Warum ist man Fan eines bestimmten Vereins?

Dieses Thema im Forum "Allgemeines" wurde erstellt von cornholio, 24. Mai 2021.

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  1. cornholio

    cornholio

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    Ich habe keinen passenden Thread gefunden für mein Anliegen. Aber im Grunde möchte/brauche/suche ich etwas Gedankenhilfe.

    Ich kenne halt meine Geschichte. Ich kenne Gespräche, die ich in den letzten Jahren meines Lebens mit immer wieder anderen, auch nicht Werder-Fans geführt habe. Aber ich weiß nicht genau, spätestens gestern bei dem grauenvollen Baumann Interview habe ich mir doch die Frage gestellt: Wofür steht eigentlich dieser Verein und warum mag ich das?

    Wenn man in Bremen wohnt, kommt man an Werder auch nicht vorbei. Jahrelang toller Fußball, tolle Charaktere, ich kenne so viele Geschichten, warum man Fan eines bestimmten Vereins wird. Und je seltsamer und einzigartiger, desto besser. Aber warum bleibt man es? Woher kommt dieser Grundsatz „einmal Fan, immer Fan?“ Ich könnte mir niemals vorstellen davon abzuweichen. Die zwei Vereine, mit denen ich seit Kindheitstagen verbunden sind, werden auch immer die gleichen bleiben. Und nächste Saison sind sie dann auch noch in einer Liga vereint. Ich könnte nicht anders, ich denke auch nicht daran. Aber warum ist das so? Warum ist das bei Euch so?

    Warum bleibt man Fan von wenn andere Fans seines Vereins rechtsradikal auffallen? Oder auch so gewalttätig auffallen? Warum bleibt man Fan, wenn der Verein sich jahrelang im Chaos suhlt und so gar nicht mehr dem Bild entspricht oder den Werten entspricht, die man für sich selbst in Anspruch nimmt?

    Werder steht für mich auch für Familie. Ein Begriff, der seit einigen Jahren unter Bode und Baumann gelitten hat. Bin ein familiärer Mensch. Und wenn „Werder-Familie“ bedeutet: Bode, Baumann and Friends, dann bin ich damit nicht einverstanden. Wenn Ehemalige in den Verein geholt werden, und im Verein krampfhaft gehalten werden, auch wenn es vielleicht eine Mehrheit der Fans nicht trägt, dann sorgt das für Unmut. Wenn in meiner Familie „wichtige“ Entscheidungen getroffen werden, die alle betreffen, aber nicht alle (auf eine für ihre Rolle angemessene Weise) im Entscheidungsprozess berücksichtigt werden, dann... naja, das passiert nicht. Auch als Kind, wenn es irgendwo in den Urlaub ging, hatten wir natürlich nicht die Entscheidungsgewalt, aber unsere Eltern haben auch nicht Saufurlaube mit den Freunden geplant, die auf unsere Kosten gingen. Genau das passiert aber bei Werder. Das ist eine Schande, dass jemand wie Baumann was von Werder-Familie faselt, aber null Gefühl für den größten und bedeutendsten Teil der Familienmitglieder hat. Habe ich seit einigen Jahren versucht zu leugnen, dass die allgemeine Entwicklung im Fußball - wonach die Fans immer unbedeutender werden, immer mehr Kunde, immer weniger ein Teil des Produkts - in Bremen genauso verläuft? Vielleicht. Habe ich gedacht, dass diese Entwicklung, wenn sie auch nicht gestoppt werden kann, in Bremen zumindest langsamer verläuft? Bestimmt.

    Trotzdem ändert sich nichts. Für mich wahrscheinlich nicht.
     
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  2. Halt Leidenschaft!
     
  3. Lübecker

    Lübecker

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    Kleines Wortspiel: Eine Leidenschaft, die Leiden schafft.:D
     
  4. Warum bleibt man es? Für mich kann ich sagen, dass es die zahllosen Erlebnisse mit und um Werder herum sind, die großartigen Europapokalabende, die alte und gar nicht mehr so neue Ostkurve, Freunde, Events, das grün-weiße Fahnenmeer... das lege ich nicht mehr ab, diese vielen Geschichten. Das ist für mich Heimat, das sind Freunde, das ist Bremen an sich. Es geht einfach nicht, man kann in meinem Alter nicht mehr den Verein wechseln und das ist auch gut so. Wie eine langjährige Partnerschaft/Ehe eben, wo auch nicht immer alles rund läuft, aber man weiß, dass man zusammengehört, auch wenn die Partnerin auf einmal Krebs hat und mehr und mehr abbaut.
     
