Ein Schritt nach dem anderen aus dem Tief

CHRISTIAN SAATHOFF LÄUFT FÜR MENTALE GESUNDHEIT

22.01.26 von Neomi Famulla | 8 Min

Über 800 Kilometer ist Christian Saathoff im vergangenen Jahr von Bremerhaven bis nach München gelaufen – mit einer klaren Mission: Aufmerksamkeit für die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Nun hat der 21-Jährige erneut die Laufschuhe geschnürt und den Weg ins Weserstadion auf sich genommen. Rund 60 Kilometer trennten ihn dabei von Bremerhaven, um das Bundesliga-Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt zu besuchen. WERDER.DE hat mit ihm über seine Reise, seine Motivation und die Botschaft hinter seinem außergewöhnlichen Projekt gesprochen.

WERDER.DE: Moin Christian, schön, dass du hier bist. Du läufst von Stadt zu Stadt, um auf die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aufmerksam zu machen. Wie kam es dazu? 

Christian: Ich habe 2024 Abitur gemacht und bin danach mit einem Kumpel aus einer spontanen Idee heraus mit dem Roller nach Barcelona gefahren. Damals hatte ich schon über einen längeren Zeitraum große Probleme mit meiner mentalen Gesundheit, ich hatte mit Depressionen und Suizidgedanken zu kämpfen. Diese Roller-Tour hat mir geholfen, Resilienz aufzubauen. Rückblickend war das ein Turning-Point in meinem Leben, nach dem ich wusste: Ich will sowas auf jeden Fall nochmal machen. Dieser Gedanke ist während meines Studiums in Bremerhaven dann gereift und so habe ich ein Projekt daraus gemacht, mit meinen Abenteuern auf mentale Gesundheit aufmerksam zu machen.

WERDER.DE: Was bringt dich dazu, das Laufen dafür zu nutzen? 

Christian: Ich war schon immer sportlich, Wandern oder Laufen hatte für mich aber nie eine tiefere symbolische Bedeutung, sondern war vor allem ein Mittel, etwas Neues zu erleben. Jetzt will ich solche Reisen auch mit dem Rad oder anderen Fortbewegungsmitteln machen. Mir geht es darum, Menschen zu zeigen, dass man ruhig etwas chaotischer und spontaner sein darf. Ich habe gelernt: Je ungeplanter so ein Projekt ist, desto besser ist es oft für die mentale Gesundheit, weil Dinge schiefgehen dürfen und man daran wächst. Das will ich in Zukunft noch stärker in meine Abenteuer einbauen.  

WERDER.DE: Woran hast du gemerkt, dass du von einer mentalen Krankheit betroffen bist und wie bist du damit umgegangen? 

Christian: Ich muss ehrlich sagen, dass ich Schwierigkeiten hatte, dieses Loch, in dem ich war, überhaupt anzusprechen. Es gab keinen einzelnen Moment, ab dem ich offen über meine mentale Gesundheit gesprochen habe. Ich glaube, es ist eine Illusion zu denken, das wäre ein Problem, das man einfach mit einem Klick lösen kann. Bei mir war es ein langsamer Prozess, der sich insgesamt über ein halbes Jahr gesteigert hat, sodass ich jetzt ganz offen drüber sprechen kann. Depressionen sind ein sehr schwer greifbares, sehr individuelles Thema, das viel Mut von Betroffenen erfordert - und genau das ist so schwer. Um Menschen zu helfen, braucht es deshalb aus meiner Sicht noch mehr Förderung und Aufmerksamkeit auf das Thema.

WERDER.DE: Gibt es etwas, was du dir als Jugendlicher von deinem Umfeld gewünscht hättest, um besser mit deinen Gefühlen und Gedanken umgehen zu können? 

Christian: Ich hätte mir gewünscht, dass schon in der Schule stärker vermittelt wird, wie man offen über Gefühle und Gedanken sprechen kann. Mir ist das lange schwergefallen, auch weil ich nicht wollte, dass sich meine Familie deswegen schlecht fühlt. Dabei ging es nie darum, jemanden verantwortlich zu machen. Meine Mutter war immer sehr fürsorglich und offen im Umgang mit dem Thema, am Ende lag es aber an mir, ob ich mich öffne oder nicht. Natürlich hilft es, wenn das Umfeld signalisiert, dass man darüber sprechen darf, trotzdem bleibt es eine eigene Entscheidung. Was ich mir wirklich wünsche, sind mehr Präventionsangebote, gerade im Umgang mit Stress und mentaler Belastung. Dafür engagiere ich mich auch politisch. Hilfsangebote wie Depressionstelefone sind wichtig, greifen aber oft erst, wenn die Krankheit schon fortgeschritten ist. Mentale Erkrankungen sind extrem individuell, deshalb muss man so früh es irgendwie geht ansetzen.

WERDER.DE: Woher nimmst du dir deine Motivation in schweren Zeiten? 

