"Wir haben viel Widerstandsfähigkeit bewiesen"
CHEFTRAINER DANIEL THIOUNE IM SAISONABSCHLUSSINTERVIEW
22.05.26 von Fiona John | 5 Min
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Daniel Thioune kam mit einem primären Ziel an die Weser: der Klassenerhalt. Das ist dem Cheftrainer mit seiner Mannschaft am vorletzten Spieltag gelungen. Am Ende trennen den SV Werder sechs Punkte vom Abstieg. Im Saisonabschlussinterview spricht der Fußball-Lehrer über seine Rolle in den nicht mal vier Monaten seiner Amtszeit, seine Ansätze für eine erfolgreichere neue Saison und darüber, wie die Akkus wieder geladen werden.
WERDER.DE: Daniel, du hast immer offen gesagt, Samstag, 15.30 Uhr – die Bundesliga – ist dein Traum. Wie fühlt sich dein Traum bisher an?
Daniel Thioune: Ich lebe meinen Traum. Wenn man im Leistungssport unterwegs ist, will man so hoch wie möglich arbeiten und seinen Traum verwirklichen. Das ist mir als Spieler nicht gelungen, da klebte ich in der 2. Liga fest. Jetzt habe ich mir den Traum von 15.30 Uhr erfüllt.
WERDER.DE: Stimmen Vorstellung und Realität deines Traums überein?
Daniel Thioune: Ja, das muss ich schon sagen. In der 2. oder 3. Liga ist man ja nicht ganz weit weg vom großen Fußball, aber die Bundesliga ist nochmal eine andere Dimension. Es ist medial deutlich größer, die Anfragen sind größer und auch der Druck ist größer, weil es um sehr viel geht. Es ist ein Privileg, die besten Spieler Deutschlands zu sehen und sich mit großen Vereinen messen zu dürfen. Ich habe es genossen Stadien kennenzulernen, die ich noch nicht gesehen habe. Es hat gutgetan, in den ersten vier Monaten anzukommen. Ich sehe es als Startschuss und freue mich auf das, was noch kommt.
WERDER.DE: Als du vor knapp vier Monaten an den Osterdeich gekommen bist, stand der SVW mit einem Punkt Vorsprung vor dem Relegationsrang auf Platz 15 und steckte in einer langen Sieglos-Serie. Was hast du hier vorgefunden?
Daniel Thioune: Ein Stück weit Unzufriedenheit, was in der Situation normal ist. Die Mannschaft kam aus einer langen Serie von Spielen, die sie nicht gewonnen hat. Da war natürlich kein Selbstvertrauen. Wenn man in einer Abwärtsspirale steckt, sieht man eher Probleme statt Lösungen. Ich habe es mit einem Stein verglichen, der den Berg runter rollt. Diesen Stein gilt es erstmal abzubremsen. Das ist uns in den ersten Wochen gelungen – im Ergebnis nicht, aber inhaltlich. So haben wir es geschafft, das Ganze aufzuhalten.
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WERDER.DE: Der SVW hat sich bei der Trainerwahl zwar gegen den klassischen Feuerwehrmann und die dementsprechend bekannten Namen entschieden, dennoch war deine Aufgabe in den ersten Wochen augenscheinlich genau diese. Wie hast du das wahrgenommen?
Daniel Thioune: Der Prozess, in dem ich mich gegen den ein oder anderen Kollegen durchgesetzt habe, war geprägt von dem Vertrauen, dass mir die Geschäftsführung geschenkt hat. Man kann den klassischen Feuerwehrmann suchen, den entwickelnden Trainer oder den Erfahrenen. Oder man zahlt auf die Zukunft ein. Für mich war die Situation ähnlich, wie vor ein paar Jahren in Düsseldorf oder Osnabrück. Es war mein Ziel, allen zu beweisen, dass ich damit umgehen kann. Ich habe immer gesagt, ich weiß nicht, ob ich die erste Wahl bin. Aber am Ende möchte ich, dass die Leute darüber reden, dass ich vielleicht die beste Wahl für die Situation gewesen bin.
WERDER.DE: Du hast es angesprochen, in deinen ersten Wochen lief es ergebnistechnisch schwierig, nach der Niederlage auf St. Pauli haben viele die 1. Liga im nächsten Jahr schon abgeschrieben. Dein Traum hätte sich beinahe als Albtraum entpuppt. Wie ist die Trendwende noch gelungen?
