Spielbericht: Werder-Wahnsinn beim 3:2 gegen Juve

01.01.70

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Bodenkampf mit vollem Einsatz: Werders Torschütze Tim Borowski und Juves französischer Verteidiger Lilian Thuram.

Champions League

Donnerstag, 01.01.1970 / 01:00 Uhr

„Wir können etwas Außergewöhnliches schaffen“, hatte Thomas Schaaf im Vorfeld des Spiels gegen Juventus Turin gesagt. Seine Mannschaft machte die Ankündigung wahr - mit einem 3:2-Sieg gegen eine der besten Vereinsmannschaften der Welt im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League. In einer höchst turbulenten Partie führten die Grün-Weißen zunächst durch Christian Schulz mit 1:0 (39.), gerieten dann durch Nedved (74.) und Trezeguet (82.) in Rückstand, um in der Schlussphase noch einmal richtig aufzudrehen und mit zwei Toren von Borowski (87.) und Micoud (90.+2) doch noch zum Sieg zu kommen.

Klose: Als wenn er nie gefehlt hätte

Die Werderaner konnten gegen den italienischen Rekordmeister und aktuellen Tabellenführer aus Turin erstmals seit seiner Verletzung im Pokalspiel gegen St. Pauli wieder auf Miroslav Klose zurückgreifen, der für Nelson Valdez in der Startelf stand und sich mit einer starken Leistung zurückmeldete. In der Anfangsphase bemühten sich die Grün-Weißen gleich um offensive Akzente, wenngleich die ersten Schussversuche von Klasnic (8.) und Frings (14.) aus der Distanz noch recht harmlos blieben. Nach einer etwa zwanzigminütigen Abtastphase drehten die Bremer aber auf. Torsten Frings nahm ein tolles Zuspiel von Klose volley und zwang Gianluigi Buffon zu einer ersten Parade (23.). Nach der anschließenden Ecke musste der Juve-Torwart erneut sein ganzes Können aufbieten, um einen platzierten Kopfball von Frank Fahrenhorst aus dem linken Eck zu fischen.

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Erneut ein starker Rückhalt: Tim Wiese klärt in dieser Szene mit kompromisslosem Einsatz gegen Patrick Vieira.

Beim direkten Gegenstoß offenbarte sich jedoch wie zuletzt in der Bundesliga gegen Dortmund, dass die Abseitsfalle der Bremer nicht immer reibungslos funktioniert. So tauchte Ibrahimovic nach Pass des Ex-Leverkuseners Emerson auf einmal allein vor Tim Wiese, verfehlte das Tor aber zum Glück aus Bremer Sicht um einige Meter. Jetzt war es ein typisches Werder-Spiel – temporeich, mit tollen Kombinationen im Spiel nach vorne, allerdings auch mit den bekannten Anfälligkeiten in der Hintermannschaft. Von übermäßigem Respekt vor dem großen Namen des Gegners war keine Spur.

Kurioses Schulz-Tor belohnt starke erste Hälfte

Im Gegenteil, geriet Juventus nun immer stärker unter Druck. Miro Klose traf bei einem Volleyschuss den Ball nicht richtig, so dass er das Tor knapp verfehlte (30.). Vier Minuten später verpasste Fahrenhorst nach einer Ecke das Leder nur um eine Fußlänge. Die erste Belohnung für ihren couragierten Einsatz,19 Torschüsse und 65% Ballbesitz holten sich die Grün-Weißen in der 39. Minute. Von Ivan Klasnic mit einem klasse Hackenzuspiel in Szene gesetzt, stürmte Christian Schulz in den Strafraum, doch Buffon spitzelte den Ball zunächst weg. Miro Klose setzte nach, geriet in Rücklage und kam nicht richtig zum Schuss, aber die Abwehr der Italiener konnte immer noch nicht klären. Cannavaro traf das linke Bein von Schulz und von dort aus trudelte der Ball ins Tor – 1:0 für Werder!

