Nico Hruby: "Ich wollte rechtzeitig zur WM 2006 fertig sein"

Menschen bei Werder, Teil 5

Als Chief Digital Officer koordiniert Nico Hruby zukunftsweisende
Als Chief Digital Officer koordiniert Nico Hruby zukunftsweisende Prozesse (Foto: W.DE).
Menschen bei Werder
Donnerstag, 04.11.2021 / 16:29 Uhr

Von Martin Lange

Als Abiturient wollte Nico Hruby Spielerberater werden, einige Zeit später dann Fluglotse. Heute ist der 39 Jahre alte Diplom-Betriebswirt Chief Digital Officer beim SV Werder Bremen, koordiniert wichtige zukunftsweisende Prozesse der Grün-Weißen und hat sich damit seinen Traum von einem Job im Fußball erfüllt.

Denn für Fußball begeisterte sich Nico Hruby bereits als Kind. 1982 in Heidelberg geboren, zog er im Alter von sechs Jahren mit der Familie nach Villingen-Schwenningen, kickte von da an beim FC Weigheim, schaute Fußball im Fernsehen, wann immer es ging, und war „fußballverrückt wie mein Vater“, wie er lachend bekennt. Er sympathisierte mit dem „Club“, „weil meine Eltern aus Nürnberg stammen“, und mit Borussia Dortmund, „weil der BVB damals Andy Möller, Jürgen Kohler und Stefan Reuter aus Italien zurückholte, die ich aus der Nationalmannschaft kannte“. Und das Ziel, später selbst im Fußball zu arbeiten, hatte Nico Hruby bereits früh klar vor Augen.

Dabei interessierte ihn schon in jungen Jahren die Verbindung von Sport und Business. „Die Entwicklungsgeschichte von Uli Hoeneß und sein Beitrag zur herausragenden Entwicklung des FC Bayern München haben mich besonders fasziniert“, verrät er. Den in der Abizeitung formulierten Wunsch, Spielerberater zu werden, über den Nico Hruby heute schmunzelt, verwarf er allerdings schon kurz nach dem Schulabschluss. Und nahm zunächst sogar Kurs auf eine berufliche Laufbahn, die nichts mit Sport zu tun hatte: „Ich habe mich für die Ausbildung zum Fluglotsen beworben.“

Sehr arbeitsintensiv und heraus-fordernd, mit viel Verantwortung für einen jungen Praktikanten.
Nico Hruby über seine Tätigkeit für das FIFA World Cup Ticketing Center

Im Bewusstsein des extrem herausfordernden Auswahlverfahrens, das ihn erwartete, gab es jedoch auch einen Plan B. Nico Hruby begann ein Studium: Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Sportmanagement in Künzelsau, einem Standort der Hochschule Heilbronn. „Eine gute Entscheidung, denn es hat mir von Anfang an richtig Spaß gemacht“, erzählt Hruby, der trotzdem nach Hamburg reiste, um am Auswahltest für die Fluglotsen-Ausbildung teilzunehmen. Doch die Enttäuschung darüber, am Ende nicht zum ausgesprochen kleinen Kreis, der sich unter den 60 Teilnehmern durchsetzte, zu gehören, hielt sich in Grenzen.

Im Rahmen des bereits fortgeschrittenen Studiums ergatterte Nico Hruby im Jahr 2005 ein Praktikum beim FIFA World Cup Ticketing Center, das zum damaligen Zeitpunkt das Ticketing für den FIFA Confederations Cup in Deutschland abwickelte. Der damals 23-Jährige leitete als Praktikant das Ticketcenter am Spielort Nürnberg und koordinierte die damit verbundenen Prozesse. „Eine spannende Erfahrung“, erinnert er sich. „Sehr arbeitsintensiv und herausfordernd, mit viel Verantwortung für einen jungen Praktikanten.“ Und so interessant und spannend, dass Nico Hruby anschließend im Studium noch einmal aufs Gaspedal trat, denn: „Ich wollte rechtzeitig zur WM 2006 fertig sein für ein weiteres Praktikum.“