Daniel Thioune: Ich habe mich im Vorfeld mit der Situation zum Start auseinandergesetzt. Dass man gegen Freiburg und Bayern verlieren darf. Gegen St. Pauli war das erste Mal die Frage: Was hat der Trainer bewirkt? Hat er ausreichend Erfahrung? Kann er mit der Situation umgehen? Ich habe den Jungs mitgegeben, Themen auszublenden, sich auf sich selbst zu konzentrieren und sich auf ihren Selbstwert zu besinnen. Mit der Hilfe des Stadions und der Fans war das Spiel gegen Heidenheim die Initialzündung, das die Energie wieder freigesetzt hat. Wir haben gesehen, dass wir deutlich mehr können, als Fußballspiele zu verlieren.
"Wir waren nicht besser als Rang 15. So ehrlich muss man sein."
WERDER.DE: Du hast vielen Spielern, die auch individuell in einer schlechten Phase waren, neues Vertrauen geschenkt. Wie wichtig ist das für die Jungs und das Team insgesamt?
Daniel Thioune: Ich versuche zu helfen und auf Augenhöhe zu agieren, wertschätzend und respektvoll zu sein. Ich habe versucht, den Jungs die Energie zurückzugeben, die verloren gegangen ist. Fußballspielen können sie alle. Dann griff ein Rädchen ins andere. Wenn man etwas platziert und das zum Erfolg führt, hat man die Chance, dass das Selbstvertrauen wieder wächst. Aber auch das Vertrauen in meine Person und meine Arbeit. Nach dem St. Pauli-Spiel wurden die Stimmen schon lauter, dass es mit der Bundesligazugehörigkeit enden könnte. Wir haben so viel Widerstandsfähigkeit bewiesen. Dass man am Ende mit sechs Punkten Vorsprung die Klasse hält, hätte jeder nach der Partie auf St. Pauli unterschrieben. Wir sind dann nicht zufrieden, aber glücklich aus der Saison gegangen.
WERDER.DE: Am Ende steht Platz 15. Wie kann man das Ergebnis einordnen?
Daniel Thioune: Realistisch. Wir waren nicht besser als Rang 15. So ehrlich muss man sein. Ich habe immer betont, dass die Tabelle am letzten Spieltag zählt und auch nicht lügt. Wir haben über das ganze Jahr nicht nur gute Entscheidungen getroffen und gesehen, dass wir in vielen Bereichen defizitär unterwegs waren. Da gilt es jetzt anzusetzen. Wir hatten bisher eine gute Saisonanalyse, befinden uns noch in dem Prozess und müssen Dinge verändern. Wir müssen ein anderes Gesicht und eine andere Idee zeigen.
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WERDER.DE: Was nimmt man an positiven Dingen aus der negativen Spielzeit mit?
Daniel Thioune: Ich habe, auch als ich Werder in der Vergangenheit aus der Ferne beobachtet habe, immer gesehen, dass die Werder-Familie immer zusammensteht, wenn es schwer wird. Ich habe die Heidenheim-Partie gerade erwähnt, was vorher im Stadion los war, dann im Anschluss an das Nordderby. Das müssen wir mitnehmen. Die Fans haben Lust, wieder attraktiveren Fußball zu sehen. Der fängt nicht damit an, dass wir den Gegner auseinander spielen, sondern dass jeder das Gefühl bekommt, dass auf dem Platz eine Truppe steht, die sich zerreißt. Dann springt der Funke wieder häufiger vom Rasen auf das Publikum über. Daraus kann man Spielsituationen entwickeln, die attraktiv sind, die dazu führen, dass wir wieder mehr Tore schießen. Das ist in dieser Saison fast gar nicht gelungen und daher ein klarer Auftrag für die Zukunft.
WERDER.DE: Jetzt in der Sommerpause steht ein großer Umbruch bevor. Wie sehr beeinflusst das deine Arbeit als Trainer?