Christian: Ich hab immer noch Down-Phasen, die aber heute nicht mehr Monate oder Jahre dauern, sondern meist nur eine kurze Zeit. Oft reicht schon eine Person, mit der man offen sprechen kann – bei mir ist das meine Mama. Ich habe gelernt, über meine Gefühle zu sprechen und merke dadurch wiederum, dass ich schneller aus diesen Tiefs herauskomme. Für mich ist das fast eine Form von Selbsttherapie. Auch die Abenteuer, die ich immer wieder mache, bringen mich auf einen Reset-Point. Das müssen keine großen Projekte sein, manchmal reicht schon eine kleine Auszeit wie eine Kanutour am Wochenende. Das tut mir unheimlich gut. Gleichzeitig bekomme ich viel Rückmeldung von Menschen, denen es ähnlich geht, und genau deshalb versuche ich, solche Aktionen auch gemeinsam mit Bundesliga-Vereinen oder anderen Unternehmen umzusetzen. Es macht Spaß und kann, glaube ich, viele Menschen motivieren.

WERDER.DE: Letztes Jahr bist du von Bremerhaven bis nach München gelaufen. 800 Kilometer quer durch Deutschland. Was war der beste und was war der schlimmste Moment bei deinem 800km-Lauf? 

Christian: Der beste Moment war, als ich in München in der Allianz Arena stand, das war ein sehr ergreifender Moment der Anerkennung. Genauso dankbar bin ich aber auch für die vielen Menschen, die ich unterwegs kennengelernt habe, bei denen ich übernachten konnte oder etwas zu essen bekommen habe. Der schlimmste Moment kam nach dem fünften Tag, als ich heftige Probleme mit dem Sprunggelenk hatte und kurz dachte, vielleicht aufgeben zu müssen, obwohl ich die Botschaft unbedingt weitertragen wollte.

SVW-Geschäftsführer Tarek Brauer (r.) begrüßte Christian nach seinem Lauf im Weserstadion (Foto: W.DE).

WERDER.DE: Wie bist du zu Werder Bremen gekommen? Woher kommt dein Bezug zu Werder Bremen? 

Christian: Ich bin gebürtiger Auricher. In Ostfriesland gibt es sehr, sehr viele Werderfans, so auch meine gesamte Familie. Das Spiel, das ich in der Allianz Arena nach meinem Lauf verfolgt habe, war auch gegen den SVW, da war es für mich ein starker Anknüpfungspunkt, sich als nächstes das Weserstadion als Ziel zu setzen. Ich bin sehr dankbar, dass wir das direkt umsetzen konnten.  

WERDER.DE: Was kann deiner Meinung nach von Vereinen wie Werder Bremen gemacht werden, um auf Anliegen wie deines aufmerksam zu machen? 

Christian: Fußballvereine können dem Thema durch Präsenz und klarer Kommunikation Gewicht verleihen. Noch wichtiger finde ich es aber, dem Thema Mentale Gesundheit auch im Sport mehr Raum zu geben. Im Profifußball braucht es aus meiner Sicht feste Angebote, an die sich Spieler bei Problemen wenden können, ohne Angst haben zu müssen, ihren Traum vom Profisport zu verlieren. Insgesamt geht es darum, präsent zu sein und zu zeigen: Hier kann man sich öffnen. 

WERDER.DE: Wie kann man Kinder und Jugendliche dazu ermutigen, früh über ihre Gefühle zu sprechen, ohne Angst vor Ausgrenzung/Stigmatisierung zu haben?  

Christian: Ich glaube, es ist besonders wichtig, Angebote direkt an den Schulen zu verankern. Schüler*innen sollten frühzeitig darüber informiert werden, welche Unterstützungsmöglichkeiten es bei mentralen Problemen gibt, wie sich psychische Belastungen anfühlen können und dass es in Ordnung ist, offen darüber zu sprechen. Entscheidend ist aus meiner Erfahrung, aktiv auf junge Menschen zuzugehen, ihnen zu zeigen, dass man für sie da ist und konkrete Optionen aufzuzeigen, die helfen können. Das gilt für Eltern genauso: Offenheit, Aufmerksamkeit und Geduld sind zentral. 

WERDER.DE: Was würdest du Jugendlichen raten, die gerade das Gefühl haben, dass „irgendwas nicht stimmt“, aber sich nicht trauen, darüber zu sprechen? 

Christian: Jede*r muss einen eigenen Weg finden, mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Was mir geholfen hat, passt nicht automatisch für jemand anderen. Wenn ich aber einen Rat geben würde, dann wäre es, vermeintlich niederschwellig anzufangen, über Gefühle zu reden und sich einzugestehen: „Mir geht es gerade nicht gut.“ Das ist oft schon der wichtigste erste Schritt. Wenn man damit beginnt, merkt man, ob sich Gespräche ganz natürlich weiterentwickeln und sich vielleicht sogar andere öffnen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es helfen kann, sich bewusst Zeit zu nehmen und etwas Ungewöhnliches zu machen, etwas, das aus dem Alltag herausbricht. Genau das möchte ich Jugendlichen mitgeben: Geht euren eigenen Weg, fangt an, über eure Gefühle zu reden, nehmt euch Auszeiten und traut euch, einfach loszugehen.

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