Der Plan ging auf, zudem hatte Hruby ein Jahr zuvor offensichtlich so sehr überzeugt, dass es für ihn im WM-Jahr nach München ging, wo die gleiche Aufgabe wie in Nürnberg auf ihn wartete, allerdings in einem vier Mal so großen Ticketcenter. Nico Hruby bezeichnet die beiden Praktika heute als „meine berufliche Einstiegsdroge für alles, was danach noch kommen sollte“. Nach der WM wurde er von CTS Eventim, dem Dienstleister für das Ticketing des Turniers, übernommen, trat seinen „ersten richtigen Job“ als Vertriebscontroller an und kam so zum ersten Mal nach Bremen, an den dortigen Standort des Unternehmens. „Das war zum ersten Mal über längere Zeit ein Leben in der Großstadt für mich“, lacht Nico Hruby, wenn er an seine ersten Eindrücke in der Hansestadt zurückdenkt. „Ich hatte vorher nur auf dem Dorf oder in der Kleinstadt gewohnt. Aber mir hat Bremen von Beginn an gut gefallen.“

Dennoch führte ihn der Weg nach etwa einem Jahr wieder in den Süden, nach München, wo sich Nico Hruby 2007 dem Management-Team eines Start-up-Unternehmens anschloss. „Damals entstanden auch in Deutschland viele digitale Geschäftsmodelle. Wir haben eine Community-Plattform gebaut, um hochtalentierte Studenten und Unternehmen, die unter dem Fachkräftemangel litten, zusammenzubringen.“ Es folgten berufliche Stationen im Business-Vertrieb von Vodafone und beim damaligen Zweitligisten 1860 München, wo Hruby das Prozessmanagement sowie das Projektmanagement CRM verantwortete.

2010 schließlich der Wechsel zur BTD-Gruppe. Der IT-Dienstleister agiert heute unter dem Dach der schweizerischen Sportradar AG. Damals betreute BTD neben der „Allianz Arena“ in München, der DFL und dem FC Bayern unter anderem den SV Werder Bremen. Und nach einem Jahr im Unternehmen wurde Nico Hruby die Projektleitung dafür übertragen: „Ein noch komplexeres Aufgabengebiet, als ich es jemals vorher betreut hatte, daher sehr reizvoll.“ Umfangreiche konzeptionelle Arbeit, die Auswahl von Dienstleistern, mit denen IT-Projekte umgesetzt werden sollten, unter Einbeziehung fast aller Fachbereiche bei Werder. Viele Rädchen mussten daher ineinandergreifen. „Das war nicht nur fachlich eine große Herausforderung“, erinnert sich Hruby. „Menschen mussten zusammengebracht werden. Und als ‚junger Bursche‘ wurde ich nicht überall mit offenen Armen empfangen, wenn ich den ‚alten Hasen‘ erklären sollte, wie das Business läuft. In diese Rolle musste ich mich erst einfinden.“

Hruby: "Für einen Verein wie Werder zu arbeiten, ist etwas sehr Cooles"

Klar ist: Es lag nicht an Nico Hruby, dass die Zusammenarbeit des SV Werder mit BTD im Jahr 2015 auslief und sich die Grün-Weißen neu orientierten. Auch Hruby schlug schließlich einen neuen Weg ein und entschloss sich 2017 dazu, ab sofort freiberuflich tätig zu sein. „Kurz danach war ich beim 60. Geburtstag meiner Schwiegermutter, als mich Klaus Filbry anrief und mir das Projektmanagement für ein neues Ticketing-Projekt bei Werder anbot“, erzählt der Digitalisierungs-Profi. Ein willkommener Auftrag für Nico Hruby, aus dem schon bald mehr wurde, denn „wir haben uns auch über viele weitere Themen, insbesondere mit dem Schwerpunkt Digitalisierung, ausgetauscht“.

Hruby erinnert sich: „Werders Weg war es damals, den einzelnen Direktionen aufzutragen, ihre Prozesse zu digitalisieren. Das kann funktionieren, wenn entsprechende Digitalerfahrung und Ressourcen dafür vorhanden sind. Aber alle waren häufig so in ihren Alltags-Themen beansprucht, dass kaum Raum für übergreifende Projekte und strategische Themen blieb. Synergien blieben auf der Strecke.“ Also unterstützte Nico Hruby den SV Werder dabei, eine Position zu definieren, die die Fäden in der Hand hält und die Digitalisierung beim SV Werder ganzheitlich koordiniert. Und dass es später bei der Besetzung dieser Position auch um Hruby selbst ging, verwundert nicht.

