"Das geht weit über den Fußball hinaus
RIEKE DIECKMANN IM ABSCHIEDSINTERVIEW
03.05.26 von Maximilian Prasuhn | 8 Min
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Fast 100 Spiele lief Rieke Dieckmann mit der Werder-Raute auf dem Trikot auf, bei keinem anderen Verein ihrer Laufbahn verbrachte sie so viele Jahre wie in Bremen. Im Sommer endet ihre Zeit an der Weser. Im Interview mit WERDER.TV sprach die 29-Jährige über den persönlichen Stellenwert des SV Werder, die Entwicklung der WERDERFRAUEN und ihr Highlight im Pokalfinale.
WERDER.DE: Moin Rieke, im Sommer endet leider deine Zeit bei den WERDERFRAUEN, du hast ganze fünf Jahre hier verbracht, dabei fast 100 Spiele für den SVW bestritten. Welche Rolle hat dieser Verein in deinem Leben mittlerweile eingenommen?
Rieke Dieckmann: Es wäre zu plump zu sagen, dass es eine besondere Station für mich war. Aber ich glaube, ohne meinen vorherigen Vereinen zu nahe zu treten, dass es tatsächlich so ist. Ich war die längste Zeit hier. Ich bin hier zwar nicht erwachsen geworden, habe mich aber schon sehr verändert und gelernt, worauf es im Leben ankommt. Ich habe die Träume, die ich jemals hatte, alle mit Werder erreicht und verwirklicht. Von daher sind nicht nur der Verein, sondern auch die Stadt und das Miteinander bei mir ganz tief im Herzen verankert. Es ist nicht mal ausgeschlossen, dass ich hier meine Heimat gefunden habe, weil ich mit den Werten und Geschichten, die hier stattgefunden haben, so übereinstimme. Der Verein hat mich sehr geformt.
WERDER.DE: Welche dieser Geschichten oder Momente waren denn für dich am prägendsten?
Rieke Dieckmann: Es wäre nicht fair, nur die Pokalsaison herauszuheben. Für mich ist es diese Entwicklung von den wirklich nicht so guten Bedingungen und den Corona-Folgen. Das sind Momente, die über das Fußballerische hinausgehen. Die Klassenerhalte – ich weiß gar nicht, wie oft wir gesagt haben, dass der Klassenerhalt unser Ziel ist. Wirklich besonders war die letzte Saison, gerade am Ende mit dem Nordderby, dem Halbfinale im Pokal und dann dem Pokalfinale. Und dann auch die Reise nach Vietnam, dort international mit Werder gespielt zu haben. Das ist so schön zu sehen, wo wir herkamen und was wir daraus gemacht haben. Das ist das, worauf ich wirklich stolz bin.
WERDER.DE: Ein Highlight würde ich trotzdem gerne herauspicken: das Pokalfinale und dein Tor. Wie war dieser Moment für dich?
Rieke Dieckmann: Da würde ich etwas vorher anfangen: Ich musste vor etwa zehn Jahren einen Steckbrief ausfüllen mit meinen fußballerischen Zielen. Zu dem Zeitpunkt war ich schon U20-Weltmeisterin. Ich habe überlegt: für eine Weltmeisterschaft wird es bei mir wohl nicht reichen, Deutsche Meisterschaft wäre auch etwas zu hoch gegriffen. Damals war das Pokalfinale in Köln das erste Spiel, das jedes Jahr im Free-TV gezeigt wurde. Ich habe das immer geguckt und war auch selbst in Köln vor Ort. Ich habe immer gedacht: ‚Boah, wenn ich irgendwann da mal stehen könnte. Das wäre der Wahnsinn.‘ Dann nicht nur als Mannschaft zu performen, sondern 80 Minuten zu spielen und auch ein Tor zu machen, obwohl ich nicht die geborene Torschützin bin - ich habe so lange gebraucht, um das zu verarbeiten. In dem Moment steht man so unter Druck, dass man das gar nicht so zu 100 Prozent genießen kann. Im Nachhinein habe ich gedacht, dass man das Drehbuch für mich nicht besser hätte schreiben können.
"Wir haben aus wenig viel herausgeholt."
Rieke Dieckmann über die Entwicklung der WERDERFRAUEN
WERDER.DE: Du hast in deiner ersten Antwort angedeutet, dass du dich in deiner Zeit bei Werder auch verändert hast. Kannst du das konkreter erklären?
