„Für einen kurzen Moment die Alltagssorgen vergessen“
CEDRIC MAKIADI IM INTERVIEW ÜBER DEN KONGO BEI DER WELTMEISTERSCHAFT
01.07.26 von Moritz Studer | 5 Min
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Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist zwar ausgeschieden und trotzdem fiebern viele Menschen im Land bei der Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA fleißig mit. Dazu zählt auch U23-Cheftrainer Cédric Makiadi, der 26 Länderspiele für die Demokratische Republik Kongo bestritt. Die Kongolesen stehen zum ersten Mal in einer WM-K.o.-Runde und im Hause Makiadi gibt es bei den Spielen ein besonderes Ritual, wie er im WERDER.DE-Interview verrät.
WERDER.DE: Moin Cédric, wie viel Schlaf hat dich diese Fußball-Weltmeisterschaft bislang gekostet?
Cédric Makiadi: Ich sage mal so – ich versuche ausreichend zu schlafen, damit ich meiner Arbeit mit der U23 vernünftig nachgehen kann. Bei bestimmten Spielen nehme ich das aber ein wenig in Kauf, weil eine Weltmeisterschaft ein großes Ereignis ist.
WERDER.DE: Als die Demokratische Republik Kongo in die K.o.-Runde eingezogen ist, war es hierzulande 3.20 Uhr. Wie können wir uns deinen Torjubel um diese Zeit vorstellen?
Cédric Makiadi: Genau das Spiel habe ich tatsächlich nicht geschaut, weil wir am nächsten Tag vormittags trainiert haben. Deswegen habe ich mich für die Highlights entschieden, damit ich ausgeruht bin und Qualität auf den Trainingsplatz bringen kann. Am nächsten Morgen habe ich aber als erstes nach dem Ergebnis geschaut und dann war die Erleichterung und der Stolz natürlich riesig.
WERDER.DE: Der Kongo ist erst das zweite Mal bei einer WM dabei – zuletzt vor 52 Jahren. Welche Bedeutung hat der Fußball und das aktuelle Turnier für das Land?
Cédric Makiadi: Der Erfolg bedeutet eine Menge! Der Kongo ist eine fußballverrückte Nation. Ich war als Spieler selbst dabei, als wir 2015 beim Afrika Cup die Bronze-Medaille geholt haben. Schon damals haben die Menschen über nichts anderes gesprochen – die Bühne der Weltmeisterschaft ist nochmal größer.
WERDER.DE: Bekommst du von der Stimmung im Land denn noch viel mit?
Cédric Makiadi: Ich telefoniere täglich mit Verwandten im Kongo und bekomme immer die Rückmeldung, was dort los ist. Die Freude im Land ist einfach unglaublich groß. Den Menschen bedeutet es so viel, dass sie für kurze Zeit ihre Alltagssorgen vergessen können.
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WERDER.DE: Du selbst bist in Kinshasa geboren, dein erster Fußballverein war aber mit neun Jahren der Post SV Lübeck in Deutschland. Wie waren vorher deine ersten Berührungspunkte mit dem Fußball im Kongo?
Cédric Makiadi: Ich habe dort die ersten acht Jahre meines Lebens gelebt und wie viele andere Kinder auch auf der Straße gespielt.
WERDER.DE: Heute wird im Fußball häufig von der Straßenfußballmentalität gesprochen.
Cédric Makiadi: Ohne Vorschriften und Regeln zu spielen, prägt dich schon. Du machst, worauf du Last hast aus Freude zum Spiel und trainierst nicht eine bestimme Technik. Dabei trainierst du unterbewusst Dinge, die dir später in deiner Entwicklung guttun.
WERDER.DE: Bei dir sind daraus später 26 Länderspiele für dein Heimatland geworden. Du hast schon angesprochen, dass ihr 2015 Dritter beim Afrika Cup geworden seid. Welche Bedeutung hat deine Nationalmannschaftskarriere für deine Laufbahn?
Cédric Makiadi: Es bedeutet mir schon viel, dass ich ein Land stellvertretend in einer Sportart repräsentiert habe, an der so viele Menschen hängen. Dann waren wir auch noch erfolgreich. Wenn du es schaffst, für dein Land Spiele zu machen, gibt es nichts Größeres.
WERDER.DE: In dieser Zeit hast du gemeinsam mit dem aktuellen Kapitän Chancel Mbemba gespielt, der mittlerweile der Rekordnationalspieler des Kongos ist. Was ist er für ein Typ?
Cédric Makiadi: Ich kenne ihn natürlich noch als jüngeren Spieler, als ich selbst zu den erfahreneren gezählt habe. Er war damals schon hochmotiviert und hat sich sehr über seine Zweikampfstärke sowie aggressive Spielweise definiert. Dass er über die vielen Jahre immer noch in der Nationalmannschaft und nun sogar Rekordspieler ist, spricht für seine Arbeitsweise und seinen Charakter.
"Bei der WM ist klar zu sehen, dass viele Mannschaften aufgeholt haben."
Cédric Makiadi
WERDER.DE: Ein Großteil des Kaders ist im europäischen Vereinsfußball zu Hause und reist um die 6.000 Kilometer zum Nationalteam. Wie anstrengend sind diese Strapazen?
Cédric Makiadi: Es geht tatsächlich. Wir haben die glückliche Situation, dass die Zeitzonen nicht so verschieden sind. Natürlich ist es schwierig, wenn du im Flieger nicht in den Schlaf findest. Trotzdem gibt es da noch andere Nationen, die sich ganz anders durch die Zeitzonen bewegen.
WERDER.DE: Die Heimreise möchte der Kongo möglichst noch weiter aufschieben: Im Sechzehntelfinale sind sie aber der klare Underdog gegen England. Warum hast du trotzdem Hoffnungen auf eine Überraschung?
Cédric Makiadi: Bei der WM ist klar zu sehen, dass viele Mannschaften aufgeholt haben. Die klassischen, kleinen Nationen gibt es in der Häufigkeit nicht mehr. Deutschland hat auch erleben müssen, was mit taktischer Disziplin und Zusammenhalt möglich ist – und genau das werden wir auch brauchen. Auf dem Papier hat England die besseren Einzelspieler, aber das ist noch kein Garant für den Sieg. Wir müssen leidensfähig auf dem Platz sein und das stimmt mich optimistisch, dass wir eine Überraschung landen können.
WERDER.DE: Wenn der Ball später rollt. Was darf bei dir beim Fußball schauen nicht fehlen?
Cédric Makiadi: Tatsächlich gibt es bei uns zuhause eine witzige Tradition. Wenn der Kongo spielt, streife ich meiner Frau, meinen Kindern und mir meine alten Nationalmannschaftstrikots über und wir sind dann an dem Tag alle Fans für den Kongo. So wird es heute dann auch sein.
WERDER.DE: Das klingt nach einer sehr schönen Tradition. Vielen Dank für das Gespräch, Cédric!
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