Doch dass beide Seiten auf diese Weise wieder (und noch intensiver) zusammenkommen, war zunächst alles andere als selbstverständlich. „Ich hatte Gefallen an meiner Selbstständigkeit gefunden“, gibt Nico Hruby zu. „Und ich musste nicht nur entscheiden, ob ich wieder ein Angestelltenverhältnis eingehen wollte, sondern auch mit meiner Familie besprechen, was es bedeutet, wenn ich fest in Bremen arbeite.“ Inhaltlich dagegen war der Reiz der möglichen neuen Tätigkeit sofort groß: „Für einen Verein wie Werder zu arbeiten, mit dieser Tradition, den Erfolgen, der unglaublichen Fangemeinde, der Verankerung in der Region, ist etwas sehr Cooles. Dafür bin ich damals Studieren gegangen. Zudem war deutlich, dass das Thema Digitalisierung als sehr relevant für den Club bewertet wird – ein tolles Umfeld also, um daran mitzuarbeiten.“

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Letztlich passierte tatsächlich das, was für alle Beteiligten ein echter Glücksfall ist: Seit März 2019 arbeitet Nico Hruby als Chief Digital Officer (CDO) beim SV Werder Bremen und pendelt mit der Bahn zwischen seinem Büro im wohninvest WESERSTADION und dem Home Office in Pfaffenhofen, einer beschaulichen 2.000-Seelen-Gemeinde zwischen Augsburg und München. Dort lebt Hruby mit Ehefrau Sabrina, die drei Töchter (heute, 18, 15 und 13 Jahre alt) mit in die Beziehung brachte, und dem gemeinsamen neun Jahre alten „und auch schon fußballverrückten“ Sohn. Und er fällt zur großen Entfernung ein überraschendes Urteil: „Das Pendeln gibt uns auch ein Stück Lebensqualität. Wenn ich in Bremen bin, muss ich nicht pünktlich zum Abendessen zu Hause sein und kann mich fokussieren. Gleichzeitig habe ich eine höhere Flexibilität, wenn ich von zu Hause arbeite, und somit mehr ‚Quality Time‘ mit der Familie.“

Mit seinem Optimismus und seiner positiven Ausstrahlung ist Nico Hruby der ideale Kommunikator, um die verschiedenen Arbeitsbereiche bei Werder zusammenzuführen, Synergien zu schaffen, Mitarbeiter mitzunehmen. „Wir kommen dabei immer vom Thema Digitalisierung, enden da aber nicht“, beschreibt er seine Arbeit. „Sehr häufig geht es mittlerweile um grundlegende Prozesse, um Daten und Informationen, die für die tägliche Arbeit und um Entscheidungen zu treffen benötigt werden.“ Dabei seien die Grün-Weißen im Bundesliga-Vergleich in vielen Bereichen gut aufgestellt. Vergleicht man den Fußball allerdings mit anderen Branchen, in denen künstliche Intelligenz und neue Technologien eine große Rolle spielen, dann gebe es noch riesiges Potenzial, an das „wir uns aber gefühlt nicht so richtig ran trauen, häufig mit dem Argument, der Fußball sei anders“, bedauert Hruby. Das stimme zwar, und das dürfe auch nicht verloren gehen. „Dennoch gibt es vieles, was uns als Fußball-Experten dabei helfen kann, noch bessere Entscheidungen zu treffen.“

Keine Frage: Ausgewiesene Experten wie Nico Hruby sind begehrt. Doch für ihn gab es auch nach dem Abstieg aus der Bundesliga gute Gründe, dem SV Werder treu zu bleiben. „Zum einen: Ich fühle mich hier total wohl“, strahlt Hruby. „Zum anderen sehe ich vieles, was wir noch besser machen können, auch ohne großes Geld in die Hand zu nehmen oder uns als Club vollständig neu zu erfinden. Ich möchte weiterhin helfen, dieses Potenzial zu heben, Werder besser zu machen und spüre hier insgesamt eine enorme Bereitschaft und einen großen Willen, Dinge zum Positiven zu verändern.“

Jeder in seinem Umfeld spürt: Nico Hruby geht in seiner Arbeit auf. Und auch, wenn er von sich sagt, dass er nie einen Karriereplan hatte, so gibt es doch das klare Ziel, in den nächsten Jahren eine gewisse Unabhängigkeit zu erreichen: „Ich arbeite sehr gerne. Aber irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem ich genug habe oder es körperlich nicht mehr schaffe. Und dann wäre es mein Wunsch, selbst entscheiden zu können, wie viel ich noch arbeite oder ob ich ganz aufhöre. Ganz egal, ob dieser Zeitpunkt mit 50, 55 oder 70 Jahren erreicht ist…“

 

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