Rieke Dieckmann: Ich habe hier fast 100 Bundesliga-Spiele gemacht, das ist der Großteil meiner Karriere. Am Anfang war man immer noch total nervös, weil man mal ein Bundesliga-Spiel gemacht hat, das war der große Traum. Irgendwann habe ich mich drauf gefreut. Ich wusste: wenn ich jetzt rauslaufe, kommen unsere Fans und werden uns anfeuern. Meine Mitspielerinnen sind für mich da. Man hat ein Selbstbewusstsein entwickelt, sodass man sich an dem erfreuen konnte, was man tagtäglich macht. Dieses Selbstverständnis zu haben: ich bin Bundesliga-Spielerin – das ist fußballerisch, was ich von hier mitnehme.
WERDER.DE: Was war hier im Vergleich zu deinen anderen Stationen (Potsdam, Duisburg, Leverkusen, Meppen) anders?
Rieke Dieckmann: Die Widerstandfähigkeit und das Robuste auf und neben dem Platz, mit allen Widrigkeiten klarzukommen und keine Ausreden zu suchen, sondern einfach zu machen. Das hat uns immer schon ausgezeichnet, dass gegnerische Mannschaften ungerne zu Platz 11 gefahren sind. Das ist etwas, was mich stolz gemacht hat, wir haben aus wenig viel herausgeholt.
WERDER.DE: Du hast auch immer viel Verantwortung fürs Team übernommen, bist aktuell auch Teil des Mannschaftsrats. Wie wichtig ist dir diese Rolle?
Rieke Dieckmann: Natürlich ist mir das sehr wichtig. Ich glaube, dass ich nicht nur als Individuum denke, sondern dass es mir wichtig ist, dass alle gesehen und gehört werden. Dass wir auch im Verein ein gewisses Standing erreichen. In manchen Situationen hat es viel Energie geraubt, weil man sich mit vielen Sachen auseinandergesetzt hat, was andere Spielerinnen vielleicht nicht haben. Aber insgesamt habe ich das liebend gerne gemacht, weil ich immer hinter allem komplett stand.
WERDER.DE: Eine Riesenentwicklung ist auch bei den Fans und Zuschauerzahlen zu erkennen. Welche Bedeutung haben die Fans für dich gehabt, gerade in schwierigen Phasen, die es bei den WERDERFRAUEN vor ein paar Jahren ja auch durchaus noch gab?
Rieke Dieckmann: Irgendwann in meinem ersten Jahr habe ich mal in einem Interview auf die Frage gesagt, auf welches Spiel ich mich am meisten freue, dass ich es auswärts eigentlich auch ganz cool finde. Wir hatten damals 200 bis 300 Zuschauer. Danke wirklich an jede und jeden, die damals dabei waren. Mittlerweile ist es aber Normalität, dass sowohl bei den Heim- als auch bei den Auswärtsspielen ein harter Kern dabei ist. Wir haben es geschafft, dass uns hunderte Menschen zujubeln, dass wir eine Art Vorbild sind und für Unterhaltung sorgen – und das auch nach schlechten Spielen. Man weiß, dass man es denen ein Stück weit schuldig ist. Das ist immer noch ligaweit einzigartig.
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WERDER.DE: Hand aufs Herz: wie schwer fällt dir vielleicht auch deswegen der Abschied – und gibt es vielleicht trotzdem Dinge, auf die du dich ab Sommer freust?
Rieke Dieckmann: Es fällt mir wirklich maximal schwer. Es ist nicht nur das ein oder zwei Mal am Tag auf dem Trainingsplatz stehen. Es ist für mich viel mehr. Es ist an der Supermarktkasse auf den letzten Sieg angesprochen zu werden oder das Gemeinschaftsgefühl zu haben, wenn unsere U23 ein Nordderby gewinnt. Das mitzufühlen geht weit über den Fußball hinaus. Ich bin nicht nur zum Arbeiten hier in Bremen. In fünf Jahren hat man sich so viel aufgebaut, dass es wirklich schade ist, dass der Weg jetzt endet. Trotzdem freue ich mich auf das, was ab Sommer passiert. Ich kann mir vieles vorstellen. Worauf ich mich definitiv freue: irgendwann wieder zurück nach Bremen zu kommen – und wenn es nur auf einen Kaffee am Deich ist.
WERDER.DE: Was möchtest du deinen Mitspielerinnen, dem Verein und den Fans zum Abschied mit auf den Weg geben?
Rieke Dieckmann: Ich hoffe, dass ihr alle gespürt habt, dass ich immer gerne zu Werder gekommen bin. Dass ich immer mindestens eine gute Sache gesehen habe. Und ich hoffe, dass die Entwicklung genauso weitergeht und dass ihr immer der Verein bleibt, den ich hier vor fünf Jahren vorgefunden habe: bodenständig, familiär. Man ist hier eine Einheit mit allen Mannschaften, mit allen Mitarbeitenden, das ist eine Stadt und ein Verein.
WERDER.DE: Rieke, danke dir für deinen jahrelangen Einsatz für Grün und Weiß und für deine positive Art, alles Gute für dich ab Sommer!
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