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  5. Damit ist alles gesagt:top:
     
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  6. opalo

    opalo

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    Wo die Ruhr einen großen Bogen macht...
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    Schöner konnte man es nicht sagen :top: Ergänzt für mich um unzählige Auswärtsfahrten mit allerlei schönen, weniger schönen und skurrilen Erlebnissen. Und auf diese Fahrten freue ich mich, so denn trotz Corona hoffentlich irgendwann möglich, auch schon in der kommenden Saison.
     
  7. Oh ja, die hab ich vergessen, die Auswärtsfahrten. Kennt jemand noch den schönen alten Film "Schicksalsspiel" mit Nicolette Krebitz und dem recht jungen Jürgen Vogel? Gab es lange sogar auf YouTube, geiler Film. Da heißt es irgendwo sinngemäß "Auswärtsfahrten sind wie das Erobern fremder Territorien" und da ist was dran. Aber es geht auch weniger kriegerisch mit gegenseitigen Frotzeleien. Pauli zB habe ich da immer in guter Erinnerung gehabt, kannte aber früher auch viele Paulifans. Wenn es mit Zuschauern läuft, dann geht für mich auswärts einiges. Kiel (man weiß es ja noch nicht!) sowieso, würde ich auch ohne Ticket hin, ist ja nicht weit. Pauli, HSV und Rostock auch dichter als Bremen. Das wäre geil mit Zuschauern, just like in old times.
     
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  8. Es ist hier eher so, dass die Partnerin sich selbst zerstört, also vielleicht Junkie ist und man ihr nicht helfen kann.
     
  9. Klasse Film!
    Vogel ist ja nun eine ganz große Nummer.
    Krebitz ist dagegen vielleicht die most underrated actress in Deutschland. Sie ist wirklich großartig. Würde gerne mehr von ihr sehen.
     
  10. Bremen

    Bremen Moderator

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    :tnx: Sehr gut zusammengefasst. "In guten wie schlechten Zeiten zusammenstehen", das macht eine wahre Bindung aus.

    Das heißt aber auch, das man nicht alles abnickt, sondern auch Missstände ansprechen darf/muss ;)
     
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  11. Ich bin in Seevetal (Niedersachen) aufgewachsen. Weil das den meisten von euch nichts sagt, nur so viel. Es liegt südlich von Hamburg. Wenn ich damals in die Regionalbahn eingestiegen bin, war ich in weniger als 15 Minuten am Hamburg Hauptbahnhof. Natürlich waren die meisten Menschen in meinem Umfeld HSV Fans. Ein schreckliches Schicksal wie ihr euch denken könnt ;). Ich war eigentlich nie ein Fan von einem Verein. Ich war einfach nur Fussball besessen. Seitdem ich laufen konnte habe ich auch Fussball gespielt. Und irgendwann gehörte auch die Sportschau und die Bundesliga zu meinem Leben dazu. Ich wurde immer wieder gefragt welches mein Lieblingsverein ist. Diese Frage konnte ich lange nicht beantworten, was man mir nicht abnahm. In der Saison 1985 sollte sich das ändern. Ich denke es hat mehrere Gründe gegeben. Die Bayern dominierten die Liga zwar noch nicht so stark wie heute, aber doch schon sehr. Werder Bremen war zu der Zeit ein Verein, der mithalten konnte. Und nicht nur das. Sie spielten auch schöneren Fussball als die Bayern. Das brutale Foul an Völler, der unglückliche zweite Platz durch einen verschossenen Strafstoß. Irgendwie habe ich mein Herz an diesen Verein verloren. Als ich Jahre später das erste Mal im Weserstadion war und diese großartige Atmosphäre dort erlebt habe, trotz einer Niederlage, da hat es mich richtig gepackt. 36 Jahre ist das schon so. Egal wie sehr mich Dinge am Verein stören, oder ich sauer über Entscheidungen bin. Ich komme von Werder einfach nicht mehr los. Das muss wohl wahre Liebe sein. Liebe ist glaube ich nicht wirklich zu erklären. Warum liebt man etwas mehr und manches weniger? Es ist einfach so.
     
