„Jeder wusste: Wenn ich die Leistung nicht bringe, bin ich weg vom Fenster“
EX-WERDERANER PER MERTESACKER IM INTERVIEW
09.07.26 von Moritz Studer | 4 Min
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Per Mertesacker ist eines der Gesichter, dass Millionen TV-Zuschauer*innen durch die Fußball-Weltmeisterschaft führt. Früher als Protagonist auf dem Rasen, mittlerweile als Experte für das ZDF. Dementsprechend ist der 41-Jährige ein genauer Beobachter des Turniers in Kanada, Mexiko und den USA. Im WERDER.DE-Interview spricht er über die Stimmung im Studio nach dem deutschen WM-Aus, Werder-Neuzugang Cedric Itten und was von diesem Turnier bleiben wird.
WERDER.DE: Moin Per, der SPIEGEL hat dich in seinem Experten-Ranking gemeinsam mit Christoph Kramer als altes Ehepaar bezeichnet. Hat das Magazin da einen Punkt?
Per Mertesacker: Das habe ich so noch nicht gehört (schmunzelt). Aber das hat ja auch viele positive Seiten. Denn ein altes Ehepaar hat gemeinsam viel erlebt und kann sich auch im Alter immer noch foppen. Eigentlich finde ich das aber nicht, weil wir uns beide auch noch sehr jung fühlen.
WERDER.DE: Als ZDF-Experten seid ihr eben genau dafür bekannt, euch gegenseitig den einen oder anderen Spruch um die Ohren zu pfeffern. Ist das das Geheimnis eurer TV-Beliebtheit?
Per Mertesacker: Ja, ich glaube schon. Wichtig ist dabei zu wissen, dass wir uns wirklich gut verstehen. Das ist jetzt das vierte Turnier, das wir gemeinsam begleiten und wir machen in dieser Zeit wirklich viel zusammen. Wir machen gemeinsam viel Sport und ernähren uns gesund – da ist der Profi in uns beiden geblieben. Wir sind froh, gemeinsam die Zeit zusammen zu verbringen und versuchen das Beste herauszuholen. Dass jemand beleidigt aus einer Sendung gegangen ist, hat es noch nicht gegeben.
WERDER.DE: Mit WERDERFRAUEN-Cheftrainerin Fritzy Kromp und Christian Streich seid ihr beim ZDF mit vier Expert*innen im Einsatz. Wer war beim Ausscheiden gegen Paraguay hinter den Kulissen am emotionalsten?
Per Mertesacker: Aufgrund des Elfmeterschießens war dafür gar nicht viel Zeit. Der Vorhang ist gefallen und wir sind sofort auf Sendung gegangen. Während des Spiels war es sehr ruhig, dann hat eine gewisse Schockstarre geherrscht. Wenn du als Deutschland im Sechzehntelfinale ausscheidest, dann gehen dir direkt die Konsequenzen durch den Kopf. Müssen der Bundestrainer oder auch Spieler zurücktreten? Diesen Themen muss man sich stellen und sie als Experte einordnen. Ich versuche diese Dinge besonnen zu analysieren. Natürlich ist es aber auch für uns das ideale Szenario, wenn Deutschland so weit wie möglich kommt und wir größtenteils positive Geschichten erzählen können.
WERDER.DE: Das Turnier begibt sich langsam auch unabhängig von der deutschen Mannschaft in den Schlussspurt. Was glaubst du wird von dieser WM in Erinnerung bleiben?
Per Mertesacker: Es gab schon ein paar Skandale (lacht). Die zurückgenommene Rote Karte (Anm. d. Red.: eine Sperre von US-Angreifer Folarin Balogun wurde aufgehoben) hängt schon sehr nach. Vielleicht sackt das ein wenig ab, jetzt wo die USA ausgeschieden ist. Es gab aber ein paar Entscheidungen der FIFA, die fragwürdig waren. Aus sportlicher Sicht ist schon zu sehen, dass noch sechs europäische Teams im Viertelfinale dabei sind. Frankreich und Spanien sind zum richtigen Zeitpunkt auf ihrem sportlichen Höhepunkt. Dazu bleibt auch hängen, dass Messi, Haaland, Kane und Mbappé alle geliefert haben. Es war bisher eine WM der Superstars.
"Wenn ein Spieler unter Druck liefert, kann ihn jede Mannschaft gebrauchen – das hat Cedric getan."
Per Mertesacker
WERDER.DE: Er ist zwar noch kein Superstar: Aber mit Cedric Itten ist ein Werder-Neuzugang mit der Schweiz im Viertelfinale gegen Argentinien dabei. Lohnt es sich aus grün-weißer Sicht, den Wecker zu stellen?
Per Mertesacker: Bei den Schweizern hat sich ein gewisser Stamm entwickelt, sodass er wahrscheinlich wieder von der Bank kommen wird. Wenn Werder so einem Turnier wieder etwas mehr dem Stempel aufdrückt, ist das schön zu sehen. Die Erfahrung in einer Situation wie im Elfmeterschießen gegen Kolumbien Verantwortung zu übernehmen, ist unglaublich wichtig. Wenn ein Spieler unter Druck liefert, kann ihn jede Mannschaft gebrauchen – das hat Cedric getan. Ansonsten hat mir sehr imponiert, dass die Schweizer sehr bemüht sind, das Spiel in ihrem Rahmen zu kontrollieren.
WERDER.DE: Apropos Nationalspieler bei Werder - du bist im August vor 20 Jahren nach Bremen gewechselt. Damals hast du mit vielen anderen Teamkollegen eine Generation der Nationalmannschaft geprägt. Was hat euch damals ausgezeichnet?
