Oberliga Nordwest: Braunschweig ist nicht Brasilien

21.01.26 von Olaf Steffens

Reiner Franke - verdiente Schachfachkraft bei Werder 3

Mit einem schwer ertüftelten 5:3- Erfolg bei Braunschweig-Gliesmarode hat sich Werder 3 etwas Abstand auf die eher unbeliebten Abstiegsplätze verschafft. Die zwei wichtigen Mannschaftspunkte für das Team von Kapitano Buchale stellten sich allerdings erst nach einem mehr als kuriosen Spielverlauf ein.

Zunächst lief beim Berichterstatter einiges schief an diesem Ligasonntag: beim Hantieren im Automobil riss meine alte Jacke auf ganzer Breite ein – nicht gut.

Meine Kamera machte plötzlich nur noch stark herangezoomte Bilder – beunruhigend.

Und im Braunschweiger Turniersaal ging irgendwann früh in der Begegnung das Kaffeepulver aus – traumatisch!

Temporär rare Ware in Braunschweig

Solchermaßen mental angepackt, fand ich zunächst nicht gut ins Spiel und buddelte lange nach meinem Fokus (wenn es so etwas denn gibt). Auch der Rest der coolen Werder-Gang hielt seine Karten und Trümpfe bedeckt – eher mochte man mutmaßen, dass wir nirgendwo so richtig gut und nirgendwo so richtig schlecht standen.
4 : 4 also? Und über eine Stunde kein Kaffee im Spiellokal?

Dann aber wurde es 14:25 Uhr, und: Sensation! Erdrutschsiege! Oder, wie Stephan sich erinnerte:

„Ich gewann meine Partie und ging hinüber zu Peter, der an seinem Brett ebenfalls gerade gewonnen hatte. Und als ich ihm gratulierte, gab auch Olafs Gegner gerade auf.“

Drei Punkte fast im selben Augenblick! Und nur fünf Minuten später erhöhte GM Gennadiy mit seinem Sieg auf 4:0 – dem nach weiteren fünf Minuten und um 14:35 Uhr direkt das 5:0 von David Lobzhanidze folgte.

Boah. Irre. Was war hier los? Es fühlte sich an wie Deutschland – Brasilien im großen Halbfinale der Fußball WM 2014 – mit fünf deutschen Toren in sieben Minuten!

5:0 im WM-Halbfinale – hier geht es zum Video mit allen Toren!
Und so ein 5:0 als Zwischenstand, das nahmen wir natürlich gerne. Indes, es schien zu hoch, denn – siehe oben – unsere Gastgeber hatten zwar zeitweilig ihr Kaffeepulver verschossen, doch reichlich passable Stellungen auf den Brettern gehabt, und waren nur irgendwie vom Wege abgekommen.
Es zeigte sich schon bald – Braunschweig ist nicht Brasilien, und anders als der deutsche WM-Gegner vor elf Jahren kämpften sich die Braunschweiger Löwen mit Verve und Ausdauer noch einmal zurück.

Erst unterlag Daniel Chitsazian nach einem trickreichen und etwas unglücklichen Figurenverlust gegen den jungen Rohat Seyrek. Dann ackerte Max gegen FIDE-Meister und Lichtgestalt Christian Clemens (85 Jahre!) ein wenig zu ambitioniert und verlor die Partie aus seinen Händen.
Und schließlich – Prof Reiner, erst kurzfristig am Vortag als Ersatzmann eingesprungen, bekam es mit dem niedersächsischen Energiebündel Matthias Horn zu tun, der Reiner Stunde um Stunde belauerte, abklopfte, prüfte, und in der Verlängerung schließlich den minimalen Vorteil mit energischem Spiel gekonnt zum Sieg verwandelte. Chapeau!

Da ging nichts gegen an – und Braunschweig war in einem Mannschaftskampf mit acht (!) entschiedenen Partien noch einmal deutlich herangekommen. Gut, dass wir vorher schon fünf Punkte gesammelt hatten!

Clemens – Weidenhöfer: Hier wurde manövriert
Reiner Franke sondiert die Stellung – und seinen Gegner

Die Gewinnpartien unserer beiden grün-weißen Titelträger David und Gennadiy ergaben sich dabei aus einer klugen Abwartestrategie und dem meisterhaften Ausnutzen kleinerer Ungenauigkeiten. Bei Peter sorgte ein Springer auf b2 ebenso für Aufsehen wie das frühe g7-g5 seines Gegners – am Ende aber holte FM Lichman mit viel Übersicht bereits den vierten Punkt in dieser Saison.

Stephan walkte seinen alten Braunschweiger Schachfreund Michael Cichy beidhändig und geduldig durch, kitzelte mal am Damenflügel, zwickte auch am Königsflügel, und DANN, als niemand damit rechnete, öffnete er fix die linke Seite und erwischte Cichy dort ganz auf dem falschen Fuß. (Beide kennen sich bereits seit ihrer Jugend – und doch, so Stephan, war es die erste Turnierpartie, die sie in all den Jahren spielten.)

An meinem Brett dagegen kam es nach einem bunten Eröffnungsreigen zu einem Springeropfer auf f2, das ich mit Absicht, einiger Zuversicht, aber sträflich wenig Umsicht spielte.

Mein Gegner Wolfgang Löber sammelte zu Recht gleich noch eine zweite Figur ein, wenngleich um den Preis eines herumschwirrenden Königs – und ein ungenauer Zug bei knapperer Zeit ließ die Partie dann zu meinen Gunsten kippen. Uff …

Werder 3 steht nun ganz gediegen im Mittelfeld der Tabelle, nur einen Punkt hinter den Unionisten aus Oldenburg, unserem nächsten Gegner. Lokalderby. Wir freuen uns drauf!

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