Kurz vor der Pause stockte den 36.500 Zuschauern im Weser-Stadion allerdings noch einmal der Atem, als Patrick Vieira nach Trezeguet-Pass allein auf Tim Wiese zulief. Doch der Franzose legte sich den Ball einen Tick zu weit vor, so dass der herauseilende Werder-Keeper geistesgegenwärtig klären konnte. So ging es mit einem verdienten 1:0 in die Kabinen. Nach dem Seitenwechsel ruhten sich die Bremer zunächst auf dem Erreichten aus und ließen den Gästen mehr Raum für ihr Spiel. Zudem brachte die Einwechslung von Juves Sturmlegende Alessandro Del Piero für den blassen Ibrahimovic ab der 58. Minute mehr Schwung in die Offensivbemühungen der Italiener.

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Nelson Valdez, der in der 67. Minute für Miro Klose eingewechselt wurde, schirmt den Ball vor Federico Balzaretti ab.

Nedved und Trezeguet drehen das Spiel

Nachdem ein Kopfball von Borowski nach Flanke von Frings sein Ziel knapp verfehlt hatte (66.), verzog Trezeguet auf der Gegenseite knapp (67.). Dann aber erwischte die „Alte Dame“ die Bremer zwei Mal eiskalt. Patrick Vieira nutzte eine Lücke in der Bremer Viererkette und steckte den Ball auf den gestarteten Nedved durch. Der Tscheche blieb allein vor Wiese cool und schob zum Ausgleich ein (74.). Und es kam noch schlimmer: Acht Minuten später fälschte Naldo einen Pass von Del Piero zu Trezeguet ab, der Franzose behauptete sich im Duell gegen Owomoyela und hatte Glück, dass sein Kopfball vom Innenpfosten ins Tor prallte – 1:2.

Totenstille im Weser-Stadion – die Werder-Fans befanden sich im kollektiven Schock-Zustand. Zum Glück galt dies nicht für ihre Mannschaft: Denn die steckte nicht auf, kämpfte sich noch einmal ins Spiel zurück – und schaffte das beinahe Unmögliche. Erst verwertete Tim Borowski eine flache Hereingabe des bärenstarken Torsten Frings zum 2:2 (87.).

Grün-Weißes Happy-End dank Micoud

Dann kam die dreiminütige Nachspielzeit, ein letzter Eckstoß für Werder. Tim Borowski bringt den Ball herein, Patrick Owomoyela verlängert auf Johan Micoud, der Franzose köpft aus kurzer Distanz ein – 3:2! Der Schlusspunkt eines turbulenten Spiels, das mit Werder Bremen in letzter Sekunde doch noch seinen verdienten Sieger fand. Nun können die Grün-Weißen mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein und einer aussichtsreichen Ausgangsposition im Gepäck nach Turin reisen. Um dort vielleicht ein zweites Mal Außergewöhnliches zu leisten.

von Kevin Kohues

Werder Bremen – Juventus Turin 3:2 (1:0)

Werder Bremen: Wiese - Owomoyela, Fahrenhorst, Naldo, Schulz - Baumann - Frings, Borowski - Micoud - Klose (67. Valdez), Klasnic; auf der Bank: Vander, D. Jensen, van Damme, Vranjes, Pasanen, Andreasen

Juventus Turin: Buffon - Blasi, Thuram, F. Cannavaro, Balzaretti - Emerson, Vieira - Camoranesi (75. Zalayeta), Nedved - Ibrahimovic (59. Del Piero), Trezeguet

Tore: 1:0 Schulz (39.), 1:1 Nedved (73.), 1:2 Trezeguet (82.), 2:2 Borowski (87.), 3:2 Micoud (90.)

Schiedsrichter: Mejuto Gonzalez (Spanien)

Weser-Stadion: 36.500 Zuschauer (ausverkauft)

Gelbe Karten: Schulz - Nedved, Trezeguet, Balzaretti, Vieira