Per Mertesacker: Nach meinem Wechsel aus Hannover nach Bremen waren Torsten Frings, Tim Borowski oder Miroslav Klose die Spieler, an denen ich mich sofort anlehnen konnte. Es gab bei der Nationalmannschaft schon lange einen Bayern-Block, damals kam aber auch ein Werder-Block dazu. Trotzdem war im Training viel Dampf und Feuer drin. Jeder wusste: Wenn ich meine Leistung nicht bringe, bin ich weg vom Fenster. Daraus hat sich über Jahre eine Einheit geformt, die auch über schmerzhafte Niederlagen einen Erfahrungsschatz gesammelt hat, der das Fundament für den Weltmeister-Titel 2014 gelegt hat. Das hat sich über Jahre aufgebaut und war nicht von 0 auf 100 gegeben.
WERDER.DE: Welche Zutaten braucht es, um jetzt eine neue erfolgreiche Generation zu bilden?
Per Mertesacker: Wir hatten damals eine Achse von fünf, sechs Spielern, die zur richtigen Zeit vorangegangen sind. Das wird heute oft auch bei anderen Nationen unterschätzt. Nicht nur, als Mannschaft eingespielt zu sein, sondern auch ein Mannschaftsgefüge zu bilden. Als Deutschland ist es wichtig, dass wir unsere Werte leben, und das haben wir immer über die Gemeinschaft gemacht. Wir brauchen Topleistung auf Vereinsebene und Nationalspieler, die widerstandsfähig sind und wissen, worum es geht. In jedem Umbruch steckt eine gewisse Chance und wir können da auch wieder hinkommen. Im Hintergrund wir daran ja auch schon daran gearbeitet, dass auch die richtigen Personen dazu kommen, um das ganze anzuführen.
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WERDER.DE: Du hast deine Aufgabe als Nachwuchsleiter beim FC Arsenal zum Saisonende niedergelegt und kürzlich deine Bereitschaft signalisiert, dir auch eine Tätigkeit beim DFB vorstellen zu können. Was ist dir wichtig für deine künftige Aufgabe?
Per Mertesacker: Ich habe im Moment eine schöne Aufgabe beim ZDF und werde danach die nächsten Schritte mit meiner Familie besprechen. Nach sieben Jahren als Spieler und acht Jahren als Akademie-Leiter bei Arsenal möchte ich die Möglichkeit nutzen, in Ruhe zu reflektieren. Beim DFB sind mit Bernd Neuendorf, Rudi Völler und Andreas Rettig gute Köpfe am Werk, die schon klare Kante gezeigt haben. Die Zeichen sind auf Umbruch. Und zu meiner Person: Ich halte mich zurück, mache meine Berichterstattung und überlege mir in Ruhe, wie es weitergeht. Es muss auch immer Gehör finden und Interesse von der anderen Seite geben.
WERDER.DE: Bleiben wir bei deiner Expertise aus acht Jahren Nachwuchsfußball auf der Insel. Warum gelingt es England in der jüngsten Vergangenheit besser, Unterschiedsspieler auszubilden?
Per Mertesacker: Unser Hauptaugenmerk lag auf der individuellen Entwicklung und nicht auf irgendwelchen Ergebnissen. Das hat auch dazu geführt, dass wir Spieler entwickelt haben, die charakterlich auf der Höhe sein müssen. Gleichzeitig haben wir uns die Freiheit genommen, auf Entwicklungsschübe reagieren zu können. Wir sind immer auf Spieler und ihre Qualitäten immer mit einer Wertebasis eingegangen. Wenn ein Spieler in den Profibereich kommt, kann es sein, dass er drei Monate auf seinen ersten Einsatz wartet. Wenn er bis dahin den einfachsten Weg hatte, ist das nicht fördernd. Zur fußballerischen Ausbildung gehört immer auch die Persönlichkeitsausbildung – diese Schiene haben wir gefahren und damit unsere größten Erfolge gefeiert.
WERDER.DE: Du selbst musst auf deinen nächsten Einsatz nicht mehr so lange warten, denn im September steht das 100 Jahre Weserstadion Legendenspiel gegen Real Madrid an. Warum kommst du immer wieder gerne zu diesen Anlässen nach Bremen?
Per Mertesacker: Immer, wenn ich in Bremen ankomme, habe ich das wohlige Gefühl einer zweiten oder dritten Heimat. Ich habe wirklich fünf fantastische Jahre hier gehabt. Die Stadt ist so grün-weiß infiziert und trotzdem hatten wir unsere Freiräume. Ich habe es dort sehr gemocht und mich toll weiterentwickelt. Der Verein hat mir so viel gegeben, dass ich mich sehr freue, wenn ich einen kleinen Beitrag zurückgeben kann.
WERDER.DE: Du hast dich in deiner Karriere mit vielen großen Spielern gemessen. Mit wem würdest du bei diesem Spiel gerne dein Trikot tauschen?
Per Mertesacker: Ich freue mich auf Ivan Klasnic. Als ich noch gegen ihn gespielt habe mit Hannover, war er einer der besten Knipser, den ich im 16er je erlebt habe. Bei Real Madrid kommt es natürlich darauf an, wer dabei ist. Vielleicht Raul oder Iker Casillas, mit dem ich einige Schlachten zwischen Spanien und Deutschland geschlagen habe – auch wenn wir häufig den Kürzeren gezogen haben. Bei so einem historischen Verein mit so vielen Legenden freue ich mich aber auf jeden, der kommen mag.
WERDER.DE: Wir uns auch. Vielen Dank für das Gespräch, lieber Per!
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