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  12. Aber was hat Werder von heute, das von einem selbstverliebten Buddy-Klüngel geführt wird und seit Jahren Fußball zum Abgewöhnen bietet, noch zu tun mit dem Werder, das Dich damals angezogen hat?
    Hier sind Leute in Führungspersonen, denen das Schicksal des Vereins scheißegal ist und die auf allen Ebenen dilettieren.
    Kein Wunder, sie haben ja auch nicht die geringste Qualifikation. Sie haben diese Jobs nur, weil sie hier mal gekickt haben.

    Wenn man sein Herz an eine Frau verliert und sich über alles verliebt, aber irgendwann merkt, dass sie sich über Jahre sehr verändert hat und überhaupt nichts mehr von dem mitbringt, für was man sich in sie verliebt hat, ja, wenn alles, was man ihr geliebt hat, verschwunden ist und sie sogar aktiv daran gearbeitet hat, dass das verschwindet, dann ist sie nicht mehr derselbe Mensch. Warum sollte man dann noch länger mit ihr zusammen bleiben?
     
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  13. @marian70 Es gibt vieles was mich am modernen Fussball mitlerweile stört. Die viel zu hohen Gehälter und Ablösesummen. Das Spieler und mitlerweile auch Trainer die Verein so oft wechseln. Plastik Verein die die 50+ Regel verletzen dürfen und vieles mehr. Und trotzdem werde ich die Liebe zum Fussball an sich niemals verlieren. Mir Werder Bremen ist es das gleiche. Meine Liebe gehört nicht dem Vorstand, nicht den Spielern und nicht dem Trainer. Wenn ich im Weserstadion bin fühle ich mich wie zuhause. Wenn ich mit anderen Fans zusammen einen Sieg feiern kann, oder wir uns gemeinsam über Schiedsrichter Fehlentscheidungen aufregen können... Es ist schwierig zu beschreiben. Vielleicht tröstet dich das ja. Auch die von dir beschriebenen Personen werden eines Tages gehen müssen. Es werden neue Leute kommen und hoffentlich bessere Entscheidungen treffen.

    Bei meiner Frau ist das noch etwas anderes. Sie ist extrem eifersüchtig und besitzergreifend. Das ist eine enorme Belastung für unsere Beziehung. Das war am Anfang nicht so. Und trotzdem liebe ich diese Frau, auch wenn ich sie manchmal am liebten über das Knie legen könnte (was ich niemals tun könnte).

    Wahrscheinlich wäre es besser, wenn ich meine Frau und Werder den Rücken kehren würde. Als Bayern Fan hätte ich sicherlich weniger graue Haare. Ich kann es nicht. Es würde sich niemals richtig anfühlen. Ich bin wohl ein hoffnungsloser Fall.
     
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  14. :beer:Du hast ja Recht. Es gibt ja gute Gründe dafür, dass wir keine Bayern-Fans sind.:beer:
    Aber es sollte ja irgendetwas von dem Fortbestehen, was uns einst zu Werder-Fans gemacht hat.
    Wenn wir jetzt mit großartigem Offensivfußball gescheitert wären, hätte ich gesagt, ist ok.
    Aber das wäre ja nicht passiert. Widerspricht sich ja irgendwie selbst.
    Aber diese Dilettanten Baumann und Bode zu sehen, das hat auch nichts mit meinem Werder zu tun.
     
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  15. @marian70 Weil mir Werder so ans Herz gewachsen ist, werde ich auch nicht schweigen. Auch wenn ich ein unbedeutener Hans Wurst bin. Die Leute, die meinen Verein gegen die Wand gefahren haben, wollen diesen Verein jetzt retten. Und da sage ich ganz klar. Tut mir leid. Aber das Vertrauen ist weg. Das habt ihr verspielt. Es muss einen echten Neuanfang geben. Aber ohne euch.
     
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  16. cornholio

    cornholio

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    Das verstehe ich, weil es mir ähnlich geht. Gleichzeitig verstehe ich es nicht, weil ich mich da vielleicht auch nicht verstehe. :ugly:

    Wenn ich jetzt eine demente Frau hätte, die ich mein ganzes Leben geliebt habe, wäre es für mich auch völlig klar sie z.B. zu pflegen oder für die Pflege zu sorgen und jeden mir möglichen Beitrag zu leisten, dass es ihr besser geht bzw. zumindest nicht schlechter. Da muss ich mir auch keine Gedanken darüber machen, was rational ist. Das ist eine tief emotionale Entscheidung und Einstellung.

