterschiedlich entwickelt. Wie kann Karim dir durch seine Spielpraxis, die er in der Bundesliga gesammelt hat, weiterhelfen?

Patrice Čović: Er ist einen Tick erfahrener als ich. Mich macht es eher glücklich zu sehen, welche Entwicklung er seit der U19 im letzten Jahr nun in der Bundesliga genommen hat. Wir tauschen uns immer wieder aus, geben uns gegenseitig Tipps und ergänzen uns gut.

"Ich habe nicht die allergrößte Geduld und brenne auf Spielzeit."

WERDER.DE: Wie geht der Trainer mit euch jungen Spielern um? Wie spricht er mit euch über Einsatzzeiten, Verbesserungspotenzial und Chancen? Man sieht mit den Kaderplätzen für Mats Heitmann und Salim Musah ja auch, dass die jungen Spieler die Nähe zum Profikader haben.

Patrice Čović: Jeder junge Spieler hat ein gutes Gefühl bei ihm. Er versucht, die Gespräche mit uns zu suchen, uns Tipps zu geben und uns den Weg aufzuzeigen, den er mit uns vorhat. Er gibt uns das Gefühl, dass wir völlig offen sein und auf ihn zukommen können. Deswegen fühlt sich jeder gut. Es macht natürlich umso mehr Spaß, dass so viele junge Spieler dabei sind.

WERDER.DE: Daniel hat berichtet, dass ihr ein Gespräch hattet, daraufhin gab es für dich Spielminuten bei der U23. Wie wichtig ist diese Spielpraxis für dich?

Patrice Čović: Für mich ist das extrem wichtig. Ich brenne als junger Spieler natürlich für Spielminuten. Ich will in jedem Spiel auf dem Platz stehen und, wenn es nach mir geht, natürlich von Anfang an spielen. Wenn es Spiele gibt, in denen ich nicht spiele, ist das natürlich enttäuschend für mich. Ich versuche aber einfach immer weiterzumachen. Bei der U23 die 90 Minuten mitzunehmen, hat mir geholfen.

WERDER.DE: Bei den Profis warst du in allen Pflichtspielen in dieser Saison im Kader, bist aber nur in zwölf Spielen zum Einsatz gekommen. Wie schafft man es als junger Spieler, geduldig zu bleiben und auf seine Chance zu warten?

Patrice Čović: Es ist schwierig. Ich habe nicht die allergrößte Geduld und brenne auf Spielzeit. Damit ich geduldig bleibe, sind aber die anderen da: der Trainer, der auf mich zukommt und mir ein gutes Gefühl gibt, aber auch meine Familie, die mir sagt: „Du hast noch Zeit, du bist noch jung.“ Mein Umfeld gibt mir da ein gutes Gefühl.

WERDER.DE: Vielen Dank für das Gespräch!

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