"Der Ort, an dem ich gelernt habe, wer ich bin"

EDGAR KARY IM INTERVIEW IN DER REIHE "GRÜN-WEISS FÜRS LEBEN"

06.06.26 von Noah Brodersen | 5 Min

Ein zweigeteiltes Portraitbild von Edgar Kary mit Bildern aus den Jahren 2002 und 2026

Der Traum vom Profifußball lebt in jedem, der einmal Teil des WERDER Leistungszentrums wird. Dennoch funktioniert der Sprung in den hochklassigen Fußball nicht für alle. In unserer Serie „Grün-Weiß fürs Leben“ berichten unsere ehemaligen Jugendspieler, was sie aus ihrer Zeit beim SV Werder für ihr späteres Leben mitgenommen haben. Im dritten Teil der Reihe erzählt Edgar Kary von seinen Erinnerungen an das pinke Torwarttrikot und richtet seinen Blick auf die Erfahrungen, die ihn auch jetzt noch im Berufsleben weiterbringen.

Der Traum vom Profifußball beginnt oft mit einem Moment, den man nie vergisst. Für Edgar Kary war es ein Anruf. „Wir hatten Besuch von der Familie, als meine Mutter in den Raum kam und sagte, dass jemand von Werder am Telefon ist.“ Das Profiteam kannte er damals, dass es auch Jugendmannschaften gab, war ihm nicht bewusst. Wenige Wochen später folgte das Probetraining am Weserstadion. „Ich habe die ganze Zeit nur auf das Stadion geschaut und war mit meiner Leistung am Ende überhaupt nicht zufrieden. Die Situation hat mich komplett überfordert.“ Dennoch überzeugte der junge Torwart die Verantwortlichen und lief kurze Zeit später mit der Raute auf der Brust auf.

Mit dem Wechsel ins Leistungszentrum begann auch der Traum von einer Profikarriere. In der U15 machte Kary beim Länderpokal auf sich aufmerksam und wurde zum DFB eingeladen. „Ich habe damals durch meine Abschläge eine besondere Stärke gehabt und sogar ein Tor erzielt. Das hat Aufmerksamkeit erzeugt.“ Bei den Lehrgängen traf er auf spätere Bundesligatorhüter wie Ralf Fährmann oder Sven Ulreich. „Der Austausch auf diesem Niveau war ein Privileg.“

Edgar Kary sitzt vor einer grün-weißen Wand und spricht in die Kamera.
Im Interview blickt Kary auf prägende Jahre beim SVW zurück (Foto: WERDER.DE).

Insgesamt lief Kary mehrere Jahre für den grün-weißen Nachwuchs auf. Eine Szene ist ihm bis heute besonders präsent. Ein Auswärtsspiel in Erfurt, das für ihn unerwartet zur Bühne wurde. Nach einer roten Karte wurde er in der Schlussminute eingewechselt, im auffälligen pinken Torwarttrikot. „Die Fans haben sich darüber lustig gemacht und wollten mich beim Elfmeter verunsichern.“ Der Druck war maximal. „Ich konnte den Ball parieren und uns den Sieg sichern.“ Ein Moment, der sinnbildlich für vieles steht, was er aus dieser Zeit mitgenommen hat.

Geprägt wurde er dabei nicht nur sportlich, sondern auch menschlich von Persönlichkeiten wie Arnold 'Pico' Schütz, Viktor Skripnik oder Horst-Dieter Höttges. „Von Höttges habe ich unglaublich viel gelernt. Er brauchte nicht viele Worte. Seine Art, mit Menschen umzugehen, hat Eindruck hinterlassen.“

Die Gründe für ein frühes Karriereende

2006 trennten sich die Wege. Mit Kevin Fickentscher hatte Werder in der Vorsaison ein weiteres Torwarttalent verpflichtet, gegen das sich Kary nicht durchsetzen konnte. „Rückblickend war das eine wichtige Lektion im Umgang mit Konkurrenz und Erwartungshaltung.“ Nach weiteren Stationen, unter anderem beim VfB Oldenburg und Jahn Regensburg, entschied er sich früh, seine aktive Karriere zu beenden. „Ich habe gesehen, wie Mitspieler mit kaputten Körpern am Ende ihrer Laufbahn standen und trotzdem nicht ausgesorgt hatten. Mir war klar, dass ich für mich eine andere Entscheidung treffen muss.“

Heute ist Edgar Kary Geschäftsführer und spezialisiert sich auf die Besetzung von Führungspositionen in internationalen Unternehmen. Die Parallelen zum Fußball sind für ihn bis heute offensichtlich. „Im Kern geht es um das Gleiche, wie damals auf dem Platz. Potenzial erkennen, Leistung einschätzen und unter Druck die richtigen Entscheidungen treffen.“

"Werder war für mich mehr als ein Verein. Es war der Ort, an dem ich gelernt habe, wer ich bin."

Edgar Kary

Auch der Kontakt zu ehemaligen Mitspielern ist geblieben. Mit Moritz Steidten, seinem früheren Teamkollegen bei Werder und zuletzt Leiter der Scouting-Abteilung bei West Ham United, tauscht er sich regelmäßig aus. Beide verbindet der Blick auf Talente, wenn auch in unterschiedlichen Welten. „Wir sprechen viel darüber, wie man Menschen richtig einschätzt und entwickelt. Die Mechaniken sind erstaunlich ähnlich.“

Auf seine Zeit bei Werder blickt Kary mit großer Dankbarkeit zurück. „Werder war für mich mehr als ein Verein. Es war der Ort, an dem ich gelernt habe, wer ich bin.“ Werte wie Disziplin, Teamgeist und der Umgang mit Herausforderungen prägen ihn bis heute.

Diese Erfahrungen gibt er inzwischen auch in seinem privaten Umfeld weiter. Kary ist Vater von fünf Kindern und legt großen Wert darauf, dass sie sportlich aktiv sind. „Im Teamsport lernt man Dinge, die man sonst kaum vermittelt bekommt. Gleichzeitig ist es mir wichtig, sie mental zu begleiten, damit sie ihren eigenen Weg gehen und aus meinen Erfahrungen profitieren können.“ Für Kary steht fest: Der Fußball hat ihm weit mehr gegeben als nur sportliche Erinnerungen. Er hat ihn auf das „echte“ Leben vorbereitet.

"Grün-Weiß fürs Leben"

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