    Soweit geht es beim Fußball zum Glück nicht. Ich würde zwar jederzeit im angeschickerten Zustand nach einem Spiel (gleich wie es vorher ausgegangen ist) Gegenteiliges behaupten, aber diese Verbindung im Fußball hat doch ihre Grenzen. Zum Beispiel finanziell. Habe ich mir überlegt, ob eine Saison in der zweiten Liga sich positiv auf meine Chancen auswirkt, eine Dauerkarte zu kriegen? Natürlich. Habe ich mir durch den Kopf gehen lassen, ob finanzielle Unterstützung für sich fortsetzendes Missmanagement von völlig überforderten Entscheidungsträgern mich glücklich macht? Selbstverständlich habe ich das. Vielleicht steckt irgendwo in mir ein kleiner Rebell, der gerne 24/7 vor dem Stadion mit einem Baumann-Raus-Schild hocken will und in den Hungerstreik tritt. Aber für diesen Rebellen habe ich keine Zeit, kein Geld, und eigentlich auch keine Lust.

    Meine Unterstützung für den Verein ist schon seit Jahren sehr viel passiver als das bei vielen anderen von Euch der Fall ist. Vielleicht bin ich auch der stille Genießer. Vielleicht tut dann der Mangel am Genießen auch nicht so weh. Aber abgesehen von Stadionbesuchen, war da nicht so viel. Ja, doch, Mitgliedsbeiträge zahle ich noch, aber ansonsten sträube ich mich was finanzielle Unterstützung der Branche angeht weitestgehend. Es ist ein schleichender Tod meiner sehr kindlichen Fußballliebe und Werder war immer so bisschen wie die Medizin, die mich im Spiel gehalten hat. Ist es immer noch. Vielleicht zehre ich heute aber auch bisschen vom Pacebo-Effekt.
     
  17. Das geht mir auch so, die Zeiten der finanziellen Unterstützung sind erstmal vorbei. Im Stadion war ich auch schon vor Corona ewig nicht mehr, für mal eben so ist es mir nach Bremen a) zu weit b) zu teuer, jeder Stadionbesuch hat mich Minimum 100 Euro gekostet mit Karte, Verpflegung, Anreisekosten c) war es auch sportlich zu unattraktiv und d) ist es gar nicht so einfach, an Tickets zu kommen. Ein Trikot mit Wiesenhof will ich nicht haben, einen weiteren Schal brauche ich auch nicht und Schnickschnack wie Werdertassen, Werderdecken erst recht nicht. Mitglied will ich seit Baumän, Bode und Co gar nicht sein und Beiträge erst recht nicht zahlen für Verantwortliche, die das dann eh sinnlos verprassen bzw völlig überhöhte Gehälter für null Leistung kassieren. Zu der aktuellen Vereinsführung bin ich auch sehr distanziert und den Werder-Weg finde ich seit dem späten Schaaf schon scheiße. Es ist so eine Melange aus Liebe und Distanz, wenn man beim Partnerbeispiel bleibt wie eine Frau, die man früher mal sehr geliebt hat und von dieser Liebe auch noch etwas da ist, vielleicht auch etwas mehr, die in den letzten Jahren aber nicht nur schwer erkrankt ist, sondern vorher auch noch wissentlich das ganze Geld verprasst und mehr oder wenig selbstverschuldet die teure Familienkarosse im Hochwassergebiet hat stehen lassen und die Versicherung zahlt nix. Trotzdem hattest du vor 17 Jahren mal dieses wundervolle Beziehungsjahr, indem man im Sabbatjahr in Honolulu war und alles war auf Zucker, easy und fresh. Auch die Jahre danach waren mehr als okay, bis dann der schnelle Crash kam, der sich seit Jahren fortsetzt.
     
  18. Ich denke, es gab mehrere Gründe. Die Bayern haben die Liga nicht so stark dominiert wie heute, aber sie haben sie dominiert. Werder Bremen war damals ein Verein, der mithalten konnte. Und nicht nur das. Sie spielten auch besser Fußball als Bayern München. Ein brutales Foul an Völler, ein nerviger zweiter Platz aufgrund einer verpassten Strafe. Irgendwie habe ich mein Herz über diesen Verein verloren