Jahres-Rückblick 2006: Die besten Tore
27.12.06

Tim Borowski und Miroslav Klose feiern ihre Doppelpacks beim 6:0-Erfolg gegen den 1. FC Köln.
Profis
Mittwoch, 27.12.2006 / 19:50 Uhr
"Fußball ist ein Ballsport, bei dem zwei Mannschaften mit je elf Spielern gegeneinander antreten. Ziel ist es, den Ball ins gegnerische Tor zu bringen." Den Ball ins Tor bringen - was so einfach klingt, ist eine Wissenschaft für sich. Man kann es selten oder oft tun. Werder schoss im Kalenderjahr 2006 97 Tore. Das ist oft. Und man kann es unspektakulär oder mit Ausrufezeichen tun. Werders Tore waren sehr oft von der besonderen Sorte. Die aufsehenerregendsten sind hier zusammengestellt.
Das schönste - Kloses Nummer 1 am Tag der schwachen Füße
Am vorletzten Spieltag der vergangenen Saison legte Werder gegen den 1. FC Köln eine Gala hin. Tim Borowski, Ivan Klasnic und Miroslav Klose trafen je zwei Mal – mit 6:0 wurde der Absteiger überfahren. Der Höhepunkt des Spiels war das 2:0, Kloses 23. Saisontreffer, sein schönstes Tor, wie er jüngst verriet. Nach einem Querschläger von Nationalmannschaftskumpel Lukas Podolski hüpfte der Ball in den FC-Strafraum, sprang einmal auf, um im perfekten Moment von Klose aus der Luft genommen und brachial in den rechten Torgiebel gehauen zu werden. Traumtor mit dem linken, dem zweitstärksten Fuß - 2:0, Salto, Dankeschön.
Wie gut Klose auch die feine Klinge beherrscht, bewies der Torschützenkönig rund um dieses Meisterstück mit zwei Maßflanken per Außenrist, die man erwähnen muss, auch wenn es hier um Tore gehen soll. Denn vor allem jener perfekt an den Torraum gechippte Ball vor Borowskis 3:0 war viel zu schön, um nicht zum Erfolg zu führen.
Am Tag der schwachen Füße ließ sich übrigens auch Ivan Klasnic nicht lumpen. Nach Bilderbuchkonter über Frings und Jensen führte er gängige Lehrmeinungen ad absurdum, indem er mit viel zu langen Schritten zum per Hacke aufgelegten Ball stakste. Doch die vermeintlich ungünstige Beinarbeit hatte die günstigste aller Folgen: eine perfekte Bahn des Balles zum 5:0 ins lange Eck.
Das wichtigste – Ein perfektes Tor
Fassen wir nochmal zusammen. AOL-Arena, 34. Spieltag, 72. Minute: An der Mittellinie spielt Torsten Frings den Ball schräg nach links vorn zu Daniel Jensen. Der spaziert um David Jarolim herum und flankt an die Strafraumgrenze. In gefühlten drei Metern Höhe begegnen sich Naldo und Daniel van Buyten, der Schlaks aus Brasilien ist vor dem belgischen Hünen am Ball. Die Kugel fliegt im hohen Bogen an die linke Ecke des Fünfmeterraums, wo sich Miro Klose streckt und dem zerrenden Atouba und dem staunenden Boulahrouz die Nase zeigt. Er macht nicht viel mehr als den Fuß perfekt an den Ball zu halten. Perfekt springt der Ball ab, perfekt ins rechte obere Eck, zum perfekten Ergebnis für Werder.
AOL-Arena, 34. Spieltag, 72. Minute: Hamburg (2.) – Bremen (3.) 1:2. Muss man mehr sagen?
Das sensationellste – Werder-Wunder gegen die ganz Großen
Stell dir vor, du hast gegen Juventus Turin 70% Ballbesitz, warst 1:0 in Führung, spieltest "eines der besten Spiele, die Werder je gezeigt hat" (Dieter Eilts) – und wenige Minuten vor Schluss liegst du 1:2 zurück. Was ist das? Richtig – höchst ungerecht. So sahen das auch die Werder-Spieler und sie machten sich auf, die "Alte Dame", Verzeihung, doch noch zu überrumpeln. Das Tor, das Juve tatsächlich noch stolpern ließ, war kein schönes. Es war ein Tor, wie es eben fällt, wenn sich 20 Männer im Sechzehner tummeln: Nach Tim Borowskis Ausgleich hatte Werder in der Nachspielzeit noch einen Eckball zugesprochen bekommen. Der Torschütze zum 2:2 gab ihn herein. Der Ball flog zu Patrick Owomoyela, der ihn in den dicht besiedelten Torraum köpfte. Eigentlich alles wenig gefährlich. Hätte sich nicht genau an diesem Punkt Johan Micoud eingefunden, um den Ball per Kopf aufs Tor zu lenken. Dort, im kurzen Eck, stand Allesandro del Piero, der die Kugel nicht mehr aufhalten konnte. 3:2 im Champions-League-Achtelfinale gegen den legendären italienischen Rekordmeister. Werder war jetzt so dicht dran…
2006 hielt noch eine Sensation für Werder bereit, auch hier gelang letztlich die Krönung nicht ganz. Das 1:0 gegen Chelsea im fünften Gruppenspiel der CL-Vorrunde war ein Riesenschritt zur Sensation, aber eben nicht die Entscheidung. Das goldene Tor an diesem Abend war ähnlich dem aus dem Juve-Spiel. Diesmal trat Torsten Frings die Ecke und fand Per Mertesacker, der ungedeckt, aber souverän zum Sieg einköpfte.
