„Krass, das zu sagen, aber ich bin dankbar für die Erfahrung“
MITCHELL WEISER IM INTERVIEW NACH SEINER TRAININGSRÜCKKEHR
27.07.26 von Moritz Studer | 5 Min
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Der Tag X ist nun über ein Jahr her. Am 16. Juli 2025 riss sich Mitchell Weiser im Mannschaftstraining das Kreuzband. Er machte eine Erfahrung, die er aus seiner bisherigen Laufbahn noch nicht kannte. Im Zillertal-Trainingslager kehrte Weiser teilintegriert ins Training zurück, sein Prozess ist damit aber noch nicht abgeschlossen. Der 32-jährige Außenbahnspieler verrät im WERDER.DE-Interview, warum er seine Verletzung als „letztes Puzzlestück“ sieht, bei welchen Fußballern er sich über ihren Reha-Prozess erkundigt hat und was er für den Rest seiner Karriere mehr genießen will.
WERDER.DE: Moin Mitch, du hast die freien Nachmittage im Zillertal genutzt, um Golf zu spielen. Warst du zufrieden mit deiner Performance?
Mitchell Weiser: Tatsächlich ja (schmunzelt). Das lief ganz gut. Wir spielen ja eher gegen uns selbst als gegen den Anderen. Ich war auf jeden Fall ganz zufrieden.
WERDER.DE: Auf dem Golfplatz spielt auch Geduld eine Rolle. Bist du ein geduldiger Mensch?
Mitchell Weiser: Es geht. Mal mehr mal weniger.
WERDER.DE: Aufgrund deines Kreuzbandrisses musstest du lernen geduldig zu sein.
Mitchell Weiser: Ich war mir schon bewusst, dass es eine lange Zeit dauern wird. Natürlich gibt es aber die eine oder andere Situation, in der du ungeduldig bist. Du fragst dich: Warum dauert es so lange? Warum fühlt es sich immer noch nicht gut an? Ich habe mich zwar nicht gestresst, ein großes Ziel war aber schon, letzte Saison noch zurückzukehren. Als das nicht geklappt hat, war ich schon in einem kleinen Loch.
WERDER.DE: Mit etwas Abstand: War es im Nachhinein vielleicht sogar gut, dass du dir mehr Zeit genommen hast?
Mitchell Weiser: Ja, so sehe ich das mittlerweile. Mein Anspruch an die Reha war schon nahe an der Perfektion. Das war vielleicht ein Fehler, so an die Sache heranzugehen. Es war schwer zu akzeptieren, nicht mehr in der letzten Saison zu spielen. Im Nachhinein betrachtet hat mir mein Körper das Zeichen gegeben, dass es zu früh ist. Jetzt habe ich ein ganz anderes Gefühl als noch vor drei Monaten.
WERDER.DE: Der Körper macht im Leistungssport viel mit. Du bist lange ohne größere Verletzungen ausgekommen. Wie groß war der Schock nach der Diagnose?
Mitchell Weiser: Grundsätzlich sehe ich es mittlerweile als das letzte Puzzlestück, was noch gefehlt hat. Ich habe vieles in meiner Karriere durchgemacht, aber sowas noch nicht. Ich sehe es jetzt positiv, weil ich dadurch sehr viel gelernt habe. Ich habe viel mitgenommen aus der Zeit, deren Prozess immer noch nicht abgeschlossen ist. Es ist krass das zu sagen, aber ich bin dankbar für die Erfahrung.
WERDER.DE: Das wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich.
Mitchell Weiser: Total. Du hast jeden Tag Visionen und Filme im Kopf, wie es ist wieder zurück auf den Platz zu kommen. Ich habe mich zwar wirklich nicht gestresst, aber da sind wir wieder bei der Geduld. Ich kannte zwar Bänderrisse oder andere Wehwehchen, aber das war was komplett anderes. Es geht viel darum, jeden Tag zu schauen, dass der Körper in Richtung Normalität geht. Dafür brauchst du Tag für Tag auch eine mentale Balance.
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WERDER.DE: Hat es dir geholfen, darüber zu sprechen?
Mitchell Weiser: Du kannst zwar mit deiner Familie darüber reden und das hilft natürlich auch. Trotzdem fährst du jeden Tag allein zum Training und machst die ersten sechs bis acht Monate die langweiligsten Übungen, bis du irgendwann endlich wieder auf dem Platz stehst. Am Anfang war sogar das Laufen komisch. Es hat mir aber auch so einfach viel beigebracht.
WERDER.DE: Was denn zum Beispiel?
