Zum 80. Geburtstag: „Dieses Stadion hat eine Seele“
10.11.06

Wo die Weser einen Bogen macht schmiegt sich das Weser-Stadion an den Bremer Osterdeich. Im Oktober ist es 80 Jahre alt geworden.
Profis
Freitag, 10.11.2006 / 13:01 Uhr
Wer seinen 80. Geburtstag begeht, hat viel zu erzählen. Am 17. Oktober 2006 ist das Bremer Weser-Stadion 80 Jahre alt geworden. Mit ihm ist es nicht anders.
Weil es auf eine mannigfaltige und lebendige Geschichte zurückblicken kann, ist es im reifen Alter noch zum Studienobjekt geworden, das in Seminaren behandelt wird. Im Rahmen seiner Reihe "Kommunikation und Fußballkultur" präsentierte und las Werder-Historiker Harald Klingebiel am Freitag aus seinem Buch "Mythos Weser-Stadion - 80 Jahre Fußball, Kultur und Politik". Diese Veranstaltung war eingebettet in ein Wochenseminar der Erwachsenenbildung mit dem Thema "Das große Geschäft mit dem Sport / Das große Geschäft mit dem Fußball". 20 Besucher diskutierten im Anschluss lebhaft zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Weser-Stadions. Über alles also, was das Schmuckstück im Weserbogen so zu berichten hat...
Es ist ein Kind der Weimarer Republik. Der Fußball in Deutschland war damals eine Randsportart, erst langsam kamen mehr und mehr Zuschauer zu den Spielen. Man brauchte Raum und Komfort für sie. Auch in Bremen begann deshalb eine Debatte um den Bau eines Stadions. Schließlich schlossen sich drei Bremer Vereine zusammen und nahmen das Projekt in Angriff.
Die Vereine suchten für ihr „Baby“ den Standort Pauliner Marsch aus, weil hier nach dem Bau des Osterdeichs 1893 ein Sportgelände entstanden war, das die Bremer gern zum größten in Europa adelten. Die Geburt war nicht einfach. Der Fußball hatte es nicht leicht gegen die Turn-Lobby, mit Wirtschaftslage und Inflation hatten die oft arbeitslosen Vereinsmitglieder ihre liebe Not. Dennoch: 13.000 Plätze in der neuen ABTS-Kampfbahn (nach dem federführenden Allgemeinen Bremer Turn- und Sportverein) konnten am 17.10.1926 bereitgestellt werden.
Der schweren Geburt folgte eine harte Kindheit. Im Nationalsozialismus war der Standort Weser-Stadion, so hieß es seit 1929, gesichert. Das NS-Regime instrumentalisierte den Sport, aber brauchte den Bau auch für andere Zwecke. Propaganda-Veranstaltungen fanden genauso statt wie das erste Länderspiel in der Hansestadt im Mai 1939 (Deutschland – Irland 1:1). In den 30ern spielte auch ein Verein namens Werder Bremen die ersten Male im Stadion, regional recht erfolgreich, aber Clubs wie Nürnberg oder Schalke kamen nur zu Freundschafts-Spielen nach Bremen. Die Arena kam in die Pubertät: erste oberflächliche Reparaturen wurden fällig, die Kurven vergrößerten sich.
Nach dem Krieg spielten Werder und der Bremer SV in der Oberliga Nord ihre Heimspiele im Weser-Stadion aus, es war also jedes Wochenende was los in der östlichen Vorstadt. Ab Mitte der 50er wurde Werder der dominierende Verein und spielte einige Jahre in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft mit, das ganze Land schaute also auf Bremen und sein Stadion. Es war mittlerweile ein Schmuckkästchen geworden, 1949 auf 25.000 Plätze erweitert, ’58 mit Flutlicht versehen und 1961/62 mit Hilfe einer Tombola bundesligafein gemacht. 35.000 Menschen passten nun ins Stadion, die Nordtribüne war überdacht.
Am Weser-Stadion wurde später immer wieder gearbeitet: Ausbau 1965, Reduzierung aus Sicherheitsgründen 10 Jahre später, einhergehend mit der Umwandlung von ersten Steh- in Sitzränge und dem Luxus einer neuen Steck-Anzeigetafel. 1978 stand Werder des Stadions wegen unter Druck, der Lizenzentzug drohte, die Einnahmen waren zu gering. Also wurde in Rekordzeit die Nordtribüne modernisiert, mehr Sitzplätze entstanden, die heutige Zweirangigkeit nahm ihren Anfang. So ging es immer weiter, nach der Nordtribüne war der Westen dran, der Süden folgte, zum Schluss 1997 die Ostkurve, bevor sich 2002 das gesamte Stadion einer Schönheitsoperation unterzog. Das Spielfeld wurde tiefer gelegt, elf neue Reihen installiert.
„Dieses Stadion hat Seele“, sagt Harald Klingebiel, Autor des jüngst erschienen Jubiläums-Buchs ("Mythos Weser-Stadion", ISBN: 3895335010), „vielleicht ist es nicht so glatt wie andere, aber es hat Charme.“ Und es hat Erfolg. Vier Meisterschaften, zahlreiche Wunder von der Weser – mittlerweile ist es eine Topadresse. Danke, Weser-Stadion, und alles Gute!
von Enrico Bach
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