Das spektakulärste – Meisterlich ans Gebälk
So richtig erklären kann man nicht, warum Tore besonders großartig wirken, wenn sie einen Umweg über Pfosten oder Latte nehmen und von da unberechenbar abspringen. Vielleicht ist das so, weil in diesen Fällen eindrucksvoll belegt wird, wie gut Fußballer mit dem Körperteil zielen können, auf dem die große Mehrheit von uns nur steht und geht. Vielleicht ist es auch so, weil man dann erst bemerkt, mit welcher Wucht solch eine Kunststoffkugel oft durch die Gegend fliegt. Vielleicht ist das aber alles auch Unfug und die Tore mit Alu sind einfach nur verdammt schön. Ein Beispiel besonderer Güte lieferte Diego am 8. Spieltag der laufenden Saison. Von Torsten Frings klug in Szene gesetzt ließ er Landsmann Lucio stehen und schickte den Ball aus 13 Metern halbrechter Position auf die Reise. Sekundenbruchteile später machte es "Plonk" über Olli Kahn, der staunend zur Kenntnis nehmen musste, dass der Ball an die Latte gejagt worden und danach hinter der Linie aufgekommen war – Werders Diego hatte dem Meister Bayern München gerade sowas von einen reingehauen. 1:0, Willkommen im Spaßfußballland!
Das kurioseste – Der bulgarische Fußroller
Beim unbequemen Champions-League-Spiel in Sofia tat sich Werder lange Zeit schwer. Doch der deutsche Vizemeister hatte in diesem Spiel auch das Glück auf seiner Seite und in Nikolai Michailov einen unfreiwilligen Verbündeten. Der 18-Jährige vertrat Levskis Stammtorwart zwischen den Pfosten und hatte entscheidenden Anteil an drei Werder-Toren in fünf Minuten. Sein Riesen-Fauxpas in der 33. Minute machte den Anfang. Werder drückte aufs Tempo, Sofias Abwehrspieler Wagner konnte sich nur mit einem hoppelnden Rückpass helfen. Michailov versuchte den Ball zu stoppen, doch unebener Rasen, glatte Fußballschuhe oder einfach nur schlimmes Pech hinderten ihn. Tückisch rollte der Ball über seinen Fuß auf die Torlinie zu, die Rettungsgrätsche des Unglücksraben kam zu spät. Werder legte im Zwei-Minuten-Takt noch doppelt nach, am Ende stand ein letztlich souveräner 3:0-Erfolg, ein bisschen auch dank Michailov.
Das standardisierte – Vom Sahnehäubchen zum Siegbringer
Als Werder 6:0 in Bochum gewann, ging der Stern des Torjägers Naldo auf. Mittlerweile bringt es der brillante Verteidiger ja auf sechs Saisontore, einsame Spitze für einen Defensivspieler. Am Spieltag zuvor, beim 3:0 gegen Mönchengladbach war Naldo noch so was wie eine Kulisse gewesen, hinter der sich Diego versteckte. Naldo lief scheinbar zum Gewalt-Freistoß an, doch er lief über den Ball und am Ende streichelte Diego die Kugel ins Mauereck. Doch beim VfL fasste er, der bis dahin bei Werder wenig Glück mit seiner Schusskraft gehabt hatte, sich beim Stand von 5:0 ein Herz und drosch den Ball Richtung Tor als gäb's kein morgen. Und in dem Spiel, in dem alles passte, klappte auch das. Fies flatterte der Ball nach außen und schlug im Dreiangel ein, Skov-Jensen im Bochumer Tor war nicht der geringste Vorwurf zu machen. So ging es immer weiter, bis auf das Tor im Heimspiel gegen Sofia zielte Naldo immer auf die Torwartecke. Sein Urvertrauen in die laut eigener Aussage vererbte Vehemenz im Schussbein ließ ihn auch gegen Frankfurt und gegen Wolfsburg nicht im Stich. Im Hinrundenfinale hatte sein Kraftakt kurz vor Schluss sogar drei Punkte und den Weihnachtsmeister-Titel zur Folge.
von Enrico Bach
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