Mitchell Weiser: Da gibt es viele Dinge, von denen ich aber auch einige für mich behalten möchte. Wenn ich mir die Spiele angeschaut habe, ist mir aber zum Beispiel noch bewusster geworden, was wir da eigentlich machen. Wir haben zwar keine gute Saison gespielt und trotzdem habe ich mir gedacht, was das für ein absoluter Wahnsinn ist, vor 42.000 Fans im Weserstadion zu spielen. Das verlierst du über die Zeit aus den Augen. Ich habe mir für die restliche Zeit meiner Karriere vorgenommen, die hoffentlich noch lange gehen wird, das noch mehr zu genießen.
WERDER.DE: Gab es in diesen Phasen die Momente, in denen du gezweifelt hast?
Mitchell Weiser: Klar, die gab es auch. Das ist ganz normal. Du fragst dich: Was ist, wenn es nie wieder gut wird? Ich habe gelernt, dass es vollkommen in Ordnung ist, Zweifel zu haben und sie sich einzugestehen. Du musst nur lernen, mit diesen Zweifeln umgehen zu können. Das macht das Leben einfacher und entspannter.
WERDER.DE: Du hast im Zillertal, dein Comeback im Mannschaftstraining gegeben. Wie war dieser Moment, eines deiner großen Etappenziele zu erreichen?
Mitchell Weiser: Schon sehr besonders. Klar, es ist aktuell noch teilintegriert. Aber alleine, mit den Jungs rumzulaufen, war einfach was Schönes. Ich war zwar vorher trotzdem schon in der Kabine, wo wir die gleichen Späße wie immer gemacht haben. Wieder auf dem Platz zu stehen und mit den Jungs zu Lachen, habe ich aber vermisst und genieße ich direkt wieder.
WERDER.DE: Die Fans im Parkstadion haben dir mit ihrem Jubel immer wieder eine besondere Wertschätzung verliehen. Sind das die Momente, die dich auch bestätigen, deinen Vertrag bei Werder verlängert zu haben?
Mitchell Weiser: Ja, erstmals das. Das bedeutet mir sehr viel, von den Fans so empfangen zu werden. Die Situation war nicht einfach, weil mein Vertrag ausgelaufen ist und ich mich vorher schon nochmal zeigen wollte. Grundsätzlich hatte ich einfach das Gefühl, dass ich hier noch nicht fertig bin.
"Natürlich merke ich nach den ersten Trainings, dass ich mehr will. Ich kann mich aber auch selbst gut bremsen."
WERDER.DE: Du hast selber angesprochen, dass der Weg zurück noch nicht abgeschlossen ist. Wie schnell kannst du wieder zu deiner Topform finden?
Mitchell Weiser: Das ist schwer zu greifen. Natürlich merke ich nach den ersten Trainings, dass ich mehr will. Ich kann mich aber auch selbst gut bremsen. Selbst wenn ich wieder das erste Mal spiele, wird es Zeit brauchen. Das Wichtigste ist, dass keine neuen Verletzungen dazu kommen, die den Prozess unterbrechen. Dafür arbeite ich hart, um schnell wieder in Topform zu kommen.
WERDER.DE: Du hast dabei auch Austausch mit anderen Betroffenen gehabt.
Mitchell Weiser: Es ist auffällig, dass auch bei Anderen nicht alles perfekt läuft. Du darfst nicht in Stress verfallen, denn eigentlich heißt es immer, dass es so lange wie die Verletzung dauert, bis man wieder zu alter Stärke findet. Ich habe mich mit David Alaba, Grischa Prömel, der sehr gut zurückgekommen ist, aber auch Senne ausgetauscht. Ich habe mich einfach erkundigt, wenn es mal mehr gezwickt hat, wie es bei ihnen war. Es gibt mir mehr Ruhe, dass sie da durchgegangen sind und es geschafft haben. Das macht mich zuversichtlich, dass mir das auch gelingen wird.
WERDER.DE: Du hast vorhin von den Visionen und Filmen im Kopf gesprochen, die du von deinem Comeback hattest. Wie sahen die aus?
Mitchell Weiser: Dass ich reinkomme und ein Tor schieße (lacht). Der Film läuft seit zwölf Monaten in meinem Kopf. Das ist natürlich aber nicht ein Moment, sondern ein weiterer Prozess. Grundsätzlich kann ich aus dieser Zeit viel Kraft rausziehen und besser werden als zuvor.
WERDER.DE: Wir wünschen dir nur das Beste auf diesem Weg. Danke für das Gespräch, Mitch!
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