Daniel Thioune: Es ist wichtig, dass ich in den Prozess eingebunden bin, das klappt sehr gut. Wir bewerten aktuell noch, was gut ist und was nicht so gut war. Was in der Zukunft darauf einzahlt, wieder erfolgreich zu sein. Dann wird es Kaderveränderungen geben, das bleibt nicht aus. Wir werden sicher gute, aber auch schwere Entscheidungen treffen müssen. Das Ziel wird sein, den Kader frühzeitiger zusammenzustellen, als in der vergangenen Saison. Da arbeiten gerade alle fleißig dran. Wir befinden uns auf einem guten Weg.
WERDER.DE: Der Abgang von Leonardo Bittencourt stand bereits fest bevor du gekommen bist, du sagst es wird weitere Kaderveränderungen geben. Wie wichtig ist es, gerade den neuen Spielern, aber auch denen, die schon da sind die Werder-Identität einzuprägen?
Daniel Thioune: Das ist sehr wichtig. Das war ein Tool, das wir vor dem Nordderby genutzt haben. Ich habe im Vorfeld der Partie gehört, dass die Mannschaft vor dem Hinspiel nicht in diesem Derby-Modus war. Wir müssen alle Spieler dafür sensibilisieren, was der SV Werder Bremen ist und wie hoch die Identifikation ist und sein darf. Jeder Spieler muss das Gefühl haben, dass er etwas einbringen kann. Dass es etwas Besonderes ist, unsere Farben zu tragen. Darum geht es in erster Linie: Wir brauchen Jungs, die das W mit sehr viel Freude auf der Brust tragen, aber auch um die Verpflichtung wissen, die sie haben.
"Es muss eine Handschrift erkennbar sein, die im Einklang mit der Mannschaft steht."
WERDER.DE: Lass uns den Blick nach vorne werfen. Was hat in dieser Saison gefehlt? Woran konntest du bislang noch nicht arbeiten?
Daniel Thioune: An der Idee, wie die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, erfolgreicher zu sein. Ich bin in eine Situation gekommen, die sehr anspruchsvoll war. Wir hatten viele Verletzte. Da musste man sehr viele Kompromisse eingehen. Das wollen wir nicht mehr. Daher ist es wichtig, dass wir in diesem Prozess näher zusammenrücken und die Idee vom Fußball im Sommer eine andere sein kann. Dass es darum geht, dass man wieder fußballerisch ins letzte Drittel kommt, statt mit dem langen Ball. Es muss eine Handschrift erkennbar sein, die im Einklang mit der Mannschaft steht.
WERDER.DE: Wo wird die Thioune-Handschrift als erstes zu lesen sein?
Daniel Thioune: Ich habe immer über Haltung gesprochen. Es darf und muss ein Privileg sein, bei Werder Fußball spielen zu dürfen. Das muss erkennbar sein – in dem Augenblick, wo ich auf dem Platz stehe. Da geht es nicht ausschließlich um Qualität, sondern um Bereitschaft, um Wille, darum zu zeigen, dass man alles dafür tut, erfolgreich zu sein. Es geht erstmal darum, ein vernünftiges Selbstbild abzugeben. Wie wir sind, wer wir sind. Darüber hinaus wollen wir natürlich – auch zahlenmäßig – mal wieder vorne auf der Anzeigetafel stehen.
WERDER.DE: Jetzt heißt es erstmal Akkus aufladen. Wie verbringst du deine Sommerpause und welche Rolle spielt die Fußball-WM im Hause Thioune?
Daniel Thioune: Ich bin mit vollen Akkus gekommen und konnte sie in den Phasen, wo es gut lief, immer wieder laden. Aber jetzt – so ging es allen – war die mentale Herausforderung groß. Um nun wieder zu laden werde ich mich mit meiner Familie zurückziehen, an einen Ort mit weniger Trubel, auf einer Insel in der Sonne. Da kann ich mir Gedanken machen, was man besser machen kann und mich selbst reflektieren. Die Weltmeisterschaft werde ich als Konsument verfolgen, der deutschen Nationalmannschaft die Daumen drücken und mich darüber freuen, dass Marco Friedl und Romano Schmid mit Österreich teilnehmen. Es ist schön für uns alle, dass es zwei Spieler trotz der schwierigen Saison geschafft haben, in den WM-Kader berufen zu werden. Mit Yukinari Sugawara haben wir einen dritten Spieler, auch wenn seine Zukunft noch offen ist. Natürlich sind auch ihm und Japan die Daumen gedrückt.
WERDER.DE: Vielen Dank für die Zeit!
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